ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2004Der Masernausbruch in Coburg: Ergänzungen
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Der aufschlussreiche Bericht über den Masernausbruch in Coburg bedarf einiger Ergänzungen, wenn man das Problem der heutigen Impfstrategie mit dem Ziel der Maserneradikation korrekt beurteilen will.
Die geforderte Impfbeteiligung wird mit 90 Prozent angenommen, davon sind neun bis zehn Prozent Impfversager, also bleiben circa 20 Prozent eines jeden Jahrgangs ungeschützt. Nachdem die großen Epidemien schon 30 Jahre nach Beginn der Massenimpfungen ausgesetzt haben, werden bald 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ungeschützt sein. Dabei ist die Zahl der Menschen mit verlorenem Impfschutz nicht eingerechnet. Ein eingeschlepptes Masern-Wildvirus kann dann eine große Epidemie auslösen, wie sie früher im Kleinkindalter stattfanden (mit Enzephalitis-Komplikation bei 1 : 15 000). Jetzt werden dann aber vorwiegend Jugendliche, Erwachsene und Säuglinge betroffen sein mit extrem höheren Komplikationszahlen (zum Beispiel Enzephalitis bei 1 : 500 und zehnfach höheren Todeszahlen). Der Medizinstatistiker Levy schreibt: „Wenn, theoretisch, – bei gleichbleibender Impfpraxis in USA – im Jahr 2050 eine Epidemie auftritt und nur die Hälfte der Empfänglichen infiziert wird, kann es über 25 000 Maserntote geben, basierend auf der Annahme, dass es bei über 20-Jährigen auf 1 000 Erkrankungen 2,37 Tote geben kann“.
Es ist nicht die Frage, ob, sondern nur wann eine größere Masernepidemie auftritt, je später desto verheerender für die Erwachsenen. Ob mehrfache Wiederholungsimpfungen die erhoffte Wirkung haben, ist noch nicht erwiesen. Neben Cholera, Pest und Tollwut ist seit Januar 2001 (IfSG) auch Masernverdacht und
-krankheit namentlich zu melden, Schul- und Kindergartenbesuch kann bei Ungeimpften verboten und Zwangsriegelungsimpfungen können angeordnet werden, und vieles andere mehr: ein Zwangszenario ins Ungewisse.
Die Argumente für eine Ausrottungsstrategie beruhen auf falschen Komplikationszahlen im Kindesalter – zu Beginn wurde die Enzephalitis-Häufigkeit mit 1 : 1 000 angegeben. Die Folgen der Spätmanifestation im Erwachsenenalter werden gar nicht berücksichtigt.
Die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf die Coburger Epidemie mit den 1 191 Fällen war außergewöhnlich. Früher, bei totaler Durchseuchung im Kindesalter, waren 500 000 Masernfälle pro Jahr (entsprechend der Geburtenziffer) keine Zeile wert. Aus den Praxen der beiden homöopathisch arbeitenden Kinderärzte, denen diverse Sanktionen angedroht wurden, ist nur jedes 70. Kind – ohne Einweisung – stationär behandelt worden, aus den übrigen Praxen jeder zehnte Krankheitsfall. Auf die früheren Verhältnisse bezogen, hätten wir damals jährlich 50 000 Masernfälle in den Kliniken behandelt. Zu diesen Panikreaktionen hat sicherlich auch die in den Zeitungen zitierte Aussage des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission des Bundesgesundheitsamtes (STIKO) beigetragen, dass jetzt bei 1 000 Masernfällen der erste Todesfall zu erwarten sei. Arenz und andere berichten: „Todesfälle und Enzephalitiden wurden weder gemeldet noch in den Arztbriefen aufgeführt“. „Die Diagnose Otitis media wird möglicherweise etwas überschätzt.“
Vor 18 Jahren hat der Impfexperte Stickl die Problematik der Ausrottungsstrategie verstanden und geäußert: „Bei uns sind einige ,Impfgegner‘ in Bezug auf die Masernimpfung ein Segen: Durch immer wieder auftretende so genannte Wildmasern haben diese Impfgegner dafür gesorgt, dass der Impfschutz stabil bleibt.“ Eine kaum abzuschätzende Zahl von nur geimpften Kindern in Coburg kann dieser Epidemie dankbar sein, dass sie, unbemerkt aber endgültig, durch echte Masernviren geschützt sind.
Das wichtigste Ziel muss sein, die Masern bei Erwachsenen zu verhindern. Die einen erreichen dieses Ziel, indem sie durch die Masernkrankheit ihr Kind endgültig schützen wollen. Die anderen müssen sich durch eventuell wiederholte Testungen und Impfungen im Erwachsenenalter vor einer erheblich komplikationsreicheren Krankheit schützen. Dieselbe Problematik besteht bei den anderen „Kinder“-krankheiten Mumps, Windpocken und so weiter.
Die individuelle Impfentscheidung muss erhalten bleiben.
Dr. med. Harald von Zimmermann
Richard-Wagner-Straße 16
50999 Köln

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