ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2004Gesundheitskosten: Vorsicht mit Versprechungen

POLITIK

Gesundheitskosten: Vorsicht mit Versprechungen

Beske, Fritz

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LNSLNS Einsparungen in Milliardenhöhe werden oft versprochen, aber selten bewiesen.

Weniger behaupten, mehr beweisen – diese goldene Regel, Grundlage des Vertrauens in publizierte Daten, sollte mehr Beachtung finden und dies auch in Bezug auf das Einsparvolumen im Gesundheitswesen, das unterschiedlichen Maßnahmen zugeschrieben wird. Es fehlen Begründungen, Berechnungen und Beweise. Selbst die Bezugsgröße, Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung oder Gesundheitswesen insgesamt, wird in den meisten Fällen nicht genannt. Im Ergebnis entsteht der Eindruck, dass Geld verschleudert wird und dass mit gezielten Maßnahmen Ausgaben in Milliardenhöhe gespart werden können.
Kleine Chronik munterer Vorschläge
Eine Auswahl von Zitaten ist nicht ohne Erkenntniswert. Zitieren wir diese Auswahl in chronologischer Reihenfolge:
- „Theoretisch bei nicht saldierter und nicht diskontierter Betrachtung lassen sich rund 25 bis 30 Prozent
der künftigen Gesundheitsausgaben in Deutschland durch langfristige Prävention vermeiden.“ (Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen in seinem Gutachten 2000/2001 Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit)
- „Mehr Wettbewerb und Effizienz im Gesundheitswesen könnten etwa den Beitragssatz zur Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung um zwei Prozentpunkte auf rund zwölf Prozent drücken.“ (Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, „BDI kritisiert die Bundesregierung scharf“. Die Welt vom 30. April 2002)
- „Unser System könnte 20 Prozent billiger sein – allerdings frühestens in zehn Jahren, wenn Reformen wie die Stärkung der Hausärzte und der Prävention sowie der Abbau der doppelten Facharztstruktur in Praxen und Krankenhäusern wirklich greifen würden.“ (Prof. Karl Lauterbach, „Nur Luxus-Medizin privat versichern“. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 2003)
- „Würde nun das Konzept der breiten Prävention von jedem Einzelnen angewandt, könnte das Gesundheitssystem um rund 110 Milliarden Euro jährlich entlastet werden.“ (Berufsverband Deutscher Präventologen, „Experten sehen Sparpotenzial von 110 Milliarden Euro“. Die Welt vom 15. Januar 2003)
- „Es gebe Schätzungen, nach denen in Verbundsystemen ein Drittel der bisherigen Gesundheitskosten wegfielen.“ (Ge­sund­heits­mi­nis­terin Nordrhein-Westfalens Birgit Fischer, „Fischer will starke Netzwerke bilden“. Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 28. März 2003).
- „Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat Vorschläge zur Gesundheitsreform unterbreitet, die den Beitragssatz um insgesamt 3,7 Prozent entlasten sollen:
- Abschaffung der doppelten Facharztversorgung; 30 000 Fachärzte wechseln als Angestellte in Kliniken. Einsparung: 3,7 Milliarden Euro.
- Konsequente Gesund­heits­förder­ung: Krankenstand vermindert sich um zwei Tage. Einsparung: 6,1 Milliarden Euro.
- DMP ausbauen; mehr Qualität und Effizienz bringt 5,65 Milliarden Euro.
- Kampf gegen Korruption: zwei Milliarden Euro.
(Pressekonferenz von ver.di, Ärzte Zeitung vom 9. April 2003)
- „Wir können nicht mehr hinnehmen, dass jährlich rund vier bis sechs Milliarden Euro allein durch fehlende Compliance vergeudet werden.“ (Eike Hovermann, SPD-Bundestagsfraktion, „Dynamisch gestaltete Reformen“. Gesellschaftspolitische Kommentare Nr. 5, Mai 2003)
- „Das eigentliche Problem ist, dass das Misstrauen im Gesundheitswesen zwischen allen Beteiligten zu immer mehr Prozeduren und Zwängen führt, die nichts mit der Versorgungsauf-
gabe zu tun haben. Inzwischen fließen 40 Prozent der Geldmittel der sozialen Kran­ken­ver­siche­rungen in solche Prozesse, die de facto eine Mittelvergeudung darstellen.“ (Dr. Ellis Huber, „Pflichtversicherung für alle“, Interview in der ARD-Tagesschau vom 21. Mai 2003)
- „Im Gesundheitswesen ließen sich Kosten von täglich 13,7 Millionen, also rund fünf Milliarden Euro jährlich einsparen, wenn die verfügbaren Informations- und Kommunikationstechniken eingesetzt würden“. („Chipkarte soll Kosten senken; Ge­sund­heits­mi­nis­terin plant Großversuch im nächsten Jahr“. Presseschau des AOK-Bundesverbandes vom 3. Juni 2003)
- Nach Meinung der Gummersbacher Unternehmensberatung Kienbaum könnten die gesetzlichen Krankenkassen ihre Ausgaben um 16 Prozent auf jährlich 114,7 Milliarden Euro senken. Genannt werden Kostentransparenz, Wettbewerb um Qualität, verbindliche Definition von Behandlungsleitlinien, Leitlinien im stationären Sektor und Wahl von Versicherungspaketen. („Sparmenü soll für zwölf Prozent Beiträge sorgen“. Ärzte Zeitung vom 16. Juni 2003)
- „Mit modernen Informationstechnologien können nach Ansicht
des Darmstädter Mediziners Matthias Herbst die Kosten im Gesundheitswesen um mehr als zehn Prozent gesenkt werden. Allein damit sind mehrere Milliarden Euro zu sparen.“ („Chipkarte mit Passbild spart Milliarden Euro“. Ärzte Zeitung vom 27./28. Juni 2003)
- „Es gibt in unserem Gesundheitswesen so viel Verschwendung, dass man unser Gesundheitssystem reformieren kann, ohne Leistungen einzuschränken.“ (Georg Braun, Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages, „Nur eines bisher sicher: Bürger müssen mehr zahlen“. Kieler Nachrichten vom 14. Juli 2003)
- „Wenn wir gute Medizin zu bezahlbaren Preisen für alle garantieren wollen, müssen wir die Rationalisierungsreserven des Gesundheitswesens ausschöpfen. Und die liegen meiner Überzeugung nach bei 20 bis 30 Prozent, eher bei 30.“ (Prof. Heinz Lohmann, Vorsitzender der Hamburger Krankenhausgesellschaft, „Klinik der Zukunft arbeitet wie Einkaufscenter“. Die Welt vom 18. Juli 2003)
- Wenn es gelänge, den Betrug einzudämmen, so rechnet Transparency international vor, sei es prinzipiell möglich, das Gesundheitssystem mit den vorhandenen Mitteln zu finanzieren. („Das kranke System“. Welt am Sonntag vom 27. Juli 2003)
- Kurt G. Blüchel schreibt unter der Überschrift „Arzneimittel-Tollhaus Deutschland. Das Diktat des Überflusses. Eine Bestandsaufnahme der gigantischen Verschwendung im deutschen Medizinbetrieb“ in der Frankfurter Rundschau vom 16. August 2003: „Der von Bundesregierung und Opposition ausgehandelte Gesundheitskompromiss gebietet der systematischen Plünderung der Krankenkassen durch medizinische Überversorgung kaum Einhalt. Die Verschwendungsorgie im Gesundheitswesen kostet die Versicherten aber jährlich 50 Milliarden Euro.“
- „Ohne aktive Mitwirkung der Bevölkerung sei die notwendige Reform nicht zu leisten“, betonte Müller (Bayerns Gesundheitsstaatssekretärin Emilia Müller; Verf.). Der Schlüssel hierfür seien mehr Prävention und Eigenverantwortung. Auf diese Weise könnten langfristig in Deutschland jährlich bis zu 70 Milliarden Euro gespart werden. („Bayern setzt große Hoffnungen in die Prävention.“ Ärzte Zeitung vom 2. März 2004)
- „Durch mehr Prävention können nach Schmidts Auffassung Gesundheitsausgaben in Milliardenhöhe eingespart werden. Allein bei den chronischen Rückenerkrankungen könnten jährlich 1,5 Milliarden Euro Ausgaben eingespart werden. Die Verringerung von Folgeerkrankungen bei Patienten mit Diabetes um 20 Prozent würde weitere drei Milliarden Euro sparen, erklärte Schmidt.“ („Regierung sucht nach Financiers für nationale Präventionskampagnen“. Ärzte Zeitung vom 22. März 2004)
- „Dr. Gottfried Dietzel vom BMGS betonte die Einsparmöglichkeiten, die mit einer einrichtungsübergreifenden Telematikplattform verbunden seien und bezifferte sie auf 20 Prozent der Gesamtkosten des deutschen Gesundheitssystems innerhalb von zehn bis 15 Jahren.“ („Telematik könnte Gesundheitswesen verbilligen“. Ärzte Zeitung vom 3. Mai 2004)
Gigantische Summen – auf dem Papier . . .
Werden die hier genannten Einsparvolumina addiert, was theoretisch zumindest in Grenzen möglich ist, da unterschiedliche Bereiche mit Einsparvolumen genannt werden, könnten gigantische Summen gespart werden. Die Probleme wären gelöst, denn die Ausgaben der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung beliefen sich im Jahr 2002 auf insgesamt rund 144 Milliarden Euro, im Gesundheitswesen insgesamt auf rund 235 Milliarden Euro.
Niemand bezweifelt, dass es in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wie in jeder anderen Institution und wie in jedem anderen Gesundheitswesen der Welt Effizienzreserven gibt, und nichts sollte unversucht bleiben, um diese Effizienzreserven zu mobilisieren. Und nichts sollte unversucht bleiben, um zum Beispiel die Qualität der Versorgung zu verbessern, und zwar um der Versorgungsqualität willen. Ob dabei Kosten gespart werden können, ist offen.
. . . aber ohne realen Hintergrund
Was bleibt, ist die nüchterne und die ernüchternde Erkenntnis, dass kaum etwas von dem, was als Einsparvolumen in Milliardenhöhe genannt wird, einen realen Hintergrund hat.

Prof. Dr. med. Fritz Beske, MPH
Weimarer Straße 8
24106 Kiel
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