ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2004„Kriegskinder“ im Alter: Bei Diagnose historisch denken

THEMEN DER ZEIT

„Kriegskinder“ im Alter: Bei Diagnose historisch denken

Dtsch Arztebl 2004; 101(27): A-1960 / B-1637 / C-1571

Radebold, Hartmut

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Die psychosozialen Folgen einer Kindheit im Zweiten Weltkrieg wurden lange Zeit nicht wahrgenommen oder tabuisiert. Ein Plädoyer, umzudenken


Die Novelle von Günter Grass „Im Krebsgang“ (2002) und das Buch von Jörg Friedrich „Der Brand“ (2002) machten auf zwei Folgen des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges aufmerksam, nämlich Flucht/
Vertreibung und Bombenkrieg. Seit 2002 hat sich die Diskussion darüber in kaum vorstellbarem Maße intensiviert. Sie spiegelt sich in den Medien durch Fernsehberichte und -serien, Rundfunkbeiträge, durch Bücher- und Zeitschriftenbeiträge, ebenso in Zeitzeugenberichten wider.
Viele (auto-)biografische Publikationen befassen sich mit
familiären Ereignissen. Die Zeitzeugen informieren (teilweise erneut, teilweise erstmalig) über ihre damaligen schrecklichen Erlebnisse und über ihre Prägungen durch Krieg und Nachkriegszeit. Der Eindruck wird vermittelt, als ob das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg als Ereignisse des vorigen Jahrhunderts keine Bedeutung mehr für heutiges individuelles oder gesellschaftliches Befinden hätten, weil die Beteiligten oder von dieser Zeit Betroffenen längst verstorben seien. Dieser Eindruck ist nicht richtig.
75 Prozent der heute über 60-Jährigen erlebten die damalige Zeit als Kinder/Jugendliche und damit als passiv Betroffene. Eine weitere Teilgruppe erlebte das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg als jüngere Erwachsene (Textkasten).
Der Zweite Weltkrieg hinterließ 1,8 Millionen Witwen und 2,5 Millionen Halbwaisen in Deutschland (4) – nach US-amerikanischer Schätzung in Europa circa 20 Millionen Halbwaisen (11). Vermutlich wurden 14 Millionen Menschen vertrieben. Auf der Flucht starben circa 0,5 Millionen und weitere 0,5 Millionen aufgrund von Bombenangriffen (weitgehend Frauen, Kinder und Ältere [2]). Als Beschädigungen, teilweise traumatisierender Art, kommen infrage: langfristige oder dauerhafte väterliche Abwesenheit, ständige Bombenangriffe/Ausbombung, Flucht/ Vertreibung mit Heimatverlust, Aufwachsen in einer teils feindselig eingestellten Umwelt mit starken sozialen und materiellen Einschränkungen.
Teils Erinnerung an abenteuerliche Zeit
Circa 20 bis 25 Prozent der damaligen Kinder/Jugendlichen (geboren zwischen 1929 und 1945) wuchsen Schätzungen zufolge unter dauerhaft beschädigten familiären, sozialen und materiellen Bedingungen auf, weitere 25 bis 30 Prozent unter lange anhaltenden vergleichbaren Bedingungen. Dagegen erlebten offenbar 40 bis 45 Prozent der damaligen Kinder und Jugendlichen keinerlei Einschränkungen – entsprechend erinnern sie sich an eine abenteuerliche Zeit mit vielen Freiräumen (8).
Keinesfalls dürfen die Erfahrungen im Krieg mit Traumatisierungen gleichgesetzt werden. Auch damals standen – wenn auch in deutlich geringerem Umfang als gewünscht – protektive Einflüsse, wie zum Beispiel eine stabile Mutter-Kind-Beziehung, eine
Großfamilien-Situation und andere Männer (ältere Brüder, Großvater und neue Partner) zur Verfügung. Im späteren Erwachsenenleben stifteten oftmals stabile Partnerschaften Sicherheit.
Die wenigen Forschungsergebnisse belegen jedoch als Folgen:
- Ausbombung und Vertreibung zeigen bis heute massive Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit und die psychosoziale Gesundheitsfunktionsfähigkeit bei Depressivität und sozialem Rückzug (2).
- Symptome einer partiellen posttraumatischen Belastungsstörung finden sich häufiger, einer vollständigen dagegen selten (10). Speziell bei Ausbombungen zeigen sich häufig fortbestehende Panikattacken und Angstzustände (2).
- Die langfristige (Kriegsteilnahme/ Gefangenschaft) und dauerhafte (gefallen, vermisst, Verwundungen und/oder Krankheiten erlegen) Abwesenheit des Vaters führte aufgrund einer symbiotischen Mutter-Kind-Beziehung bei fehlenden Möglichkeiten einer Triangulierung, insbesondere bei den Söhnen zu eingeschränkter bis verunsicherter psychosozialer und psychosexueller Identität sowie auch zu Beziehungs- und Bindungsstörungen (6). Während des Alterns fällt eine zunehmende psychische Ermüdung auf (2).
- Interpretiert man diese Belastungen als chronischen und überfordernden Stress, so scheinen diese biografischen Erfahrungen hohe Risikofaktoren für körperliche, zum Beispiel koronare Erkrankungen, darzustellen (4).
- Intergenerationell wurden eine gefühlsmäßige Unerreichbarkeit der Eltern, eine Aufforderung zur Identifizierung mit den erlebten Schrecken der Eltern (sich widerspiegelnd in Träumen, Fantasien und Verhaltensweisen) sowie eine Überforderung der nächsten Generation durch die Hoffnung, dass diese ihre traumatisierten Eltern psychisch auffangen und stabilisieren sowie ihre schrecklichen Erinnerungen aufbewahren sollten, weitergegeben (7).
Vernachlässigung der Körperfürsorge
Die Erfahrungen von damals – unterstützt durch ein entsprechendes Ideal- und Selbstbild – führten zu zahlreichen, auffallenden und erst im Rückblick verstehbaren ich-syntonen, das heißt scheinbar selbstverständlichen, Verhaltensweisen. Dazu zählt die Vernachlässigung
der Fürsorge für den eigenen Körper: Vorsorgeuntersuchungen werden nicht konsequent wahrgenommen, Krankheiten nicht dauerhaft behandelt, Nachsorge/Rehabilitation vernachlässigt, auf eigene Belastungen wird wenig Rücksicht genommen bei ausgeprägtem altruistischem Verhalten. Diese ich-syntonen Verhaltensweisen halfen besonders den Jungen, Kriegs- und Nachkriegszeit zu überleben. Sie erweisen sich jetzt jedoch für die Männer als zunehmend gefährlich.
Der Krieg ist zu Ende: Schulkinder im Mai 1945 vor den Ruinen des heutigen Ernst-Reuter-Platzes (damals: Am Knie) in Berlin-Charlottenburg. Foto: picture-alliance/akg
Der Krieg ist zu Ende: Schulkinder im Mai 1945 vor den Ruinen des heutigen Ernst-Reuter-Platzes (damals: Am Knie) in Berlin-Charlottenburg. Foto: picture-alliance/akg
Viele Kinder und Jugendliche von damals wuchsen mit dem Eindruck auf, dass alle ähnliche Erfahrungen gemacht hätten. Bei dem so vermittelten Empfinden einer „normalen“ Lebenssituation handelte es sich allerdings um eine pathologische Normalität. Die Eltern und Verwandten damals waren indes mit dem eigenen Leid und ihren schrecklichen Erfahrungen beschäftigt. Auch hofften sie, dass die Kinder schnell vergessen würden. Man war offensichtlich froh, dass die Kinder „funktionierten“ und sich normal entwickelten. Gesprochen wurde in den Familien wenig und über Gefühle wie Angst, Panik, Verzweiflung, Trauer oder Verlassensein noch weniger. So kam es zur Abspaltung und Verdrängung der mit den Erfahrungen zusammenhängenden Gefühle. Letztlich blieben nur die abenteuerlichen Geschichten übrig (6).
Während der Schulzeit und dem jüngeren Erwachsenenalter wurde und war die Frage der deutschen Schuld identitätsbildend und sogar identitätsstiftend. Das eigene – selbst geleugnete, bagatellisierte oder abgespaltene – Leid durfte anscheinend angesichts der deutschen Taten keine Rolle spielen. Später, als Erwachsene, sprachen sie auch nicht über erlebten Schrecken, Leid und Kummer – auch nicht die 68er-Generation. Suchten sie dann im mittleren Lebensalter wegen diffuser Symptome, sich wiederholender Beziehungsstörungen sowie verunsicherter psychosexueller und psychosozialer Identität psycho-
therapeutische Hilfe, so wurde diese Symptomatik keinesfalls mit einer entsprechenden Kriegskindheitsgeschichte in Verbindung gebracht (6). Oft wurde sogar ein vom Patienten vermuteter Zusammenhang vom Therapeuten geleugnet.
Trauma-Reaktivierungen durch aktuelle Kriege
Erstmals artikulieren sich derzeit die Kriegskinder selbst (1, 5, 8). Alle Autobiografien belegen kumulierte, teilweise eindeutig traumatisierende Erfahrungen sowie bis heute anhaltende psychosoziale Folgen, die sich in der Alternssituation verstärken können. Der Eintritt in das Alter bietet aber auch – im Sinne einer „letzten Chance“ – aufgrund von mehr Zeit, dem Wegfall der Berufstätigkeit und intergenerationeller sozialer Pflichten die Möglichkeit, sich erstmals und angesichts der begrenzten
Lebenszeit letztmals mit der eigenen Biografie auseinander zu setzen. Zusätzlich angestoßen durch neue Kriege zeigen sich häufig Trauma-Reaktivierungen. Diese führen zu lang anhaltenden – ohne Rückgriff auf eine entsprechende Biografie unverständlich bleibenden – Folgen (8).
Ärzte begegnen den betroffenen über 60-Jährigen in allgemeinmedizinischen, internistischen, orthopädischen, psychiatrischen, psychotherapeutischen Praxen, in geriatrischen und gerontopsychiatrischen Institutionen, Rehabilitationskliniken sowie in Altenpflegeeinrichtungen. Wegweisende Symptome/Verhaltensweisen können sein:
- erstmals im Alter auftretende depressive Symptome,
- erstmals auftretende oder zunehmende Angstzustände/Panikattacken,
- ungenügende Compliance bei Früherkennungsuntersuchungen, Dauerbehandlungen und Nachsorge,
- angstvolle Unruhezustände mit Gefühlen von Erschrecken, Verfolgt- und Bedrohtsein, mit Nacherleben von Kriegssituationen (gerade bei Pflege und Abhängigkeit, bei leichten hirnorganischen Veränderungen und in der Sterbephase),
- Unmöglichkeit, zu trauern bei Verlust vom Partner/Partnerin.
Historisch denken heißt: mögliche Zusammenhänge erkennen und abklären. Hinweise ergeben bestimmte Jahrgänge und Geburtsorte, historische Ereignisse und anderes. Eine Nachfrage ohne Vorwürfe – es handelt sich bei den meisten nicht um die für den Krieg verantwortlichen Erwachsenen, sondern um die beschädigten Kinder und Jugendlichen – erlaubt, Ereignisse und mögliche Zusammenhänge anzusprechen. Parallel zu der Entlastung wird oft eine Beratung darüber möglich, welche therapeutischen Maßnahmen (7) erneute Stabilität bewirken könnten.
Immer wieder wird gefragt, ob man nicht die alten Geschichten ruhen lassen sollte. Dies ist eindeutig die Angst der Jüngeren, dass die Älteren psychisch dekompensieren könnten. Ein behutsames Gespräch kann denen, die schon immer und jetzt erst recht unter ihrer Geschichte leiden, helfen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 1960–1962 [Heft 27]

Literatur
1. Bode S: Die vergessene Generation – die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Stuttgart: Klett-Cotta 2004. 
2. Brähler E, Decker O, Radebold H: Beeinträchtigte Kindheit und Jugendzeit im Zweiten Weltkrieg. In: Radebold H (Hrsg.): Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. psychosozial 2000; 26: 51–60.
3. Friedrich J: Der Brand. München: Propyläen, 511.
4. Greb T, Pilz U, Lamparter U: Das Erleben von Krieg, Heimatverlust und Flucht in Kindheit und Jugend bei einem Kollektiv bypassoperierter Herzinfarktpatienten. In:
Radebold H (Hrsg.): Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. psychosozial 2000; 26: 39–44.
5. Lorenz H: Kriegskinder – das Schicksal einer Generation, München: List-Verlag 2003.
6. Radebold H: Abwesende Väter – Folgen der Kriegskindheiten in Psychoanalysen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000.
7. Radebold H: Abwesende Väter und Kriegskindheit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004.
8. Schulz H, Radebold H, Reulecke J: Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration. Berlin: Ch. Links Verlag 2004.
9. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 2003 für die Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart: Metzler-Poeschel 2003.
10. Teegen F, Meister V: Traumatische Erfahrungen deutscher Flüchtlinge am Ende des II. Weltkrieges und heutige Belastungsstörungen. ZfGP 2000; 13: 112–124.
11. Werner E: Unschuldige Zeugen. Der Zweite Weltkrieg in den Augen von Kindern. Hamburg/Wien: Europa Verlag 2001: 11.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Hartmut Radebold
Habichtswalder Straße 19
34119 Kassel


Textkasten
Die heute über 60-Jährigen
Knapp 24 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland sind 60 Jahre alt und älter; entsprechend umfasst diese Altersgruppe ein Drittel aller Erwachsenen. Ordnet man sie bestimmten Altersgruppen zu, so leben noch (9):

- als aktiv und damit möglicherweise auch als
verantwortlich Beteiligte am Zweiten Weltkrieg (das heißt: 1945 bei Kriegsende 25 Jahre und älter, also vor 1920 geboren): 0,68 Millionen Männer und 1,92 Millionen Frauen (2,6 Millionen);
- als möglicherweise noch aktiv am Zweiten Weltkrieg Beteiligte (das heißt: 1945 bei Kriegsende 18- bis 24-jährig und damit wahrscheinlich als junge Soldaten/Frauen in der Kriegsproduktion/als Wehrmachtshelferinnen oder bei der Kinderlandverschickung): 1,54 Millionen Männer und 3,68 Millionen Frauen (5,22 Millionen);
- als passiv Beteiligte (das heißt: bei Kriegsende 1945 unter 18-jährig) 7,9 Millionen Männer und 8,73 Millionen Frauen (16,63 Millionen).
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