VARIA: Post scriptum

Geheul der Totenglocke

Dtsch Arztebl 1996; 93(48): [48]

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Die Natur des Schachspiels fordert vielleicht mehr als andere menschliche Beschäftigungen zu begeisterter Zustimmung oder absoluter Verdammung geradezu heraus. Dieser Widerspruch zieht sich durch die Geschichte, zeigt sich aber auch bei einzelnen in vielen Abstufungen. So ächtete und verbot der heilige Bernhard von Clairvaux Schach als ein "fleischliches Vergnügen". Mehr Herz als der heilige Bernhard für die fleischlichen Schwächen und Verstrickungen der Schachspieler hatte der selbst spielende Papst Innozenz III.: "Wenn jemand Schach spielt und infolgedessen streitet und seinen Gegner tötet, soll solcher Totschlag als zufällig und nicht vorsätzlich angesehen werden." In der Familie Goethes wurde zeitweise gerne Schach gespielt. So schreibt seine Mutter: "Wir haben jetzt ein groß gaudium am Schachspiel, lachen was rechts über den Matzbumbes von König, den jeder laffe Schach machen kann." Johann Wolfgang war da wesentlich zurückhaltender, ja sogar höchst ambivalent. Zwar lehrt er seinen Sohn August Schach und meint zufrieden: "Es geht schon ganz artig damit" oder hält Schach gar für ein Sinnbild des menschlichen Miteinanders: "Ich stehe immer wie über einem Schachspiel und halte keinen Zug des Gegners für unbedeutend" bzw. wird Schach ihm zu einem "Probierstein des Gehirns", aber auch: "Ich wollte lieber das Geheul der Totenglocke, lieber das Gebell des knurrischen Hofhunds hören als von Läufern, Springern und anderen Bestien das ewige ,Schach dem König'!"
Der russische Arzt Wassili Omeljanski wiederum hatte sich das Goethesche Verdikt nicht zu eigen gemacht. Er spielte sogar in der russischen Meisterschaft 1905 in St. Petersburg und erreichte in seiner Partie gegen Akiba Rubinstein ein berühmtes Remis.
Scheinbar steht er als Schwarzer am Zug hoffnungslos auf Verlust. Er hat eine Figur weniger, sein König ist bewegungsunfähig eingeklemmt. Doch just aus diesem Umstand konnte er auch Hoffnung schöpfen und mit einer herrlichen Idee das Remis erzwingen. Wie kam’s?


Lösung:
Schwarz bot mit 1....Ta8! auch noch seinen Turm an, weil es nach der Annahme des Opfers mit 2. Txa8 remis durch Patt (Schwarz kann nicht mehr ziehen, ohne daß sein König im Schach stünde) wäre. In der Partie folgte 2. Ke7+Txb8 3. Lxb8 Kh8 4. Kf6 Kg8 5. Le5 Kf8 (fatal wäre 5....Kh8 6. Kf7 matt gewesen) mit Friedensschluß. Weiß kann den schwarzen König weder aus seinem "goldenen" Käfig vertreiben noch ihn dort mattsetzen.

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