ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2004Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse

BÜCHER

Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse

Mitchell, Stephen A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Relationale Psychoanalyse: Überzeugend und anregend
Stephen A. Mitchell: Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2003, 238 Seiten, kartoniert, 29,90 €
Dieses Buch des früh verstorbenen Stephen Mitchell ist ein engagiertes, theoretisch gut begründetes Plädoyer für eine Psychoanalyse, die die wechselseitige Bezogenheit von Patient und Analytiker zum wichtigsten Paradigma erklärt. Überzeugend führt der Autor vor Augen, in welch hohem Maß der Einzelne in Beziehungen eingebunden ist, sodass der Einfluss ihrer Funktionsweisen und ihrer inneren Konturen kaum jemals in ihrer vollen Bedeutung erfasst werden.
Ein interessanter Ansatz von Mitchells relationaler Psychologie ist seine implizite Kulturkritik, die den Umstand fokussiert, dass die psychologischen Lehren der westlichen Kulturen dazu neigen, die eigene Seele als exklusiven individuellen Besitz darzustellen, „der unter unserer omnipotenten Kontrolle steht, während der intersubjektive Austausch mit anderen eine Frage der Intention ist“. Dass eine intersubjektive Psychoanalyse deshalb aber auf eine differenzierte Motivationstheorie verzichten zu können glaubt, leuchtet allerdings nicht völlig ein.
Der amerikanische Originaltitel „Relationality. From Attachment to Intersubjectivity“ gibt das Programm dieses Buches treffend wieder. Mitchell sieht die relationalen Konzepte in der psychoanalytischen Literatur nicht als konkurrierende, sondern verwendet sie als Konzepte, die verschiedene, komplex zusammenspielende Beziehungsdimensionen beschreiben. Konsequent und ihrer Bedeutung angemessen werden die Arbeiten der wichtigen Theoretiker einer relationalen Psychoanalyse, von Loewald, Fairbairn, Winnicott und Bowlby argumentierend wiedergegeben.
Diese theoretischen Ausführungen, die den Großteil des Buches ausmachen, sind überzeugend und überaus anregend, weshalb dieses Buch jedem Psychoanalytiker, der auch wissenschaftlich arbeitet, von Nutzen sein wird, weil er seine eigene Theorien nochmals zu überdenken genötigt sein wird. Die etwas spärlich ausgefallenen klinischen Beispiele bleiben leider merkwürdig blass, und auch das von Mitchell angeregte Modell verschiedener Interaktionsmodi lässt nicht sicher erkennen, inwieweit die relationale Psychoanalyse – sieht man von einer aus der Theorie obligat abzuleitenden antihierarchischen Bezogenheit ab, was die Haltung des Therapeuten angeht – wesentliche Beiträge zur psychoanalytischen Behandlungstechnik zu leisten vermag. Christian Maier
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote