ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Versicherten-Chipkarte: Eiertanz

SEITE EINS

Versicherten-Chipkarte: Eiertanz

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Sosehr die Bonner Regierungskoalition auch be-müht ist, mit drakonischen gesetzlichen Maßnahmen die Ausgabenentwicklung im Bereich der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zu drosseln und das Inanspruchnahmeverhalten der Versicherten zu zügeln, in einem Punkt tritt Bonn auf der Stelle: Vorerst jedenfalls soll die Krankenversichertenkarte ("Chipkarte") unverändert eingesetzt werden können, ohne Vorkehrungen zu treffen, um eine unerwünschte Mehrfachinanspruchnahme von Vertragsärzten während ein und desselben Quartals zu kontrollieren und zurückzudrängen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer bekundete zwar wiederholt Sympathie für die Wünsche der Ärzteschaft und insbesondere den Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen eine "Option" einzuräumen, um die Chipkarte entsprechend zu modifizieren. Schließlich hat die Fallzahlenanalyse (Entwicklung der Zahl der Fälle beziehungsweise Krankenscheine) durch das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung eindeutig nachgewiesen, daß gerade seit Einsatz der Chipkarte ab Anfang 1994 (und des Ersatzes des papierenen Krankenscheines) die Direktinanspruchnahme von Fachärzten und die Mehrfachinanspruchnahme von Ärzten gleicher Fachrichtung deutlich zugenommen haben. Dies kann zu medizinisch unerwünschten Folgen und zu vermeidbaren Ausgabenschüben bei den Krankenkassen führen. Entsprechend müßte die Politik auch daran interessiert sein, mißbräuchliche Inanspruchnahmen abzustellen.
Namentlich der Hartmannbund hatte empfohlen, daß die Chipkarte nach der jeweils ersten Inanspruchnahme des Fachgebietes im Kalendervierteljahr für jede weitere Inanspruchnahme desselben Fachgebietes ohne Überweisung gesperrt werden solle. Auch der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands e.V. (BDA) hatte dies anläßlich der jüngsten Delegiertenversammlung im September angeregt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat "aus aktuellem Anlaß" Seehofer aufgefordert, den Karteninhalt entsprechend zu ändern und zu ergänzen – allerdings ohne das Recht auf freie Arztwahl zu beschneiden oder dem Primärarztmodell Vorschub zu leisten.
Seehofer steckt in einer Zwickmühle: Das Kartenänderungsprojekt ließe sich ohne Zweifel nicht im Eilzugstempo erledigen und zeitgleich mit den beiden GKV-Neuordnungsgesetzen gesetzlich über die Hürden hieven. Der Inhalt der Chipkarte ist exakt und abschließend per Gesetz festgelegt, so daß eine spezialgesetzliche Regelung notwendig wäre – einmal davon abgesehen, daß datenschutzrechtliche Bedenken etwa gegen die nachträgliche Prüfung des versichertenbezogenen Inanspruchnahmeverhaltens überprüft und gegebenenfalls ausgeräumt werden müßten. Auch müßten die Datenschutzbeauftragten ein Wort mitsprechen können. Für Seehofer ergibt sich überdies eine zusätzliche Schwierigkeit, nämlich den Chipkartenzugang zum Vertragsarzt unter geänderten Vorzeichen mit der neu eröffneten Möglichkeit zu koordinieren, wahlweise Kostenerstattungsleistungen auch im Bereich aller gesetzlich Versicherten in Anspruch zu nehmen (das 2. NOG enthält eine entsprechende Öffnungsklausel). Dr. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote