ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Nebennierenrindenhormon DHEA: Im Rampenlicht der Spekulationen

SPEKTRUM: Akut

Nebennierenrindenhormon DHEA: Im Rampenlicht der Spekulationen

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Nachdem Melatonin als "Jungbrunnen" aufgrund amtlicher Intervention zumindest hierzulande aus dem Rennen ist, steht bereits ein neuer Kandidat vor der Türe: DHEA– mit vollem Namen Dehydroepiandrosteron. Dieses Hormon der Nebennierenrinde wurde in den Vereinigten Staaten als derjenige Serumfaktor ausgemacht, der mit steigendem Alter beim Mann am stärksten abfällt; die Blutspiegel betragen dann gerade noch ein Fünftel dessen, was in der Jugend gemessen wird. Auch bei Frauen sinken die Konzentrationen von DHEA und seiner sulfatierten Form (DHEAS) mit zunehmendem Alter ab, jedoch nicht in dem Maße wie die Östrogenspiegel nach dem Klimakterium. Mehr oder weniger spekulativ wird dem Hormon auch ein Einfluß auf die Fruchtbarkeit der Frau zugestanden, wobei eine Querverbindung zum Immunsystem und zu Streßsituationen bestehen könnte.

Da spezifische Bindungsstellen für das Hormon unter anderem in der Leber, der Cervix uteri und an den Lymphozyten nachgewiesen wurden, scheint ihm eine größere Bedeutung zuzukommen als die bisher zugedachte Rolle eines reinen Konversionsfaktors zu Sexualsteroiden. So werden erniedrigte DHEAS-Spiegel bei Männern – aber nicht bei Frauen – zwischen 50 und 80 Jahren in Zusammenhang mit einem erhöhten KHK-Risiko gebracht; unklar ist, ob das Steroid hier nur ein Marker ist oder per se einen Atheroskleroseschutz darstellt. Diskutiert wird ein positiver Effekt auf das Immunsystem, was für alternde Menschen bedeutsam wäre. So wurde im Tierversuch eine erhöhte Resistenz gegen bakterielle und virale Infekte beobachtet; kasuistisch wurde bei Männern eine verstärkte Antikörperbildung nach einer Grippe-Schutzimpfung beschrieben.


Außerdem werden dem Hormon zentralnervöse Effekte nachgesagt: die Substitution soll bei Mäusen die Gedächtnisleistung positiv beeinflussen. Bei jungen Probanden konnten Endokrinologen der Universität Lübeck allerdings keine Verbesserung ausmachen. Von ersten Versuchen, bei denen die Plasmaspiegel älterer Probanden auf das Niveau von Jugendlichen angehoben wurden, ist eine deutliche Verbesserung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens publiziert. Der niederländische Endokrinologe Prof. A. Vermeulen vermutet jedoch, daß zumindest ein Teil dieser Wirkung bei Frauen über die konsekutiv erhöhten Östradiol- und Testosteronspiegel zustande kommt. Im British Medical Journal (312, S. 859, 1996) lehnt der US-Gerontologe Marc E. Wechsler angesichts des derzeitigen "Beweisstandes" die routinemäßige Substitution von DHEA(S) ab. Dr. Renate Leinmüller

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