ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2004Pockenimpfung: Plädoyer für eine Wiedereinführung

MEDIZINREPORT

Pockenimpfung: Plädoyer für eine Wiedereinführung

Dtsch Arztebl 2004; 101(30): A-2090 / B-1749 / C-1681

Müller, Hans E.

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LNSLNS Nach Ansicht des Autors spricht nicht nur der Schutz vor bioterroristischen Angriffen für die Vakzination.

Die Pockenviren sind aufgrund ihrer hohen Kontagiosität und Letalität die gefährlichsten und gefürchtetsten Infektionserreger (10, 19). Bereits 1958 hatte die WHO (Welt­gesund­heits­organi­sation) ein Ausrottungsprogramm initiiert, und zwischen 1967 und 1977 waren mehr als eine halbe Milliarde Pockenimpfungen durchgeführt worden (21). Im Oktober 1977 fand ein WHO-Team in Merkin/Somalia Ali Maow Maalin. Er war als letzter Mensch an natürlichen Menschenpocken erkrankt, denn von nun an gab es für das Wildvirus keine empfänglichen Menschen mehr (13). Bei der 33. Weltgesundheitskonferenz der WHO in Genf wurde die ganze Erde am 8. Mai 1980 als pockenfrei erklärt, sodass bis 1984 alle Länder ihre Pockenimpfungen aufgaben.
Variola-Stämme
Zwei Laborinfektionen, die 1977 und 1978 in London beziehungsweise Birmingham aufgetreten waren, gaben den Anstoß, in weltweit 74 Laboratorien alle Variola-Stämme zu vernichten. Nur in Atlanta (USA) und in Koltsovo (Novosibirsk-Region, Russland) blieben sie unter WHO-Kontrolle offiziell erhalten. Ihre Vernichtung wurde 1996 für 1999 beschlossen, aber 1999 zunächst bis 2002 aufgeschoben und inzwischen auf unbestimmte Zeit vertagt (7, 15).
Der Grund dafür war zunächst die Erkenntnis, dass die Sowjetunion trotz ihrer Unterschrift unter die Konvention von 1972 gegen Biowaffen ihr Programm zur biologischen Kriegsführung weitergeführt hatte. Auf der Vozrozhdeniye-Insel im Aralsee wurden neben anderen Erregern auch 20 Tonnen Pockenviren produziert, die Anlage war sogar auf eine Jahresproduktion von 80 bis 100 Tonnen ausgelegt (1, 5, 20). Vermutlich haben sie 1971 in vier Städten rings um den Aralsee zu tödlichen Ausbrüchen geführt (8). Ihr Verbleib liegt bis heute im Dunkeln, und damit existiert eine nicht für möglich gehaltene Bedrohung, falls diese Pockenviren in die Hände von Terroristen oder Schurkenstaaten gelangen.
Als biologische Waffe wurden die Pocken eingesetzt, seit sie einigermaßen beherrschbar waren und dagegen geimpft werden konnte. Bereits 1763, während des britisch-französischen Krieges um die nordamerikanischen Kolonien von 1754 bis 1767, ließ Sir Geoffrey Amherst zwei Decken und ein Halstuch von Pockenkranken aus seinem Pocken-Armeehospital den mit den Franzosen verbündeten Indianerstämmen in die Hände spielen, um sie gezielt zu dezimieren. Die englischen Truppen waren dagegen geimpft (18).
Auch als 10 000 amerikanische Aufständische 1776 das unter britischer Herrschaft stehende Quebec zu erobern versuchten, brachen die Pocken aus; es bleibt offen, ob zufällig oder manipuliert. Jedenfalls erkrankten 5 500 Mann, mehr als tausend starben daran, die Belagerung wurde abgebrochen, und Quebec blieb britisch. George Washington befahl daraufhin 1777, auch die eigene Armee zu impfen (18).
Heute stehen wir vor einer ähnlichen Situation. In Deutschland finden seit 1976 keine Pockenpflichtimpfungen von Kleinkindern mehr statt. Bereits vor der Ausrottung der Pocken schien der Schaden durch die Impfung größer als ihr Nutzen, denn man muss mit 25 bis 35 postvakzinalen Enzephalitiden und zwei bis drei Todesfällen auf eine Million geimpfte Kleinkinder rechnen (3, 6). Das war nach damaligem Wissensstand ein zu hoher Tribut an eine nicht mehr grassierende Seuche, und so wurde das Pockenimpfgesetz 1982 völlig aufgehoben. Dass die Erreger, wenn auch mehr oder weniger gut gesichert, noch existierten, wurde nicht als Bedrohung empfunden.
Doch was damals als Triumph der Wissenschaft gefeiert wurde, ist nun ein Problem. Spätestens seit dem 11. September 2001 und den Haut- und Lungen-Milzbrandinfektionen in den USA ist auch einer breiteren Öffentlichkeit klar geworden, dass die Pocken eine durchaus reale Bedrohung darstellen und unter Umständen zum Tod von mehr Menschen führen als eine Hiroshima-Atombombe (10, 18). Dabei erscheint eine zufällig entstehende Pockenepidemie weniger wahrscheinlich als eine bewusst und gezielt ausgelöste.
Nur die ältere Generation besitzt einen Impfschutz
Im Gegensatz zu Milzbrand und anderen bakteriellen Infektionen sind Antibiotika gegen Pockenviren unwirksam. Ein Cidofovir-Präparat ist zwar vielversprechend, aber praktisch noch nicht verfügbar (16). Auch Hyperimmunglobulin ist wirksam, aber ebenfalls nicht verfügbar, solange es keine Pockenimpfung gibt. Einen Impfschutz besitzt nur die ältere Generation der über 30-Jährigen. Dagegen sind in Deutschland ungefähr 20 bis 30 Millionen Menschen völlig ungeschützt. Für sie muss bei einer heute ausbrechenden Pockenepidemie mit einer Letalität von 30 Prozent gerechnet werden (15, 20). Bei den Noch-Pocken-Geimpften dürfte die Letalität gering sein. Sie machte bei der Liverpool-Epidemie von 1902 bis 1903 unter den älteren und damals nur einmal geimpften Jahrgängen vier Prozent aus (4). 1870/1871 waren es bei den zweimal geimpften deutschen Truppen drei Prozent (18).
In den USA wird diese Möglichkeit bereits seit fünf Jahren diskutiert (5, 15, 19); eine Mehrheit von 61 Prozent der Bevölkerung votierte für die Wiedereinführung der Pockenimpfung (2). Doch im Winter 2001/2002 verfügten die USA lediglich über 15 Millionen Portionen einer 1982 hergestellten Pocken-Vakzine der Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta und weiteren 70 bis 90 Millionen Portionen der Firma Aventis in Swiftwater/Pa (12). Viel zu wenig für 275 Millionen US-Bürger.
Deshalb untersuchte man, wie weit sie sich durch Verdünnung strecken lassen. Sie sind auch noch in Verdünnungen von 1 : 5 und 1 : 10 wirksam, allerdings mit den gleichen unangenehmen Nebenwirkungen in der gleichen Häufigkeit von ein bis fünf Prozent, wie sie bei der Pockenimpfung schon immer aufgetreten waren, also Schmerzen an der Impfstelle, Mattigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Übelkeit, Frösteln, Fieber höher als 37,7 Grad Celsius oder ein Exanthem abseits der Impfstelle (9, 11). Bei inzwischen circa 500 000 geimpften Truppenangehörigen und Zivilisten traten schwerere Komplikationen lediglich bei drei Soldaten auf. Zwei entwickelten die bekannte Impfenzephalitis, ein dritter eine Myokarditis, aber alle drei erholten sich wieder vollständig. Zur Minimierung selbst dieses insgesamt geringen Risikos bietet sich die bereits in den 70er-Jahren erprobte Vorimpfung mit dem MVA-Impfstoff („modifiziertes Vacciniavirus Ankara“) an, unter dem in einer Impfreihe mit 150 000 Freiwilligen in den 70er-Jahren keine einzige schwerere Nebenwirkung auftrat (14). Nachdem die deutsche Bundesregierung vorsorglich für alle Bundesbürger Pockenimpfstoff bereitgestellt hat, sollte sie die Pockenimpfung konsequenterweise als empfohlene Impfung auf freiwilliger Basis und die Zulassung des 50-MVA-Impfstoffs ermöglichen.
Schließlich ist die Pockenimpfung nicht nur aus Terrorismusgründen sinnvoll, sondern auch aus rein medizinischen. Sie schützt nicht nur gegen die menschlichen Pocken, sondern auch gegen Affen- und Kuhpocken. Diese Infektionen sind zwar selten, aber unter Umständen ebenso lebensbedrohend wie die Pocken und nicht wesentlich seltener als die lebensbedrohenden Schadensfälle der aus diesen Gründen aufgegebenen Pockenimpfung. Hinzu kommt die Überlegung, dass die im frühen Lebensalter erfolgte Pockenimpfung ein wesentlicher Schutzfaktor vor atopischen Erkrankungen gewesen ist (17). Seit und vermutlich auch wegen ihrer Abschaffung sind Atopien in der nicht mehr geimpften Bevölkerung etwa um den Faktor 10 angestiegen und bedingen heute wesentlich mehr Todesfälle, als früher auf das Konto der Pockenimpfung gegangen sind.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das im Internet unter www.aerzteblatt.de/ Iit3004 abrufbar ist.


Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans E. Müller
Laborpraxis John
Campestraße 7, 38102 Braunschweig
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