MEDIZIN: Diskussion

Mistel in der Krebstherapie: Irreführende Aussagen

Dtsch Arztebl 2004; 101(30): A-2126

Kiene, Helmut

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Der Beitrag von L. Edler (1) zur Iscador-Studie von Grossarth-Maticek et al. (2–4) enthält viele unzutreffende und irreführende Aussagen, zum Beispiel:
« Es sei eine retrospektive Untersuchung. Dies ist falsch. Nach Kriterien von Feinstein (5), Last (6), Dawson-Saunders (7) und Spilker (8) sind es eindeutig prospektive Studien.
¬ Das beschriebene Matching-Verfahren sei nicht möglich, da mehr als 40 Prognosefaktoren eingingen. Dies ist falsch. Wie deutlich beschrieben, gab es zum Beispiel beim Kolonkarzinom nur sechs (nicht 40) gematchte Prognosefaktoren; sie waren außerdem nicht unabhängig. Ähnlich bei anderen Tumorarten. Ergo: Das Matching war möglich.
­ Von 622 nichtrandomisierten Paaren seien nur 396 ausgewertet. Dies ist falsch. Alle 622 wurden ausgewertet und publiziert (2–4).
® Die Messung der Überlebenszeit ab Diagnose verletze das Intention-to-treat-Prinzip. Dies ist falsch. Die Art der Überlebenszeiterfassung hat mit diesem Prinzip (9) nichts zu tun.
¯ Ein Kontrollpatient hätte gleichzeitig in mehreren der Studien als Kontrolle dienen können. Dies ist falsch. In diesen Iscadorstudien gab es keine Mehrfachverwendung von Kontrollpatienten.
° Die statistische Auswertung leide unter der Problematik multipler Vergleiche. Diese Kritik geht ins Leere: Die randomisierten Matched-Pair-Studien waren unabhängig, und die Untergruppenanalyse der nichtrandomisierten Matched-Pair-Studie ergibt nach Wilcoxon-Matched-Pair-Test mit Bonferoni-Korrektur signifikante Überlegenheiten für alle Teilstudien (p < 0,05).
± Der Ausschluss von Kontrollpatienten nach Erhalt einer Iscadortherapie würde das Ergebnis verfälschen. Auch diese Kritik geht ins Leere: Solche Fälle kamen nicht vor.
² Das Matchingverfahren könne Isdadorpatienten bevorzugen. Dies ist unwahrscheinlich, im Übrigen gab es zur Absicherung die zwei randomisierten Studien.
³ Das Berechnen mittlerer Überlebenszeiten sei unzulässig, unter anderem wegen zensierter Daten. Dies trifft nicht zu. Die mittlere Überlebenszeit wurde nur deskriptiv tabelliert, die statistische Signifikanz wurde mit dem log-rank-Test berechnet. Im Übrigen: Wie publiziert, lebten zuletzt nur Iscadorpatienten (n = 23), sodass die Zensierung zu einem konservativen Ergebnis zuungunsten der Misteltherapie führte.
´ Die Studien würden nur einen relativ geringen Teil der Ausgangspopulation umfassen. Diese Kritik gilt auch für konventionelle randomisierte Studien, in die immer nur ein kleiner Teil der betreffenden Krebspatienten eingeht.
µ Die Studien seien nicht Good-Clinical-Practice(GCP)-konform. Jedoch: GCP wurde erst Ende 1987 eingeführt (10), am Ende der Patientenaufnahme (1971 bis 1988). Viele jener älteren Studien werden auch heute noch regelmäßig in Cochrane-Reviews eingeschlossen, also im EBM-Standard positiv gewürdigt.
¶ Die Studie folge nicht der Deklaration von Helsinki. Dies ist nicht richtig. Die Studie verletzt keinen einzigen Satz der bis zum Ende der Patientenrekrutierung (1988) gültigen Deklaration (11).
· Es gebe keine schriftliche Festlegung der Fragestellungen, der Effekthypothesen und keine Fallzahlplanung. Jedoch: Die Wahl der primären Fragestellung (Überlebenszeit) ist eine Selbstverständlichkeit. Außerdem: Die signifikanten Ergebnisse belegen ausreichende Fallzahlen.
¸ Edler zitiert einseitig zwei Literaturstellen von 1991 (12, 13), nach denen die Datenqualität einer Untersuchung von Grossarth-Maticek in Abrede gestellt sei. Edler zitiert aber nicht die ausführliche, auf diese Kritik eingehende Apologie der Grossarthschen Studien unter anderem seitens des international renommierten Wissenschaftlers Eysenck (1992) (14).
¹ Zur Misteltherapie gebe es zwei „korrekt durchgeführte randomisierte Studien“ mit negativen Ergebnissen (15, 16). Jedoch: In systematischen Reviews werden zum Teil schwerwiegende Probleme dieser Studien erwähnt (17, 18). Edler behauptet, es gebe bisher kein systematisches Review aller Mistelstudien. Dies trifft nicht zu. Zwei systematische Reviews sind publiziert (17, 18).

(Literatur bei den Verfassern. Ausführliche Replik bei www.ifaemm.de)

Für die Autoren der Studie von Grossrath-Maticek
Dr. med. Helmut Kiene
IFAEMM e. V.
Schauinslandstraße 6
79189 Bad Krozingen

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