ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Arzt „2000“: Ein „freier“ Bürger

SPEKTRUM: Leserbriefe

Arzt „2000“: Ein „freier“ Bürger

Broicher, Franz-Josef

Gedanken und Fragen zur Lage
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LNSLNS Ist es ein idealistischer freier Beruf oder ein vorwiegend ökonomisch ausgerichteter Beruf, das heißt eher ein Gewerbe? Dies ist die Frage um die kommende Jahrhundertwende. Was machen wir daraus?
Faktum ist, in Deutschland muß gespart werden. Auch die Kassen der Krankenkassen sind leer, oder? Gesundheit ist zwar das höchste Gut – auch für Politiker –, aber sie darf nichts kosten. Nun hat die Politik das akademische Proletariat hervorgebracht. Mit Artikel 33 SGB V wurde daher die Freiheit des ärztlichen Berufs praktisch gestrichen, um die Masse zu reduzieren. Erst teures Studium, dann teure Arbeitslose! Sehr logisch!
Ge­sund­heits­mi­nis­ter Seehofer ist aber schon, dank der Interventionen von BÄK und KBV, klüger geworden. Es gilt nun Vorfahrt der Selbstverwaltung. Wäre Seehofer konsequent, so würde er auch Teile im Artikel 33 SGB V (Paragraph 102 und Paragraph 95 Abs. 7 Satz 2 und 3) streichen lassen und damit den ärztlichen Beruf wieder als "freien Beruf" etablieren, und dann der Selbstverwaltung auch unter den politisch vorgegebenen finanziellen Bedingungen die Regelung im Gesundheitswesen überlassen.
Freiheit für jeden Arzt und Freiheit für jeden Patienten – dies sollten die Grundfesten im deutschen Gesundheitswesen sein. Innerärztlich hat die Regelung zu erfolgen. Keine Grabenkämpfe, keine Trennung Allgemeinarzt und Facharzt. Der Bürger ist über die Medien so aufgeklärt, daß er die Wahl seines Arztes – Allgemeinarzt oder Facharzt – selbst bestimmen kann, und in einer Demokratie sollte man ihn nicht reglementieren.
Wir Ärzte können unter den aufgezwungenen Bedingungen im innerärztlichen Konsens und unter Einsicht der Sparmaßnahmen das Problem besser lösen als mit dauernden staatlichen Reglementierungen. Dies müssen wir, aber auch die Politiker, einsehen. Unsere "Freiheit als Beruf" muß uns die finanziellen Einbußen wert sein, ohne daß wir das Gesicht als Arzt verlieren. Keiner darf den Beruf "Arzt" aus vorwiegend ökonomischen Gesichtspunkten ergreifen, denn der Arztberuf sollte in erster Linie eine Berufung sein und bleiben. Der Arzt "2000" sollte ein fachlich qualifizierter und als Berufsgruppe völlig "freier" Bürger unserer und auch der europäischen Gesellschaft sein. Haben wir also unsere ganze Freiheit wieder, wissen wir auch, wofür wir die Entbehrungen und den Verzicht leisten müssen.
Dr. Dr. Franz-Jos. Broicher, Genovevastraße 16 – 18, 51065 Köln
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