ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Zusatzbezeichnung „Rehabilitationswesen“: Zeitgemäße Lösungen für komplexe Reha-Probleme

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Zusatzbezeichnung „Rehabilitationswesen“: Zeitgemäße Lösungen für komplexe Reha-Probleme

Leemhuis, Klaus

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LNSLNS Erstmals in Deutschland wurden im Mai letzten Jahres1) die insgesamt achtwöchigen Grund- und Aufbaukurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung "Rehabilitationswesen" abgeschlossen. Sie wurden veranstaltet von der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung. Die vierundzwanzig Absolventen der Kurse erfüllen damit eine wichtige Voraussetzung zur Erlangung der in der Ärzteschaft noch weitgehend unbekannten Zusatzbezeichnung. Ihre Einführung wie auch die Einführung der Gebietsbezeichnung "Physikalische und Rehabilitative Medizin" gehen zurück auf entsprechende Beschlüsse des 95. Deutschen Ärztetages im Mai 1992 in Köln. Im folgenden berichtet ein Teilnehmer


Rehabilitationskompetenz wurde in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung jahrelang nur unzureichend vermittelt. Dieser Mangel stand in immer schärferem Gegensatz dazu, daß die Anzahl von Patienten mit chronischen Krankheiten zunimmt. Letzteres ist bekanntermaßen bedingt durch die demographische Entwicklung wie auch durch die steigende Zahl an sogenannten Defektheilungen aufgrund der Fortschritte der Medizin. Die mangelhafte Vorbereitung der Ärzteschaft auf die Bewältigung der Probleme von Patienten mit chronischen Krankheiten respektive von Behinderten war insbesondere von Mitglieder-Institutionen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation kritisiert worden, namentlich von der Deutschen Vereinigung für die Rehabilitation Behinderter unter ihrem Vorsitzenden Prof. Dr. Kurt-Alphons Jochheim. Nicht zuletzt dank der Initiative des ehemaligen Präsidenten der Ärztekammer Nordrhein, Prof. Dr. Horst Bourmer, hatte die Ärztekammer Nordrhein eine Vorreiterrolle bei der Ausrichtung qualifizierender Kurse übernommen, so daß mit dem ersten Grundkurs im November 1993 begonnen werden konnte.
Die Kurse standen unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Hermann Delbrück, Hämatologe und internistischer Onkologe. Sein besonderes Engagement gilt seit langem der wissenschaftlichen Ausrichtung und der universitären Etablierung der Rehabilitationsmedizin. Delbrück hatte unter Berücksichtigung der Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation das Curriculum zusammen mit der ärztlichen Leitung der LVA Rheinprovinz und des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung Nordrhein erstellt.
Mit der inhaltlichen Ausgestaltung der Kurse sollte zugleich ein Beitrag zur Standortbestimmung der Rehabilitation in Deutschland geleistet werden. Denn der Umstand, daß das Wort "Rehabilitation" zunehmend Eingang in das medizinische Alltagsvokabular findet, hat bislang eher zu Verwirrung denn zu Klärung dessen geführt, was unter Rehabilitation zu verstehen ist. Als Kursteilnehmer und Koordinator erlebte der Autor, wie im Verlauf von circa 70 Vorträgen und zahlreichen Exkursionen ein eigenständiges Profil der Rehabilitationsmedizin entstand, das die Abgrenzung von anderen mit der Rehabilitationsmedizin häufig verwechselten Bereichen erlaubte, insbesondere der Sozialmedizin und der Kurmedizin.
In entscheidendem Maß prägt dieses Profil ein Paradigmenwechsel hinsichtlich des zugrundeliegenden Krankheitsmodells. Das in Lehre und Klinik dominierende sogenannte bio-medizinische Krankheitsmodell, so wurde dem Kurs vermittelt, bedarf für den Bereich der Rehabilitation einer Ergänzung beziehungsweise Fortentwicklung. Denn es ist mit seinem linear-kausalen Denkansatz weit mehr auf "cure" als auf "care" ausgerichtet, mit großartigen Erfolgen bei der Therapie akuter Erkrankungen, aber ohne wesentliche Perspektiven über den Entlassungstag hinaus. Es bietet keine ausreichenden Hilfen beim Management der komplexen Probleme während der langwierigen Betreuung chronisch kranker Menschen.
Als Instrument zur Bewältigung dieser rehabilitativen Aufgaben wurde den Kursteilnehmern die "Internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen" (International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps, ICIDH) vorgestellt. Sie ergänzt die ICD, die im Sinne des biomedizinischen Krankheitsmodells Gesundheitsstörungen definiert, durch Ätiologie, Pathogenese und Manifestation. Das Klassifizierungssystem der ICIDH bietet mit seiner dreigliedrigen Taxonomie erstmals einen umfassenden theoretischen Rahmen für die Betreuung Behinderter, das heißt chronisch kranker beziehungsweise geschädigter Menschen Bei dieser Betreuung ergibt sich für die Ärzte die Notwendigkeit, mit anderen an der Rehabilitation beteiligten Berufsgruppen zu kooperieren, unter ihnen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Pädagogen sowie Psychologen und Seelsorger. Je mehr der Arzt sich einer Zusammenarbeit öffnet und je mehr es ihm dabei gelingt, auf lediglich formal begründete Autorität zu verzichten zugunsten von funktionaler Kompetenz auf abgeflachtem Hierarchie-Niveau, desto eher wird er in dem zu fordernden RehaTeam die Aufgabe des behandlungsleitenden Arztes übernehmen können. Diese Arbeit im Reha-Team wird im klinischen Bereich leichter zu realisieren sein als im niedergelassenen Bereich. Doch gerade hier besteht für den Arzt eine besondere inhaltliche wie auch gesetzlich formulierte Aufforderung, sich rehabilitativ zu betätigen. Im Verlauf des oft wechselvollen Prozesses von Krankheitsbewältigung und Reintegration hat er die Chance, diesen Prozeß durch die Aufstellung eines Reha-Plans entscheidend zu beeinflussen.
Im Rahmen einer Exkursion in das Rehazentrum Het Roessingh in Enschede erlebten die Kursteilnehmer, wie vorbildlich die niederländischen Kollegen Rehabilitation im Team praktizieren. Unbelastet von einer "KurVergangenheit" konnte sich in den Niederlanden eine Rehabilitationsmedi-zin entwickeln, die heute circa 150 Fachärzte umfaßt und eine annähernd 50jährige Tradition hat. Die Realität in Deutschland, die die Ärzte im abschließenden praktischen Teil des Kurses erlebten, war damit nicht vergleichbar. Noch konsultiert der Patient auch bei Problemen im Bereich der Rehabilitation ganz überwiegend zunächst den Arzt. Wird – so das Fazit des Kurses – die Ärzteschaft in Deutschland nicht lernen, dem Patienten für diese komplexen Probleme zeitgemäße Lösungen anzubieten, werden andere Berufsgruppen Rehabilitation ohne Ärzte betreiben.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Klaus Leemhuis
Arzt für Allgemeinmedizin
Rehabilitationswesen
Lederstraße 12
42105 Wuppertal

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