ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2004Weltraummediziner: Advokat der Astronauten

POLITIK

Weltraummediziner: Advokat der Astronauten

Dtsch Arztebl 2004; 101(33): A-2226 / B-1862 / C-1793

Merten, Martina

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Bei der Arbeit – der Leiter des „Crew-Medical-Support-Office“, Jürgen Damann, im Kontrollraum der Europäischen Weltraumagentur in Köln Fotos: ESA
Bei der Arbeit – der Leiter des „Crew-Medical-Support-Office“, Jürgen Damann, im Kontrollraum der Europäischen Weltraumagentur in Köln Fotos: ESA
Jürgen Damann arbeitet seit 15 Jahren als Crewarzt europäischer Raumfahrer. Ein Porträt

Der Moment, als er die Astronauten zum ersten Mal aus nächster Nähe bei der Landung beobachtete, bleibt für Jürgen Damann unvergesslich: Wie Schockpatienten sahen die Raumfahrer für den Crewarzt der damaligen D2-Mission aus, aschgrau und kaltschweißig im Gesicht, ohne Balance. Als Damann die Raumfahrer nur wenige Tage nach ihrer Shuttle-Landung untersuchte, schlug lediglich der Finger-Nase-Versuch noch fehl. Alle anderen Körperfunktionen der Astronauten hatten sich wieder regeneriert. „Diese Anpassungsfähigkeit des menschlichen Organismus hat mich einfach fasziniert.“
Wenn Damann heute von der D2-Mission erzählt, gerät er ins Schwärmen. An die ersten Jahre als Arzt im Institut für Luft- und Weltraummedizin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln erinnert der heute 45-Jährige sich gerne – die vielen Bilder an den Wänden seines Büros und die Becher und Fähnchen mit dem Missions-Logo zeugen davon. Ein Jahr lang betreute er einige der Astronauten bei deren Vorbereitung auf den zehntägigen Shuttleflug, wohnte mit ihnen in Houston bei der NASA (North-Atlantic-Space-Agency), wurde zu ihrem Privatpsychologen. Damann lächelt. Der eher unauffällige Mann mit der blauen Metallbrille und dem zeitlosen Jackett mag es, der zentrale Ansprechpartner der Astronauten und auch ihrer Familien zu sein. Mehrere Hunderte von Patienten in einer Hausarztpraxis zu betreuen wäre undenkbar für ihn; ebenso wie sich regelmäßig mit Gesundheitspolitik auseinander zu setzen. Auch wenn diese intensive, Rund-um-die-Uhr-Betreuung in Hochzeiten der D2-Mission keine Zeit für Privatsphäre gelassen hat. Während der zehn Tage, die die Astronauten im Orbit verbrachten, lebte Damann überwiegend im Kontrollraum der NASA. Tage- und nächtelang saß er hochkonzentriert vor den Bildschirmen, beobachtete jede kleinste Bewegung der Raumfahrer, achtete darauf, dass sie ihren Schlafrhythmus einhielten und die lebenserhaltenden medizinisch-technischen Geräte funktionierten. Einmal täglich fand ein persönliches Arztgespräch über einen privaten Kanal statt. Permanentes Kribbeln und Adrenalinschübe – das ist es, was den Weltraummediziner lebendig macht.
Spannend fand Damann die Raumfahrt zwar schon als Kind, er hätte aber während der Jahre seines Medizinstudiums in Marburg niemals gedacht, dass er beruflich in diese Richtung gehen würde. Weil Damann seine Arbeit als Nuklearmediziner in einer Praxis in Friedberg in Nordhessen jedoch nicht ausfüllte, suchte er nach Veränderung – und fand diese durch eine Stellenausschreibung des DLR im Deutschen Ärzteblatt: Es wurde ein Arzt für die D2-Mission gesucht. Alles Weitere scheint aus heutiger Sicht – fünfzehn Jahre später – wie von selbst gelaufen zu sein. Aus dem jungen, aufgeregten Mann, der loszog, um die Raumfahrtmedizin kennen zu lernen, ist trotz seines relativ jungen Alters bereits ein alter Hase geworden. Ebenso wie ihn seine erste Mission Anfang der Neunzigerjahre geprägt hat, formten ihn noch acht weitere. Es entstanden enge Bindungen zu den Astronauten und deren Familien, die noch heute hin und wieder bei ihm anrufen. Von solchen Momenten zehrt Damann, denn sie erinnern ihn stets an die vielen Jahre in enger Verbindung zur Raumfahrt.
Ein ESA-Astronaut kurz nach der Landung mit einem Kollegen von Damann an seiner Seite
Ein ESA-Astronaut kurz nach der Landung mit einem Kollegen von Damann an seiner Seite
Weil er Mitte der Neunzigerjahre vom DLR zur Europäischen Weltraumagentur (European Space Agency, ESA) wechselte und seit 1998 das „Crew-Medical-Support-Office“ des dortigen Astronautenzentrums leitet, hat sich die Arbeit von Damann verändert. Zwei weitere Weltraumärzte sind ihm unterstellt, mit denen er sechzehn europäische Astronauten medizinisch betreut. Der Schreibtisch ist heute sein Hauptarbeitsplatz, von dem aus er meistens damit beschäftigt ist, ob den Raumfahrern die Anforderungen der Wissenschaftler zuzumuten sind. Damann mag Wissenschaftler nicht, die zu viele Experimente mit den Astronauten an Bord durchführen wollen, ohne an deren körperliche Konstitution zu denken: zum Beispiel Untersuchungen zum Herz-Kreislauf-System, zum Flüssigkeitshaushalt, Hormonmessungen oder Knochen stimulierende Experimente. Rot wird Damann bei dem Gedanken an Forderungen, bei denen medizinisch-ethische Gesichtspunkte nicht ausreichend bedacht werden. Die ruhige Stimme des Mannes gewinnt an Bestimmtheit: „Wir Weltraummediziner sind Advokaten der medizinischen Interessen der Astronauten“, sagt er, und freut sich sichtlich darüber, die Hauptmotivation für seine Arbeit griffig in einem Satz beschreiben zu können.
Damann macht sich von seinem Schreibtisch aus auch Gedanken darüber, wie man mit medizinischen Risiken an Bord am besten umgeht. Dieser Teil bereitet ihm, weil er mit Technik zu tun hat, besonderen Spaß. Die Abhängigkeit der Astronauten vom technischen System hat etwas Magisches für den Weltraummediziner, an die Vorstellung, dass seinen „Astros“ bei der Arbeit in einer lebensbedrohlichen Umgebung etwas passieren könnte, mag Damann gar nicht denken. So war der 1. Februar 2003 ein Schock für ihn, der Tag, an dem die komplette Mannschaft der Columbia im Anflug auf die Erde ums Leben kam. Ein loses Schaumstoffstück hatte beim Start das Hitzeschutzschild des Flügels verletzt und dadurch das spätere Unglück ausgelöst. Dieses Erlebnis hat den Arzt kritischer gegenüber Risiken werden lassen, am Sinn der bemannten Raumfahrt zweifelt er jedoch nicht.
Dies wäre auch viel zu schade, denn schließlich steht der Raumfahrt ein ganz wichtiger Schritt bevor: die Mars-Mission. Um 2020, hat der amerikanische Präsident George Bush gesagt, könne die Raumfahrt bereit zu diesem Schritt sein – nach Damann ein viel zu fern gestecktes Ziel. Nicht, weil es bis dahin nicht genug zu tun gibt, sondern weil ein Zehnjahreszeitraum ihn stärker zum Nachdenken angespornt hätte. Zum Beispiel darüber, wie man einen Arzt auf eine solche Mission an Bord des Shuttles vorbereiten könnte und was dieser alles beherrschen müsste. An sich selbst denkt der Arzt dabei allerdings nicht, denn insgeheim ist er froh, die von ihm betreuten Missionen vom Erdboden aus beobachtet zu haben.
Auch seine Visionen von einer virtuellen Realität an Bord des Mars-Shuttles hätte Damann bei einem Zeitkorsett sicherlich schneller Wirklichkeit werden lassen. Wie ein kleines Kind freut sich der Leiter des ESA-Gesundheitsversorgungsteams, wenn er von dieser virtuellen Welt an Bord erzählt. Diese könnte so aussehen, dass ein Astronaut bei seinem täglich zweistündigen Joggingprogramm von seiner Heimatkulisse umgeben ist und das Gefühl erhält, seinen bekannten Joggingpfad entlangzulaufen. Damit sich die „Astros“ psychisch und physisch so gut wie möglich fühlen – eine Vision, an deren Umsetzung Jürgen Damann gerne arbeitet. Wenngleich er dabei manchmal die Normalität der klinischen Praxis vermisst. Martina Merten


Europäische Raumfahrt(medizin)
- Weltweit gibt es etwa 50 bis 60 Ärzte, die sich mit Weltraummedizin beschäftigen, sich wöchentlich miteinander austauschen und jährlich treffen.
- Drei davon arbeiten im Crew-Medical-Support-Office am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln-Wahn, das Teil der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) ist.
- Das Team des Crew-Medical-Support-Office ist für die Betreuung von 16 europäischen Astronauten zuständig, die in der Regel ein- bis zweimal jährlich beim EAC sind.
- Medizinische Untersuchungen (Belastungstests, Lungenfunktionsuntersuchungen, Sehtests, Hörtests et cetera) finden überwiegend bei der NASA in Houston, bei der FKA in Moskau oder in der Fliegeruntersuchungsstelle des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln-Wahn statt.
- Bei der Untersuchung der Astronauten gelten internationale medizinische Standards. MM
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