ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2004Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung: Bedingungen und Grenzen des Tabubruchs formulieren

THEMEN DER ZEIT

Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung: Bedingungen und Grenzen des Tabubruchs formulieren

Dtsch Arztebl 2004; 101(33): A-2237

Klucken, Michael

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LNSLNS Falls ich einmal an Herzinsuffizienz und einem Lungenödem mit tagelanger Luftnot und schließlich langsamer Erstickung sterben müsste, würde ich mir wünschen, falls ich selbst dazu nicht mehr fähig wäre, ein Arzt würde mir zu einem von mir gewünschten Zeitpunkt eine Infusion mit einem angstmindernden Medikament und einer letalen Dosis Morphium geben. Das Vertrauen in diese Möglichkeit selbstbestimmten und unterstützten Sterbens würde mir viel von meiner Furcht vor meinem Lebensende nehmen. Falls ich zu einer solchen Willensbekundung nicht mehr imstande wäre, würde ich mir wünschen, dass diese Entscheidung für mich von anderen getroffen werden darf, einem Arzt, der die medizinischen Gesichtspunkte berücksichtigt, meinen Angehörigen, die mich kennen und (hoffentlich) lieben und vielleicht auch einem unabhängigen, professionellen, ethisch geschulten Menschen (vielleicht ein Philosoph), der auf die Beachtung aller, auch gegensätzlicher Aspekte Wert legt. Die Etablierung einer solchen – zum Teil persönlich verbundenen, zum Teil von kompetenten Außenstehenden gebildeten kleinen Entscheidungsgemeinschaft – sollte verpflichtend für den Fall aktiver Sterbehilfe vorgeschrieben werden, ebenso präzise Bestimmungen über das Vorliegen entsprechender Bedingungen. Jede Stimme sollte dabei das gleiche Recht und Gewicht haben, mein mutmaßliches Interesse soll für alle der höchste Maßstab sein, und die Entscheidung muss im Konsens getroffen werden. Die Verschiedenheit der Sichtweisen verhindert meiner Überzeugung nach am ehesten eine Einseitigkeit und Missbrauch. Dies sollte auch für eine bisher schon mögliche Ablehnung einer Behandlung gelten.
Die Menschlichkeit einer solchen Krankentötung (ein schreckliches Wort, das die Unterschiede nicht wiedergibt, aber den geschichtlich verunglimpften Ausdruck Euthanasie will ich nicht benutzen) wird in Deutschland durch Gesetz verhindert, die Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer unterstützen diese Verhinderung. Darin liegt deren Unmenschlichkeit. Unmenschlich ist es auch, einem persönlich nicht vertrauten Arzt allein oder einem ebenso anonymen Vormundschaftsgericht die letzte Entscheidungsbefugnis zu überantworten. Einer Generalisierung und Ent-Individualisierung wird dadurch Tür und Tor geöffnet.
Allen anderen Punkten der Grundsätze kann ich ansonsten zustimmen, insbesondere will ich deren feste Haltung gegen die um sich breitende Tendenz gegen Alte und Kranke in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten anerkennen. Es ist richtig und notwendig, genaue Bedingungen und Grenzen des Tabubruches der Krankentötung zu formulieren. Die damit durchaus verbundenen Gefahren für krankes Leben, Behinderung der besseren Betreuung Sterbender, dem Nachgeben gegenüber einem ungerechtfertigten psychologischen Druck, Angehörigen oder der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen, sind vollkommen berechtigte Argumente der Grundsätze, dürfen aber die Humanität einer Krankentötung unter ganz bestimmten Bedingungen nicht generell ausschließen.

Dr. med. Michael Klucken
Am Bloher Forst 18, 26160 Bad Zwischenahn
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