ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Der Sanitätsdienst im Römischen Reich

SPEKTRUM: Bücher

Der Sanitätsdienst im Römischen Reich

Wilmanns, C.

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Die ersten Krankenhäuser
Juliane C. Wilmanns: Der Sanitätsdienst im Römischen Reich. Eine sozialgeschichtliche Studie zum Römischen Militärsanitätswesen nebst einer Prosopographie des Sanitätspersonals, Medizin der Antike, Band 2, Olms – Weidmann, Hildesheim, 1995, 314 Seiten, 13 Abbildungen, gebunden, 68 DM
Wenn Arminius, der Cherusker, gewußt hätte, daß er in der Schlacht im Teutoburger Wald durch seinen Sieg über den römischen Statthalter Varus im Herbst 9 n. Chr. auch die Existenz des ersten uns überhaupt bekannten Krankenhauses abrupt beenden würde, vielleicht hätte er seinen erfolgreichen Aufstand gegen Rom etwas anders geplant . . .
Jedenfalls wurde das älteste Krankenhaus, das wir kennen, in jenem zerstörten Legionslager von Haltern (Westfalen) Ende des letzten Jahrhunderts von Archäologen entdeckt. Offenbar wurde es etwa zwischen 7 v. und 9 n. Chr. von mehreren Militärärzten und zwei bis drei Dutzend Sanitätern betrieben. Lange vor den christlichen Hospitälern und Armenhäusern hatte nämlich Kaiser Augustus (36 v. bis 14 n. Chr.) für seine fernab jeder Zivilisation stationierten Soldaten einen Sanitätsdienst ohne historisches Vorbild erfunden und – weil den Soldaten in den römischen Lagern nur sehr wenig Wohnraum (etwa zwei Quadratmeter) zur Verfügung stand – auch eigene Kranken- und Verwundetenquartiere entwerfen lassen.
Die Münchner Medizinhistorikerin Juliane C. Wilmanns stellt anschaulich höchst fachkompetent dar, was über dieses erste Sanitätswesen der Weltgeschichte überliefert ist. Insbesondere richtet sie ihr Augenmerk auf die Sozialgeschichte der ersten in einem Krankenhaus tätigen Ärzte. Sie schildert dabei auch die komplizierte Struktur der römischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande, die im 2. Jahrhundert n. Chr. rund 400 000 Mann (!) umfaßten. Sie legt nicht nur die Beschäftigungsverhältnisse der medici als Soldatenärzte oder zivile Vertragsärzte und deren Dienstgrade dar, die bis in den Centurionat (was etwa der heutigen Ranggruppe der Stabsoffiziere entsprechen würde) führen, sondern untersucht auch die Ausbildung der Ärzte. Diese fand entweder in einem privaten Meister-Lehrlings-Verhältnis oder nach der Rekrutierung bei einem erfahrenen Truppenarzt statt. Die Aufgabenbereiche der Militärärzte unterschieden sich dabei wohl wenig von denen ihrer zivilen Kollegen. Auch das nichtärztliche Sanitätspersonal und die Organisation der Krankenhäuser werden im einzelnen erläutert, wobei die Valetudinarien der Legionslager, in denen jeweils rund 6 400 Soldaten stationiert waren, 250 bis 300 Patienten stationär aufnehmen konnten. Die kleineren Lazarette der Hilfstruppenkastelle, in denen jeweils 500 bis 1 000 Soldaten lagen, konnten etwa 40 bis 50 Patienten versorgen. Die Valetudinarien, die teils durch Ausgrabungen, teils durch Erwähnungen in lateinischen oder griechischen Inschriften bekannt sind, hat die Verfasserin in einer Karte des gesamten Römischen Reiches lokalisiert; außerdem sind sie erstmals in sehr gelungenen Rekonstruktionszeichnungen wirklichkeitsnah veranschaulicht (Abbildungen). Im zweiten Teil ihrer Untersuchung legt die Verfasserin eine erstmals publizierte prosopographische Beschreibung aller bisher bekannten Militärärzte und Sanitäter zwischen 31 v. und 284 n. Chr. vor. Einige instruktive Abbildungen von Inschriften sowie ein ausführlicher Index schließen das interessante Buch ab. Wer sich für die europäische Medizingeschichte und insbesondere das klassische Altertum interessiert und wen der Stil einer gelehrten Wissenschaftlichkeit nicht stört, wird dieses Buch mit großem Gewinn und Vergnügen lesen.
Heinz Schott,
Bonn
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