ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2004Selbstmord: Argumente für die Beibehaltung
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Foto: DAK/Wigger
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Die Diskussion um die wertneutralere Benennung des Begriffs Selbstmord begegnet mir im psychiatrischen Alltag mehr vonseiten der Angehörigen als von den Patienten selbst. Das Ersetzen von Selbstmord durch Suizid, Selbsttötung, scheint mir nicht so unproblematisch und durchgehend positiv in seiner Wirkung zu sein, wie dies vom Autor dargestellt wird. Neben der Problematik mit Stigmatisierung, Schuldvorwürfen bei der Bezeichnung „Selbstmord“ einerseits gibt es andererseits auch Argumente, die für Vorteile und eine Beibehaltung beim Begriff „Selbstmord“ sprechen. Die Dimension der umgangssprachlichen Wortbedeutung ist nicht unbedingt nur negativ zu verstehen: Mord bedeutet (nach Wahrig, deutsches Wörterbuch) absichtliche Tötung, was bei einigen gezielt geplanten suizidalen Handlungen zutrifft.
Die Assoziationen, die mit Selbstmord einhergehen, beinhalten auch moralisch-kulturelle Haltungen oder Urteile über eine verbotene Tat. Diese können durchaus präventiv wirken und eine erhebliche Schwelle zur Begehung einer solchen Tat darstellen. Umgekehrt können die Benennungen „Selbsttötung, Suizid, Suizident“ bagatellisierend aufgefasst werden und die Selbsttötung als akzeptierte Handlungsmöglichkeit attribuieren. Dadurch könnte auch die Verantwortlichkeit für diese Tat unscharf werden, letztendlich dem Täter (oder Kranken) eine ohnmächtige Position suggeriert werden, die es ihm eher erschwert, wieder für sich und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Die wertende Benennung Selbstmord dagegen macht deutlich, dass es sich dabei um ein Überschreiten der Grenzen handelt, eine unzulässige Tat, die durch die Drastigkeit (und auch Tabuisierung) gerade eine entsprechende Wirkung erhält. Außerdem betrifft eine Selbsttötung nicht nur den Täter, sondern das gesamte soziale Umfeld, was bei „appellativen“ Suizidhandlungen ja gelegentlich nicht unbeabsichtigt ist. Suizid kann daher einem Mord in seinen sozialen Folgen in manchen Fällen entsprechen. Eine vom Autor genannte „Wertneutralität“ ist auch durch eine Umbenennung nicht möglich, wohl aber eine Änderung der Wertung, eventuell aber auch mit den angedeuteten beschriebenen Folgen. Auf keinen Fall sollte jedoch Selbstmord oder Selbsttötung mit der vom Autor genannten Selbstbestimmung im irreversiblen Sterbeprozess vermischt werden, hier
sind klarste Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen notwendig. Im ersten Fall will jemand gezielt aus seelischer, subjektiver Verzweiflung gezielt und aktiv sich das Leben nehmen (Selbstmord). Diese Handlungsabsicht (sofern nicht terminal ausgeführt) aufgrund seelischer Krankheit verschwindet in den allermeisten Fällen nach einiger Zeit von selbst oder durch eine adäquate psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung. Der würdevolle Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen im Sterbeprozess hat mit aktiver Selbsttötung überhaupt nichts zu tun.
Michael Kammer-Spohn
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtbehandlung, CH-7312 Pfäfers
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