ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2004Medizingeschichte(n): Psychiatrie – Nymphomanie

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Medizingeschichte(n): Psychiatrie – Nymphomanie

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Nymphomania oder furor uterinus [1]. Diese Nervenreitzung der Geschlechtstheile ist das bey dem weiblichen Geschlecht, was die Satyriasis [2] bey dem männlichen ist. Sie muß in ihren drey Perioden betrachtet werden. In der ersten ist die Einbildungskraft beständig mit wollüstigen Gegenständen beschäftigt. Traurigkeit, Unruhe, Verschlossenheit, Liebe zur Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Mangel des Appetits, und innerer Streit zwischen dem Gefühl der Schaam und dem heftigen Triebe zu Ausschweifungen u. s. w. In der zweyten Periode überlassen sie sich ihren wollüstigen Begierden, sie suchen nicht mehr sie zu unterdrücken, alle Regeln der Schaam und des Anstandes sind vergessen; jeden den sie treffen, suchen sie durch unanständige Gebehrden zu reitzen und sich in seine Arme zu werfen, und drohen, wenn der Mann ihren Anmuthungen widersteht und sich zu vertheidigen sucht. In der dritten Periode sind die Verstandeskräfte völlig aufgehoben, eine Art von blinder Wuth, wo sie alles zerschlagen und zerreissen, brennende Hitze ohne Fieber; mit einem Worte alle Symptome der Manie. Man findet hiervon häufige Beyspiele in den Hospitälern der tollen Weiber [...].“

Philippe Pinel: Philosophische Krankheits-Lehre des Bürgers Pinel. Aus dem Französischen übersetzt. 2. Theil. Kopenhagen, 1800; S. 143 f. [1] Auch als „(Gebär-)Mutterwut“ bezeichnet. [2] Nach dem Fruchtbarkeitsdämon „Satyr“ (im Rahmen des Dionysoskultes) aus der griechischen Mythologie. – Pinel (1745–1826), der legendäre Befreier der Irren von den Ketten, war neben seinem Schüler Esquirol wichtigster Wegbereiter der französischen Anstaltspsychiatrie; ab 1795 Leiter der Pariser „Salpêtrière“, dem Hospital für weibliche Geisteskranke.

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