ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Umweltthema im Februar – Luftqualität: 1995 im Überblick

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Umweltthema im Februar – Luftqualität: 1995 im Überblick

Eckel, Heyo; Hüttemann, Ulrich; Rink, Claus

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LNSLNS 1995 war ein Jahr, in dem einzelne Industriekonzerne durch Negativschlagzeilen im Umweltbereich von sich reden machten. Gerade deswegen sollen an dieser Stelle auch einmal die sehr positiv zu bewertenden Bemühungen der deutschen Industrie im Bereich der Umwelttechnik hervorgehoben werden.
In einer Zeit, in der das Spannungsfeld Ökologie-Ökonomie eine große Rolle spielt, wurden durch verstärkte Investitionen in der Umwelttechnik weitere Verringerungen der durch die Industrie verursachten Emissionen erreicht. Gerade in Ostdeutschland konnten durch die Umsetzung der neuesten technischen Standards große Fortschritte in der Luftreinhaltung erzielt werden. Nicht die privaten Verbraucher, eingeschlossen die Autofahrer, sind an einer fortschreitenden Luftverbesserung beteiligt, sondern in erster Linie die Industriebetriebe. Verbesserungen im Bereich der Kraftfahrzeugemissionen sind in den nächsten Jahren durch die Senkung des Schwefel- und des Benzolgehaltes im Treibstoff zu erwarten, so daß die erheblichen Belastungen durch Benzol in den Städten beziehungsweise an verkehrsreichen Straßen zurückgehen werden.
Auffallend ist nach wie vor die sehr starke Differenzierung der Luftschadstoffbelastung bei den konventionellen Schadstoffen (NO2, Schwebstaub, SO2, CO und O3). Gerade bei Stickstoffdioxid kann man dies sehr genau betrachten (vgl. dazu Karten). Vor allem in Städten und an typischen Verkehrsstationen sind im allgemeinen noch keine Rückgänge bei der Stickstoffdioxidbelastung zu erkennen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen von der Regel.
So wurden in einer Langzeitstudie einige "Stickstoffdioxidstationen" in Niedersachsen durch das Landesamt für Ökologie untersucht (bei Nachfragen: Dr. Heits). Im Vergleich von 1995 zu 1990 stellte man hier bei der Hintergrundbelastung einen Rückgang von 40 auf 30 Mikrogramm/m3 Stickstoffdioxid fest. An typischen Verkehrsstationen (Autobahnzubringer, Straßenschluchten etc.) wurden Rückgänge von etwa 20 Prozent gemessen.
Insgesamt wurden in Deutschland im Vorjahr an keiner Station mehr als 80 Mikrogramm/m3 Jahresdurchschnittsbelastung (Grenzwert der TA-Luft) gemessen und damit kein Grenzwert überschritten (vgl. Karte 1). Würde man aber den wesentlich strengeren Maßstab der Schweizer Luftreinhalteverordnung (SLRV) anlegen, die einen Jahresmittelwert von 30 Mikrogramm/m3 beinhaltet, erhielte man 255 Überschreitungen dieses Grenzwertes im Jahr 1995 – somit fast an jeder der aufgeführten Stationen (vgl. Karte 2). Bei der Betrachtung der Wochenmittelwerte fallen allerdings 28 Überschreitungen des (deutschen) TA-Luft-Wertes auf und etwa 6 400 Überschreitungen des Schweizer Wertes. Da es keinen Grenzwert für Wochendurchschnittsbelastungen gibt, ist die Gleichsetzung dieses Wertes mit den Jahresdurchschnittswerten wissenschaftlich nicht korrekt, aber als Vergleich der Luftgüte durchaus interessant.
Wieso weichen die Werte beider Länder überhaupt so stark voneinander ab? Im Gegensatz zu den deutschen TA-Luft-Werten, die anlagebezogene Grenzwerte darstellen, sind die Werte der SLRV an Wirkungsschwellen orientiert, die man aus epidemiologischen und toxikologischen Untersuchungen hergeleitet hat. Sie tragen damit sowohl der Expositionsdauer als auch der Höhe der Belastung Rechnung. Demzufolge sind sie nach strengen wissenschaftlichen Kriterien ein Maß für die Schadstoffdosis, die zu der Vermeidung von Schäden nicht überschritten werden sollte.
Bei Überschreitungen der Grenzwerte ist kein zwingender Eintritt eines "Schadensereignisses" (Gesundheitsbeeinträchtigung) gegeben, aber es besteht ein zunehmend erhöhtes Risiko schädlicher Auswirkungen auf die Gesundheit. In diesem Zusammenhang sei erneut darauf verwiesen, daß Grenzwerte nicht nur von der Wissenschaft gesetzt werden, sondern auch politischen Erwägungen standhalten müssen.
Was zeigt der Rückblick auf 1995 noch? Für den Schadstoff Schwefeldioxid läßt sich in den letzten Jahren eine erfreulich starke Abnahme feststellen. Das ist in erster Linie auf umwelttechnische Maßnahmen der Industrie zurückzuführen. Besonders im Westen Deutschlands sind die Jahresmittelwerte der Schwefeldioxidbelastung auf ein Niveau von unter 25 Mikrogramm/m3 gesunken. Gelegentlich liegen die Mittelwerte noch zwischen 50 und 100 Mikrogramm/m3. Lediglich örtliche Emittenten können zu einer zeitweise höheren Belastung durch Schwefeldioxid führen. Einige besonders hoch gelegene und damit frei anströmbare Meßstationen registrieren denn auch häufig Kurzzeitbelastungen durch Schwefeldioxid in nicht unerheblicher Höhe (> 1 500 Mikrogramm/m3).
Was die Zukunft anbelangt, so werden sich die Landesämter bei Luftqualitätsuntersuchungen zunehmend mit Kohlenwasserstoffen, Schwebstäuben sowie mit der Frage der Luftbelastung in ländlichen Gebieten und Erholungsräumen beschäftigen müssen. Es sollten vor allem sinnvolle Konzeptionen erarbeitet werden, um die Luftqualität an Orten zu messen, die saisonal bedingt hohe Verkehrsströme auf sich ziehen, aber außerhalb der vorgeschriebenen Meßnetze liegen. Vor allem das Alpenvorland, einige Mittelgebirgsregionen und die deutsche Küste mußten bisher mit wenigen Meßstationen auskommen. Eine seriöse Beurteilung der Luftqualität dieser Regionen in bezug auf bestimmte Belastungszyklen ist deshalb schwierig.
Prof. Dr. med. Heyo Eckel,
Prof. Dr. med. Ulrich Hüttemann,
Dr. rer. nat. Claus Rink


Rückfragen: Dr. Claus Rink, c/o Georisk GmbH, Schloß Türnich, 50169 Kerpen, Tel 0 22 37/6 12 22, oder e-mail: Internet: 100526.2351@compuserve. com
e-mail: Compuserve: 100526,2351
e-mail: T-Online: Rink.UDS.enviroreport@t-online.de

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