ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2004Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Studienschwalbe macht keinen Erkenntnissommer

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Studienschwalbe macht keinen Erkenntnissommer

Dtsch Arztebl 2004; 101(34-35): A-2312 / B-1940 / C-1867

Kriegel, Wolfgang

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Das Verhältnis von Schulmedizin und alternativen Konzepten war Titelthema von Heft 19/2004 und löste eine heftige Diskussion aus.
Das Verhältnis von Schulmedizin und alternativen Konzepten war Titelthema von Heft 19/2004 und löste eine heftige Diskussion aus.
Leider kann ich den „ermutigenden“ Charakter der „Erfahrungen“, die im Rahmen der angesprochenen Tagung über das Verhältnis von Schul- und Komplementärmedizin gemacht worden seien, angesichts der rhetorischen Auf(bzw. Nieder)arbeitung in diesem Artikel in keiner Weise nachvollziehen. . . . So wird als wesentlicher Extrakt der Gespräche die Einigkeit hierüber angeführt, dass Heilung v. a. auch die „Hilfe bei der Realisierung individueller, durch somatische oder psychische Erkrankung gefährdeter Lebensperspektiven“ darstellt. Auf Normaldeutsch heißt das wohl, dass der Arzt dem Patienten helfen soll, mit seiner Krankheit so zurechtzukommen, dass er sie akzeptiert und mit seinem Leben dennoch etwas anzufangen weiß, was – wenn ich mich nicht irre – schon immer und völlig unbestritten eine entscheidende Aufgabe ärztlichen Handelns war und ist.
Etwas schwerer tue ich mich mit der Enträtselung des Satzes: „. . . dürfte dazu führen, einen Mittelweg zwischen statistisch erfassbarem Nutzen und der realisierbaren Heilserwartung des kranken Individuums zu finden.“ Was heißt hier bitte „realisierbar“ und was „Heilserwartung“, und wann ist sie realisierbar und wodurch? Verdolmetscht lese ich darin: egal was die Statistik sagt, wenn der Patient es will und man es ihm geben kann, dann bekommt er es auch.
Besondere Freude machte mir auch der Satz: „Werden mit dem bio-psychologisch-soziologischen Modell der heutigen Schulmedizin Aspekte beschrieben, die sich nicht auf eigenständige Seinsbereiche des Menschen beziehen, sondern lediglich Betrachtungsweisen entsprechen, so werden in vielen komplementärmedizinischen Richtungen anthropologische Bilder zugrunde gelegt, die eigenständige Bereiche des Lebendigen, Seelischen und Geistigen ausweisen.“ Hier wäre wohl irgendwie der Kern des Unterschieds von Schul- und Komplementärmedizin festzumachen, den der Autor offenbar nicht klarlegen wollte: Die Schulmedizin ist ein Kind der Aufklärung – und weist als wesentliches Merkmal ihres Erkenntnisstandes das Bewusstsein seiner Unvollständigkeit, Vorläufigkeit und Korrigierbarkeit auf. Folge ist, dass er sich ständig an der Wirklichkeit messen lassen muss – und auch fortlaufend korrigiert wird. Trotz gegenläufiger Bemühungen von Pharmaindustrie und manchen professoralen Helfern gelingt das der Schulmedizin – wenn auch mitunter über Umwege und verzögert (s. Antiarrhythmika) – doch noch erstaunlich gut. Die wesentlichen komplementärmedizinischen Sparten hingegen setzen ein kulturell-religiös in nicht mehr klar zu rekapitulierender Weise entstandenes Menschenbild axiomatisch voraus, das unbeirrt durch gegenteilige spätere Erkenntnisse aufgrund seiner a priori erkannten Richtigkeit beibehalten wird, was einer pseudo- bis real-religiösen Denkweise entspricht. Das Resümee dabei ist immer: Die Methoden an sich wirken auf alle Fälle – nur die Nachweismethode ist – noch – unzureichend. „Glaubenskriege“ kann es daher per definitonem nur zwischen verschiedenen Richtungen der Komplementärmedizin geben, nicht mit der Schulmedizin, die ja nicht auf Glauben, sondern auf überprüfbarer Erkenntnis basiert.
. . . Zum Thema klinische Studien ist noch zu sagen, dass beim Auftauchen einer offensichtlich signifikanten Studie zugunsten einer komplementärmedizinischen Methode ein nicht enden wollender Jubel darüber ausbricht, dass endlich der Nachweis da sei! Dieser Jubel soll dann die vorausgegangenen 20 negativen vergessen machen. Nicht erst seit Heft 13 DÄ („Von der Wahrscheinlichkeit des Irrtums“) sollten wir wissen, dass eine Studienschwalbe noch lange keinen Erkenntnissommer macht.
Dr. Wolfgang Kriegel
Nicolaus-Gallus-Straße 34, 93051 Regensburg
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