ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2004Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Exotische Medizinsysteme nicht integrationswürdig

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Exotische Medizinsysteme nicht integrationswürdig

Dtsch Arztebl 2004; 101(34-35): A-2313

Stöhr, M.

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LNSLNS Die Autoren betonen einleitend zu Recht, dass die Ausbreitung alternativer Heilverfahren in den westlichen Ländern keinen Beweis für deren Effektivität darstellt, sondern vielmehr auf ein weitverbreitetes Unbehagen an der naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation in Kombination mit einer neo-romantischen Naturideologie zurückgeht. Diese Geisteshaltung begünstigt die durchaus wünschenswerte und teilweise bereits realisierte Integration der Naturheilverfahren in die Schulmedizin, zumal jene bei vielen banalen Erkrankungen einer High-Tech-Medizin vorzuziehen ist. Allerdings ist festzuhalten, dass die Homöopathie entgegen einer weitverbreiteten Meinung nicht unter die Naturheilverfahren fällt: Bekanntlich titulierte Hahnemann die Natur
als Pfuscherin, die keine Krankheit heilen könne, da sie keinen Verstand besäße und das homöopathische „Arzneimittel“-Sortiment, das so aparte Dinge wie Kröten, Waldameisen, Rinderpenis, Schwermetalle und den Inhalt syphilitischer Geschwüre beinhaltet, passt eher in eine mittelalterliche Hexenküche als in eine neuzeitliche Naturheilkunde.
Ebenso wenig wie die Homöopathie sind die zahlreichen exotischen Medizinsysteme integrationswürdig. So existieren im Ayurveda und in der traditionellen chinesischen Medizin abenteuerliche Vorstellungen vom Bau und der Funktion des Organismus, und übergeordnete Steuerungssysteme wie das Nervensystem, das Endokrinium oder Immunsystem sind völlig unbekannt. Derartige Medizinsysteme in die Schulmedizin integrieren zu wollen entbehrt jeglicher vernünftiger Grundlage, während dies bei Teilbereichen wie bestimmten Massagetechniken, Entspannungsverfahren, vielleicht auch bei der Akupunktur akzeptabel oder sogar wünschenswert erscheint.
Die Schulmedizin ist alles andere als perfekt, aber sie unterzieht die propagierten diagnostischen und therapeutischen Verfahren einer ständigen kritischen Prüfung und gegebenenfalls Korrektur. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu den alternativen Heilverfahren, die – unbeirrt von den spektakulären Fortschritten der Medizin und der Pharmakologie – seit Hunderten oder gar Tausenden von Jahren an ihren naturphilosophisch begründeten Spekulationen unkorrigierbar festhalten.
Wer dennoch seine Gelenkschmerzen durch Haifischknorpel oder die klein gehackte und zweimal gekochte Schlange Wu Bu She heilen möchte, sollte dies auf eigene Verantwortung und eigene Kosten tun und keinesfalls im Rahmen einer schulmedizinischen Behandlung.
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. M. Stöhr
Klinikum Augsburg, Neurologische Klinik
Stenglinstraße 2, 86156 Augsburg
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