ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2004Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Schlusswort

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Schulmedizin und Komplementärmedizin – Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2004; 101(34-35): A-2315

Willich, Stefan N.

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LNSLNS Für die vielfältigen Diskussionsbeiträge (s. auch DÄ, Heft 22/2004), Kritikpunkte, Anregungen und nicht zuletzt für die Ermutigung möchten wir uns ausdrücklich bedanken. Die Reaktionen zeigen, dass weite Bereiche ärztlicher Tätigkeit von der schwierigen und vielfältigen Thematik berührt werden. Einige der geäußerten Bedenken hatte unsere Initiativgruppe in den bisherigen Sitzungen bereits ausführlich erörtert und sollen hier exemplarisch angesprochen werden.
Die Leserkritik richtet sich vorwiegend gegen die Existenzberechtigung nichtschulmedizinischer Richtungen und die Rationalität ihrer Verfahren an sich, und nur zu einem geringen Teil gegen
den explizit als Ziel des Dialogforums angegebenen Versuch, eine Plattform
für einen strukturierten Dialog zwischen (selbst-)kritischen Vertretern der Schulmedizin und anderer Medizinrichtungen zu schaffen. Der Terminus „komplementär“ wurde nach längeren Diskussionen gewählt, in keiner Weise als „Umettiketierung“ (Dr. Waubke, Dr. Wagner, Prof. Stöhr) für paramedizinische Prozeduren, die für sich in Anspruch nehmen, wirksame, notwendige und nützliche schulmedizinische Verfahren durch abstruse Medikamente zu ersetzen.
Für die Annahme von Dr. Zang, dass die meisten chronisch kranken Patienten beim Heilpraktiker behandelt werden, gibt es keinen Anhalt. Wir stimmen mit Dr. Hessel überein, dass das Ziel gemeinsamer Bemühungen die „gute Schulmedizin“ sein muss, die allerdings nützliche Verfahren aus allen Bereichen der Medizin einschließen und sich dadurch als dialogbereites System erweisen sollte. Dies setzt eine Einigung über gemeinsame Ziele und Beurteilungsverfahren voraus. Wir sind erstaunt über die Kritik an dem im Abschnitt über das Selbstverständnis der Schulmedizin erläuterten Heilungsbegriff, der nicht allein die Krankheit, sondern vielmehr den Kranken im Blick hat. Dr. Kriegel bemerkt zu Recht, dass „mit der Krankheit leben“ eine (in der Praxis allerdings nicht selten vernachlässigte) Aufgabe ärztlichen Handelns ist. Dass sich die in Berlin anwesenden Vertreter verschiedener Medizinrichtungen auf einen solchen Heilungsbegriff einigen konnten, erscheint uns angesichts überzogener Heilungsversprechen sowohl in der Schulmedizin als auch der Komplementärmedizin (s. auch der bemerkenswerte Beitrag von Dr. Meyer zu Schwabedissen) nicht trivial.
Die Vermutung Dr. Kriegels, dass die unterschiedlichen Betrachtungsweisen des seit Jahrtausenden im Mittelpunkt philosophischer und religiöser Reflexionen stehenden Leib-Geist-Seele-Problems für unterschiedliche Verfahren der heutigen Schulmedizin einerseits, vieler nichtschulmedizinischer Medizinrichtungen andererseits entscheidend sind, ist sicherlich richtig und wird im Symposium über Menschenbild und Medizin (s. u.) eine wesentliche Rolle spielen. Nicht verständlich ist dagegen die Vermutung, dass wir diesen Unterschied nicht klarlegen wollten. Kritischer Diskurs unter Verzicht ideologischer Prämissen ist uns ein grundsätzliches Anliegen. Bezüglich der in manchen Leserbriefen angemahnten Ideologielastigkeit komplementärmedizinischer Richtungen im Gegensatz zu einer diesbezüglich als prämissenlos angenommenen Schulmedizin erscheint uns allerdings reflexive Standortbestimmung anstelle schneller (Vor-)Urteile erforderlich. In diesem Zusammenhang sei Herr von Frankenberg hinsichtlich seiner Vermutungen zur anthroposophischen Medizin und Goetheanismus auf die in unserem Artikel angeführte Literatur und weitere zahlreiche Arbeiten zu dieser Thematik verwiesen.
Die Kritik an dem Versuch einer Diskussion „auf gleicher Augenhöhe“ (Dr. Hessel, Dr. Benoit) ist uns unverständlich. Den Gesprächspartner a priori ernst zu nehmen, ihm zuzuhören, ihm die eigenen Argumente verständlich zu machen ist die Voraussetzung eines hoffentlich fruchtbaren Austauschs gegensätzlicher Ansichten. Ein solcher Stil des Dialogs bedeutet kein Aufgeben eigener Positionen. Ob die Medizin letztlich von einem Dialog profitiert, der über den interdisziplinierten Dialog innerhalb der Schulmedizin hinausgeht, ist offen – und wurde bewusst auch als Frage formuliert.
Die berechtigte Forderung von Dr. Kötz nach „klaren Definitionen und begründeten Grenzziehungen“ (zu denen es international bisher keine eindeutige Übereinkunft gibt, selbst die Zuordnung einzelner medizinischer Richtungen ist teilweise arbiträr) sollte Ergebnis des angestrebten Dialoges sein und diesen nicht durch unberechtigte A-priori-Festlegungen behindern. Wie in unserem Artikel hervorgehoben, liegt der Maßstab zunächst in den drei genannten – und erstaunlicherweise in keiner der Zuschriften kommentierten – Voraussetzungen der Dialogfähigkeit im Sinne unserer Initiative.
Nur zustimmen können wir Dr. Kubryk, der gegenüber komplementären Verfahren eine tolerante Haltung einnimmt, solange dem Patienten kein Schaden durch Unterlassung notwendiger und wirksamer Behandlung entsteht. Seine insbesondere durch die Onkologen in der Initiativgruppe geteilte Erfahrung, dass verschiedene medizinische Strategien in gegensätzlich beeinträchtigender Form praktiziert werden, zeigt die Notwendigkeit eines offenen und kritischen Dialogs. Der bisherige Stil der Auseinandersetzung konnte das Problem nicht lösen und hat nicht zur medizinischen Kooperation im Sinne einer bestmöglichen Patientenversorgung beigetragen.
In den Beiträgen von Dr. Kriegel, Prof. Stöhr und Dr. Wagner wird bemängelt, dass die wissenschaftliche Qualität beim Wirksamkeitsnachweis vieler komplementärmedizinischer Methoden deutliche Defizite aufweist. Umso wichtiger ist der Anspruch an rigorose Qualitätsstandards bei entsprechenden Forschungsprojekten. Hier besteht großer Nachholbedarf, der erst in wenigen Bereichen zu wissenschaftlichen Untersuchungen nach etablierten Standards geführt hat.
Zur vertiefenden Diskussion der jeweiligen ontologischen, erkenntnistheoretischen und ethischen Prämissen sowie der Therapieevaluation wurden jetzt zwei Symposien des Dialogforums Pluralismus in der Medizin konzipiert. Die Tatsache, dass renommierte Referenten aus Schul- und Komplementärmedizin bereit sind, den Dialog kritisch zu führen, spricht für die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges. Alle Interessenten sind herzlich eingeladen (weitere Informationen unter den Bekanntgaben in diesem Heft und in Heft 33/2004).
Prof. Dr. Stefan N. Willich
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité, 10098 Berlin
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