ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Glaukom: Erhöhter Augendruck ist nicht alleinige Ursache

POLITIK: Medizinreport

Glaukom: Erhöhter Augendruck ist nicht alleinige Ursache

Koch, Klaus

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LNSLNS Jeder zehnte Erwachsene jenseits des 40. Lebensjahres weist einen erhöhten Augeninnendruck auf; zwischen 500 000 und einer Million Menschen sind nach Schätzungen manifest an einem Glaukom erkrankt und bedürfen einer Therapie. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen hat sich der "Initiativkreis zur Glaukomfrüherkennung" schon vor Jahren das Ziel gesetzt, entsprechende Reihenuntersuchungen beim Augenarzt zur Regel zu machen. Von beim Screening entdeckten Patienten mit erhöhtem Innendruck weist die Mehrzahl noch keine weiteren Schäden auf. Aber etwa 0,5 bis ein Prozent der Patienten mit Glaukomverdacht entwickelt pro Jahr tatsächlich eine manifeste Erkrankung, schildert Prof. Fritz Dannheim von der Universität Hamburg. Um die Erkrankung frühzeitig zu erkennen, hält er deshalb ab dem 40. Lebensjahr ein Untersuchungsintervall von zwei Jahren für angemessen.
Gleichzeitig will der Initiativkreis auch in der Bevölkerung das Bewußtsein wecken, daß das Glaukom eine der häufigsten Erblindungsursachen ist. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Sample ergab, daß in der Bevölkerung in der Tat große Lücken in dem Wissen über das Glaukom klaffen. Den Begriff "grüner Star" kannten 47 Prozent der Befragten, 28 Prozent wußten, daß ein Glaukom zur Erblindung führen kann. Auch für den Arzt ist die Früherkennung nicht ohne Schwierigkeiten. Zu den Problemen zählt, daß die Erkrankung in der Regel keine auffälligen Beschwerden verursacht. Die schleichend zunehmende Einengung des Gesichtsfeldes wird von den Betroffenen selbst oft erst spät erkannt. Erschwert wird die Aufdeckung der Erkrankung auch, weil etwa ein Fünftel der Patienten mit den typischen glaukomatösen Sehnerven- und Gesichtsfeldschäden stets einen normalen Augendruck aufweist, so daß sie bei einer Kontrolle nur des Augendrucks verpaßt werden würden.
Ohnehin hat sich in den letzten Jahren die Rolle des Augendrucks als Ursache etwas relativiert. Heute wird er nicht mehr als alleiniger Verursacher betrachtet. Die Ergebnisse der Framingham-Studie, einer Untersuchung von 2 631 Personen im Alter von 52 bis 85 Jahren, zeigen nämlich, daß 60 Prozent der Patienten mit glaukomatösen Gesichtsfelddefekten normale Augendruckwerte (< 21 mm Hg) aufweisen.
Heute gelten Durchblutungsstörungen im Bereich des Sehnervs als weitere wesentliche Ursache für die Erkrankung. Gestützt wird die Vermutung auch durch experimentelle Untersuchungen, die insbesondere bei Patienten mit Normaldruck-Glaukom belegen, daß die Durchblutung des Sehnervs im Vergleich zu gesunden Personen verschlechtert ist. Auch für die Progression eines Glaukoms sind vaskuläre Risikofaktoren identifiziert. Dazu zählen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rauchen, Kurzsichtigkeit oder bereits an einem Glaukom erkrankte Familienangehörige.
Die Glaukom-Therapie ist dank einiger Neuentwicklungen in den letzten Jahren sowohl in ihrer konservativen wie auch ihrer operativen Variante (Trabekulektomie) deutlich effektiver geworden – ohne daß es indes eine 100prozentige Erfolgsgarantie gibt. Zwar lassen sich Störungen der Durchblutungsverhältnisse am Sehnervenkopf derzeit noch nicht gezielt behandeln, aber selbst bei den "Normaldruckpatienten" kann durch eine Drucksenkung mit den üblichen Präparaten die Progression verzögert werden. In einigen Fällen wird die Trabekulektomie mit der Auftupfung eines Zytostatikums – wie 5-Fluorouracil oder Mitomycin C – kombiniert. Hierbei werden die Substanzen lokal auf die Sklera aufgebracht (und nicht in den Kammerwinkel injiziert!).
Bei der großen Mehrzahl der Patienten gelingt die Drucksenkung alleine durch Augentropfen, die je nach dem individuellen Krankheitsbild und unter Berücksichtigung der potentiellen Nebenwirkungen verordnet werden. Die seit mehr als einem Jahrhundert gebräuchlichen Miotika wie das Pilocarpin sind jüngeren Patienten oft nicht zuzumuten, da die Pupillenverengung vor allem beim Autofahren hochgradig hinderlich ist.
Bei gut der Hälfte der Glaukompatienten kommen betablockerhaltige Augentropfen zum Einsatz, die bei bestimmten internistischen Grunderkrankungen wie schweren Herzrhythmusstörungen und obstruktiver Brochitis kontraindiziert sind. Das therapeutische Arsenal des Ophthalmologen wurde im vergangenen Jahr durch die Einführung eines lokal wirksamen Carboanhydrasehemmers ergänzt. Er reduziert die Kammerwasserbildung über das Enzym Carboanhydrase und vermeidet dadurch die bei den übrigen bisher eingesetzten lokalen Antiglaukomatosa möglichen Nebeneffekte auf das vegetative Nervensystem. Klaus Koch

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