ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Plimoth Plantation/USA: Eine Reise zu den „Pilgervätern“

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Plimoth Plantation/USA: Eine Reise zu den „Pilgervätern“

Sick, Hans-Peter

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LNSLNS Stephen Hopkins spaltet Holz für einen Neubau. Mary Brewster trägt ihre acht Monate alte Tochter spazieren. Hester Cooke ist eine stolze, protestantische Wallonin und versucht, ihre Tochter Jeannie unter die Haube zu bringen. Alice Bradford strickt gerade einen neuen Pullover für den kommenden, harten Winter. Nachbarin Fear Allerton sammelt im Garten hinter dem Haus Erntevorräte ein. Diakon Samuel Fuller doziert im Haus gegenüber gerade über das Leben und die religiöse Erziehung der Kinder. Den "Pilgrim Fa-thers" in "Plimoth Plantation" (etwa eine Stunde südlich von Boston im US-Bundesstaat Massachusetts) sind Flugzeuge, Videos, Fotoapparate genauso unbekannt wie Napoleon, John F. Kennedy oder Red Soks, die BaseballMannschaft von Boston. "Was ist das für ein neues Spiel?" fragt Jeannie Cooke, als sie sich zum Er- innerungsfoto in die Sonne stellen soll. "Flugzeug", blickt John Howland un-gläubig zum Himmel, "das ist doch ein großer Vogel." Als die ersten Siedler aus Europa vor nunmehr 376 Jahren den Boden Amerikas betraten, waren diese Errungenschaften der Technik noch völlig unbekannt. Im "Living Theatre" von Plimoth Plantation spielen 18 Schauspieler jeden Sommer das Leben in damaliger Zeit nach. Die scheint im Sommer 1627 stehengeblieben zu sein, und das Publikum wandelt über die Theaterbühne. Alle Darsteller verkörpern historisch belegbare Dorfbewohner, die im jeweiligen Dialekt ihres Herkunftsortes in "Old Europe" über ihr Leben in der Neuen Welt erzählen. Dabei werden die Besucher von den (vor allem in Geschichte) perfekt geschulten Schauspielern in Gespräche über Begebenheiten des frühen 17. Jahrhunderts verwickelt. Zum Schutz gegen die Wampanoag-Indianer in der Umgebung habe man einen Palisadenzaun rund um die Wohnhäuser errichtet, erzählt Jeannie. Unterdessen bringt sie sich für das Erinnerungsfoto in Positur, ignoriert aber gekonnt die Kamera. Vielmehr murmelt sie etwas von "neuem Spiel" und trottet mit ihrem Korb von "Nine Pins" (einem Vorläufer des Kegelns) in der Hand über die Wiese.
Im Sommer 1620 erreichten 102 überlebende Siedler der "Mayflower" die Gegend am heutigen Cape Cod. Rund 50 von ihnen überstanden den ersten Winter an der rauhen Ostküste des amerikanischen Kontinents nicht und starben. Später ließ sich der Rest in der Nähe des heutigen Plymouth nieder. Heute steht das Museumsdorf etwa an dieser Stelle. Die "Mayflower II" liegt ein paar Kilometer entfernt im Hafen des heutigen Plymouth vor Anker. Auch auf dem Segelschiff sind Personen der damaligen Zeit als lebende Figuren an Bord und berichten von der Überfahrt.


Hummer als Schweinefutter
"Es ist natürlich ein Problem und kostet viel Konzentration, in jedem Frühjahr wieder mit dem Frühjahr 1627 zu beginnen und nicht schon Dinge aus dem späteren Verlauf des Jahres zu erzählen", erklärt "Stephen Hopkins", dem der "Job" aber unheimlich Spaß macht. Das Leben vor fast vierhundert Jahren fasziniert ihn. So waren damals zum Beispiel Gabeln noch unbekannt, und Hummer (heute die Delikatesse an der Ostküste) galt als Notration und wurde ansonsten an die Schweine verfüttert.
Soll ein neues Heim errichtet werden, geschieht das mit den Mitteln der damaligen Zeit. Im letzten Sommer wurde in drei Monaten das Holzgerippe für ein neues Wohnhaus errichtet. "Was macht der Krieg in Europa?" erkundigt sich John Howland, während er Holz spaltet, und meint den Dreißig-jährigen Krieg. Unterdessen gackern Hühner über den Weg, Kühe knabbern an den Maispflanzen. Im Haus von Elinor Billington kocht die Gemüsesuppe am offenen Feuer. Sie wartet auf Ehemann John und die beiden Söhne, die "auf der Jagd oder bei der Feldarbeit sind". Gegründet wurde das Museum von Henry Hornblower II, der von der Idee seit seiner Kindheit besessen war, seinem Vater Ralph das Land abschwatzte und 1949 das erste Haus zur Besichtigung freigeben konnte. Ein paar Schritte von Plimoth Plantation entfernt entstand in den letzten Jahren mit "Habbamock’s Homesite" ein kleines Dorf der Wampanoag-Indianer. Nachkommen der Wampanoag informieren über den kulturellen Reichtum ihrer Vorfahren, wie sie jagten oder ein Kanu bauten.
Geschichte der Besiedlung der Neu-England-Staaten zum Anfassen bietet auch Old Sturbridge Village (östlich von Boston). Männer mit hohen Strohhüten und Frauen mit den typischen Hauben des 19. Jahrhunderts spielen und erklären in historischer Kleidung das Leben in dieser neuenglischen Dorfgemeinschaft im frühen vorigen Jahrhundert. Neben Bauernhöfen gibt es aber auch eine Bank, Schmiede, Druckerei, Mühlen oder gar eine Obstpresse, in der Cider (Apfelwein) hergestellt wird.
Ein drittes Museumsdorf aus den frühen Tagen der Besiedlung in Massachusetts kann in der Nähe von Pittsfield besucht werden. Allerdings leben im "Hancock Shaker Village" keine Angehörigen der religiösen Sekte mehr, die im 18. und 19. Jahrhundert zu den fortschrittlichsten Zeitgenossen gehörten, aber vom Aussterben bedroht sind. Was nicht wundert, da Männer und Frauen nach Geschlechtern getrennt wohnten und schliefen. Als "Stadt des Friedens" bezeichneten die Ableger einer Grupppe andersdenkender Quäker aus England ihr Dorf mit den 20 Gebäuden, Feldern und Gärten. Zu den Attraktionen gehört die für die ShakerBauweise typisch runde Scheune. Bekannt wurden die Shaker durch Wirbeln und Schütteln ihres Körpers unter dem Einfluß des himmlischen Geistes. Gegenüber den beiden anderen Freilicht-Museen ist das Hancock Village wirklich eine Stadt des Friedens. Hans-Peter Sick


Plimoth Plantation: Geöffnet ist Plimoth Plantation von April bis November, täglich von 9.00 bis 17.00 Uhr, Eintritt 15 US-Dollar für Erwachsene, für Kinder 9 US-Dollar (ein Besuch am Nachmittag ist besser, da die Anlage morgens von zahlreichen Schulklassen bevölkert wird). Anschrift: P.O.Box 1620, Plymouth, MA 02362, Tel 001/508-746 16 22.


Old Sturbridge Village: 1 Old Sturbridge Village Road, Sturbridge, Ma 01566, Tel 001/508-347 33 62, Fax 508-347 53 75. Geöffnet von Mai bis Oktober täglich von 9.00 bis 17.00 Uhr, November bis April von 10.00 bis 16.00 Uhr (Weihnachten und Neujahr geschlossen). Eintritt 15 US-Dollar für Erwachsene, Kinder die Hälfte.


Hancock Shaker Village: P.O.Box 898, Pittsfield, MA 01202, Tel 001/413-443 01 88, Fax 413-447 93 57. Geöffnet von April bis November, täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr.


Massachusetts: Auskünfte über Massachusetts und die Museumsdörfer gibt es auch bei New England Tourism Representations, Hasengarten 1, 61440 Oberursel, Tel 0 61 72/30 56 86 oder Fax 30 56 30.

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