ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2004Astrid Feuser: Das Erwachen

KUNST + PSYCHE

Astrid Feuser: Das Erwachen

PP 3, Ausgabe September 2004, Seite 440

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein Teufelswesen tritt einer anderen Figur machtvoll ins Gesäß und hebelt sie aus einem nur noch neben der Signatur links unten ganz klein gezeichneten Bett heraus. Ein Albtraum?
„Nachts telepathisch“ (1986), Mischtechnik auf Papier, 30 cm × 40 cm, signiert, betitelt und datiert 1986 Foto: Eberhard Hahne
„Nachts telepathisch“ (1986), Mischtechnik auf Papier, 30 cm × 40 cm, signiert, betitelt und datiert 1986
Foto: Eberhard Hahne
Vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte von Astrid Feuser drängt sich
eine andere Deutung auf. Nach einer langen Phase hyperrealistisch gemalter großformatiger Bilder brach die glatte Oberfläche auf: „Wem will ich eigentlich beweisen, dass ich eine Hand oder ein Gesicht naturalistisch malen kann?“ Eine im November 1984 begonnene Krise wurde von Astrid Feuser rückblickend als spirituelles Erwachen erlebt. „Reinkarnation“, „Chakra“, „Astralleib“ wurden für sie zu wichtigen Begriffen, von deren Existenz sie kurz zuvor überhaupt noch nichts gewusst hatte. Während der Krise blieb der Stil der Künstlerin noch für ungefähr ein Jahr weitgehend unverändert. Die gelernte, gut trainierte künstlerische Handschrift erweist sich bei Künstlern oft über einen längeren Zeitraum als stabil gegenüber Veränderungen, während umgekehrt künstlerische Laien in ihren Zeichnungen seelische Veränderungen oft eher zum Ausdruck bringen als in ihrer Sprache.
Aus dem Blickwinkel der Künstlerin haben wir es bei dieser Zeichnung aus dem Jahr 1986 nicht mit der Darstellung eines Albtraums, sondern mit der künstlerischen Umsetzung ihrer Krisenerfahrung zu tun. Dieses manchmal wie mit einem schmerzhaften Fußtritt beginnende Erwachen mag zunächst erschrecken, weil es uns aus unserer Alltagserfahrung (das winzig klein gewordene Bett!) herausreißt und in zunächst unverständliche Erlebnisse hineinschleudert – aber der weitere Verlauf unterscheidet den lediglich beängstigenden Albtraum von einem Erwachen in ein anderes Bewusstsein. Die Bewertung dieses anderen Bewusstseinszustands unterscheidet sich je nach zugrundeliegender Ausrichtung und Überzeugung oft diametral von einander. Wo die einen von einer Psychose sprechen, erleben und erkennen andere eine spirituelle Erleuchtung oder zumindest eine Wandlungskrise vom Typ einer Initiation. Hartmut Kraft

Biografie Astrid Feuser
Geboren 1951 in Düsseldorf. Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Bis 1986 Arbeit im Schuldienst, den sie aufgrund ihrer Krisenerfahrung kündigte, um nur noch als freischaffende Künstlerin zu arbeiten. Lebt in Rees am Niederrhein.

Literatur
Feuser A: Schmerzeherzen. Arbeiten aus zwölf Jahren. Wesel: Städtisches Museum Wesel, 1987.
Feuser A: Carne Fall. Katalog Stadt Pulheim und Stadt Rees, 1993.
Kraft H: Über innere Grenzen – Initiation in Schamanismus, Kunst, Religion und Psychoanalyse, München: Diederichs 1995: 146–159.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige