ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2004Tierversuche: Die Relevanz für den Menschen ist umstritten

MEDIZINREPORT

Tierversuche: Die Relevanz für den Menschen ist umstritten

Dtsch Arztebl 2004; 101(38): A-2511 / B-2118 / C-2038

Elsner, Amina

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Mäuse und Ratten werden mit Abstand am häufigsten für Tierversuche eingesetzt. Foto: Caro
Mäuse und Ratten werden mit Abstand am häufigsten für Tierversuche eingesetzt. Foto: Caro
Eine aktuelle Metaanalyse kritisiert bei Tierversuchen methodische Mängel und fehlende Standardisierung.

Die Substitutionstherapie mit Insulin, die Millionen Diabetikern das Leben ermöglicht, ist erst durch die Entdeckung von Frederick Banting und Charles Best im Jahr 1921 durch Versuche mit Hunden möglich geworden. Hätten sie für ihre Versuche nicht Hunde, sondern Meerschweinchen gewählt, würden vielleicht heute noch viele Typ-1-Diabetiker bereits im Kindesalter versterben. Denn bei Meerschweinchen bewirkt Insulin angeborene Missbildungen, sodass man die Anwendung beim Menschen wahrscheinlich für nicht verantwortbar gehalten hätte.
Der Einsatz des Schlafmittels Thalidomid hingegen war nach Tierversuchen an Mäusen und Ratten als unbedenklich beurteilt worden. Das teratogene Potenzial beim Menschen hat sich erst auf dramatische Weise nach der Zulassung gezeigt. Diese Beispiele machen deutlich, wie schwierig die Beurteilung der Relevanz von Tierversuchen in der Medizin ist. Diesem Thema widmet sich auch eine Studie von Pound et al. (BMJ 2004; 328: 514–517), in der sie zu dem Schluss kommen, dass die Ergebnisse aus Tierversuchen stärkeren Qualitätskontrollen zugeführt werden müssten, insbesondere durch das häufigere Erstellen systematischer Reviews und Metaanalysen.
Parallel wurden klinische Studien durchgeführt
Angeregt durch ihre Arbeit in der Cochrane Collaboration untersuchten die Autoren den Nutzen von Tierversuchen in Bezug auf ihre Relevanz für klinische Studien. Im Rahmen einer Metaanalyse fanden sie in fünf von sechs Review-Artikeln überwiegend methodisch schlecht durchgeführte Tierversuche. Und obwohl im Tierversuch kein potenzieller Nutzen für die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen erkennbar war, wurden – teilweise parallel – klinische Studien durchgeführt.
Die Frage der Übertragbarkeit auf den Menschen ist der größte Streitpunkt an der Forschung mit Tieren. Befürworter der Tierversuche argumentieren, dass es viele wertvolle Arzneimittel ohne Tierversuche nie gegeben hätte. Ebenso seien Fortschritte von Operationstechniken – zum Beispiel in der Gefäßchirurgie und Mikrochirurgie – nur durch vorangegangene Tierversuche möglich geworden. Darüber hinaus könne man bestimmte Untersuchungen, wie etwa die Bestimmung der Langzeit-Toxizität eines Stoffes, nur an lebenden Organismen durchführen.
Tierversuchsgegner kritisieren hingegen, dass immer wieder Fälle von fehlender Übereinstimmung vorkommen. Eine Erklärung für diese Diskrepanzen ist die Tatsache, dass die Abläufe im menschlichen Organismus äußerst komplex sind und sich nur sehr begrenzt durch Versuche am Tier simulieren lassen. Daher kann der gleiche Test bei unterschiedlichen Tierrassen zu teilweise gegensätzlichen Ergebnissen führen – wie das Beispiel Penicillin zeigt: Das Antibiotikum ist zwar toxisch für Meerschweinchen, nicht jedoch für Mäuse.
Tierversuche täuschen falsche Sicherheit vor
Nach Ansicht der „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ täuscht die präklinische Testung von Arzneimitteln an Tieren eine falsche Sicherheit vor, da nicht gewährleistet sei, dass die Medikamente beim Menschen tatsächlich unbedenklich angewendet werden könnten. „Es gibt eine lange Reihe von Medikamenten, welche von den zuständigen Behörden für den Verkauf in der Apotheke zugelassen wurden und dann aufgrund von Problemen, welche tierexperimentell nicht vorausgesehen wurden, wieder aus dem Verkehr gezogen oder zumindest im Gebrauch erheblich eingeschränkt werden mussten.“
So sind nach einer vom Institut für Klinische Pharmakologie Bremen im Jahr 2001 veröffentlichten Studie jährlich 210 000 Krankenhauseinweisungen auf Arzneimittelnebenwirkungen zurückzuführen. Davon wurden 70 000 als lebensbedrohlich eingestuft und 16 000 führten zum Tod (DGPT-Forum 2001, Nr. 28, 15–19). Für die Gesellschaft Gesundheit und Forschung ist die fehlende Übertragbarkeit von Untersuchungsergebnissen nicht allein auf Tiere und Menschen beschränkt: „Eine Übertragbarkeit . . . der Ergebnisse existiert nicht einmal von Mensch zu Mensch.“
Durch jahrelange Erfahrung der mit Tierversuchen betrauten Wissenschaftler habe sich jedoch herausgestellt, dass ausgesuchte Tierarten für bestimmte Fragestellungen besonders gute Übertragungswerte ergeben – zum Beispiel:
- Ratten und Mäuse für Gift,
- Ratten, Kaninchen und Primaten für keimschädigende Wirkung,
- Kaninchen für Arterioskleroseforschung,
- Schweine für Verdauung und Stress und
- Hunde für Nieren und Kreislauf.
Nach dem heutigen Stand des Wissens könne man davon ausgehen, dass Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln vor ihrer Anwendung am Menschen zu 70 bis 80 Prozent im Tierversuch erkannt werden. Das heißt: Tierversuche liefern Basisdaten, die in Abhängigkeit von der Ähnlichkeit des Versuchsmodells mit den Verhältnissen beim Menschen wichtige Rückschlüsse auf den Menschen zulassen.
Viel diskutiert wird auch die Verwendung von Alternativmethoden, die in den letzten Jahren als Ersatz oder Ergänzung zum Tierversuch entwickelt und etabliert wurden. Dazu zählen vor allem Untersuchungen an Zell-, Gewebe- oder Organkulturen, biochemische Verfahren wie die PCR oder ELISA oder die Verwendung von Computer-Simulationen. Der Draize-Test am Kaninchenauge auf Augen-/Schleimhautreizung einer Substanz konnte etwa durch den Hühnerei-Test an der Chorion-Allantois-Membran (HET-CAM) ersetzt werden. Zum Nachweis von Botulinumtoxin wird heute nicht mehr das Gift in die Bauchhöhle von lebenden Mäusen injiziert, sondern an einem isolierten Zwerchfell-Präparat nachgewiesen.
Diese Verfahren sind zwar nicht tierversuchsfrei, jedoch nicht mit Schmerzen für ein Tier verbunden und werden daher bevorzugt. Dennoch können Alternativmethoden die Tierversuche nicht in allen Bereichen ersetzen. Bestimmte Fragestellungen, wie die Verteilung eines Arzneistoffs im Körper, die Verteilung auf Organsysteme und die Ausscheidung lassen sich nur am lebenden Organismus untersuchen und auch noch nicht vollständig am Computer simulieren.
Argumente für die Standardisierung
Unabhängig von der Einstellung gegenüber Tierversuchen besteht jedoch Übereinstimmung, dass aus durchgeführten Studien der größte Nutzen gezogen werden sollte. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Studien methodisch korrekt durchgeführt werden und durch Randomisierung und Verblindung eine gute Aussagefähigkeit gewährleistet wird. Nach Ansicht von Pound könnte die Zahl der Tierversuche vermindert werden, indem die bisherigen Ergebnisse in Form einer Metaanalyse zusammengefasst würden.
Auch müsste ein vermehrter Vergleich von Tierversuchen und klinischen Studien durchgeführt werden, damit die Vorhersagefähigkeit besser eingeschätzt und die finanziellen Ressourcen optimiert werden könnten. Zudem kritisieren die Autoren, dass die pharmazeutische Industrie die Ergebnisse ihrer Tierversuche aus kommerziellen Gründen meist nicht der Öffentlichkeit zugänglich macht, was wiederum zu einer Verzerrung der Ergebnisse eines systematischen Reviews führt.
Idealerweise, so das Resümee, sollten Tierversuche nur dann durchgeführt werden, wenn alle bisherigen Studien zu dem entsprechenden Forschungsgegenstand einer gründlichen Analyse unterzogen worden seien und ihre Validität und Generalisierbarkeit zu klinischen Studien nachgeprüft worden sei. Amina Elsner


Wofür Tiere ihr Leben lassen müssen

Nach der Statistik des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft wurden im Jahr 2002 insgesamt 2,2 Millionen Tiere für Versuche verwendet. Den weitaus größten Forschungsbereich macht dabei die biologische Grundlagenforschung mit 826 000 Versuchstieren (38 Prozent) aus. Es folgen die Bereiche Forschung und Entwicklung mit 536 000 Versuchstieren (25 Prozent) und die Herstellung oder Qualitätskontrolle von Produkten und Geräten mit etwa 317 000 Versuchstieren (zwölf Prozent).
Für toxikologische Untersuchungen und andere Sicherheitsprüfungen wurden etwa 207 000 Versuchstiere (neun Prozent) verwendet. In der Medizin werden Tierversuche häufig zur Erforschung von Krankheiten und zur Entwicklung neuer Arzneimittel durchgeführt. Beispielsweise werden transgene Mäuse gezüchtet, die ein der zystischen Fibrose ähnliches Krankheitsbild aufweisen oder als Modell der Entstehung von Krebs herangezogen werden. Auch werden etwa neue Wirkstoffe zur Behandlung für Aids an Affen getestet.

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