ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2004DRG-Dokumentation: „Wasserdichte“ Akten

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DRG-Dokumentation: „Wasserdichte“ Akten

Dtsch Arztebl 2004; 101(38): A-2514 / B-2120 / C-2040

Flintrop, Jens

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Helga Romanini ist auf eine Unstimmigkeit in einer Krankenakte gestoßen. Knifflige Fälle bespricht die ehemalige Krankenschwester mit dem DRG-Beauftragten der Klinik, Prof. Dr. Frank Baer (hier an seinem Schreibtisch). Foto: Eberhard Hahne
Helga Romanini ist auf eine Unstimmigkeit in einer Krankenakte gestoßen. Knifflige Fälle bespricht die ehemalige Krankenschwester mit dem DRG-Beauftragten der Klinik, Prof. Dr. Frank Baer (hier an seinem Schreibtisch). Foto: Eberhard Hahne
In der Klinik III für Innere Medizin am Klinikum der Universität zu Köln überprüft eine Krankenschwester die Plausibilität kodierter DRG-Daten. Ihre Hartnäckigkeit zahlt sich für die Klinik aus.

Das Diktieren der Arztbriefe noch nicht einmal hinzugerechnet: Etwa 25 bis 40 Prozent ihrer Arbeitszeit opfern Krankenhausärzte für Dokumentationstätigkeiten – Tendenz steigend. Denn auch die diagnoseorientierten Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups; DRGs) im neuen Entgeltsystem wollen kodiert sein; OPS-301 und ICD-10 verlieren im DRG-Zeitalter keinesfalls an Bedeutung. Verpflichtet zur lästigen Schreibarbeit, bleibt den Ärzten für die Patientenversorgung immer weniger Zeit. Dokumentiert wird deshalb meist unter Zeitdruck und nebenbei. Darunter leidet oftmals die Qualität: Die Patientenakten beziehungsweise die Abrechnungsdaten für die Kostenträger sind dann unvollständig, was für das Krankenhaus geringere Einnahmen zur Folge hat und zu lästigen Nachfragen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) führt.
Ärzten bleibt mehr Zeit für die Patientenversorgung
Helga Romaninis Augen leuchten hingegen, wenn sie von „wasserdichten“ Krankenakten schwärmt, an denen der MDK nichts beanstanden kann. Schwester Helga – wie sie hier nur genannt wird – freut sich, wenn der PCCL (Patient Clinical Complexity Level) einer Akte steigt, weil sie eine Nebendiagnose gefunden hat, die der zuständige Arzt nicht eingetragen hatte. 20 bis 30 Akten bearbeitet sie am Tag. Resolut ermahnt die lang gediente Krankenschwester ihre ärztlichen Kollegen immer wieder, auch tatsächlich sämtliche erbrachten Leistungen zu dokumentieren und zu verschlüsseln, um Erlösverluste für die Klinik weitgehend zu minimieren. „Denn die Erlöse und vor allem die Stellen, die damit bezahlt werden können, brauchen wir doch alle“, meint Romanini, die aus dem ärztlichen Pool finanziert wird. An einem „guten Tag“ vermeide ihre Hartnäckigkeit und Akribie Verluste für die Klinik bis in den fünfstelligen Bereich, erklärt sie stolz.
Seit Dezember 2002 ist Romanini in der Klinik III für Innere Medizin (Kardiologie-Angiologie, Pneumologie und internistische Intensivmedizin) am Klinikum der Universität zu Köln für die Aufarbeitung der Patientenakten und Kontrolle der DRG-Daten zuständig. Zuvor war sie dort acht Jahre als Krankenschwester beschäftigt. Prof. Dr. med. Frank Baer, DRG-Beauftragter der Klinik, rechnet vor, dass sich die rein ärztliche Dokumentationszeit je Fall um durchschnittlich 15 Minuten (von 29 auf 14 Minuten) verringert hat, seitdem Schwester Helga den DRG-Vidierungsprozess vorbereitet und die Krankenakten vorab auf ihre Plausibilität überprüft. Klinikdirektor Prof. Dr. med. Erland Erdmann nennt die Besetzung einen „Glücksgriff“ – wohl auch wegen der deutlichen Erlösoptimierung.
Der entlassende Arzt sei immer noch der Verantwortliche für die ordnungsgemäße DRG-Kodierung eines Falles, betont Baer. Schwester Helga sei „nur“ für die Aufarbeitung und Kontrolle der Patientenakten zuständig. So prüft sie akribisch, ob die Eintragungen in den Akten mit den kodierten Angaben für die Kostenträger übereinstimmen oder zum Beispiel eine Prozedur oder Nebendiagnose nicht abgebildet wurde. Bei Ungereimtheiten fragt sie beim zuständigen Arzt nach. Dabei sei es sehr hilfreich, dass die ehemalige Krankenschwester seit Jahren mit den meisten Kollegen zusammenarbeitet und von ihnen respektiert wird, sagt Baer, der seine Mitarbeiterin als sehr kommunikativ beschreibt. „Eine Vertrauensbasis muss da sein“, davon ist Romanini überzeugt. Schließlich überprüfe sie die Dokumentation der Ärzte und klopfe ihnen auf die Finger: „Da muss man schon wissen, wen man wie ansprechen muss.“
Die Anstellung eines von außen kommenden Dokumentationsassistenten sei deshalb für eine Klinik oder ein Krankenhaus auch nur die zweitbeste Lösung, folgert Prof. Dr. Erdmann. Auch wenn die fachliche Qualifikation stimme, für einen Externen sei es sehr schwer, Kodierungsmängel klinikintern anzusprechen. Erdmann lobt die Einsatzbereitschaft Romaninis. Sie habe sich viel Wissen selbst angeeignet und sei immer auf dem Laufenden. „Da ich hier in der Klinik leider noch keinen Internetzugang habe, sitze ich oft zu Hause am Computer und surfe in diversen DRG-Foren, um mich schlau zu machen“, berichtet die so Gelobte. Erdmann: „Finden Sie mal einen Arzt, der sich neben der Patientenversorgung so engagiert der DRG-Kodierung widmet.“
Jens Flintrop
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