ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2004Sozialreform: Wilfrid Schreiber - Pionier der Gesundheitsökonomie

THEMEN DER ZEIT

Sozialreform: Wilfrid Schreiber - Pionier der Gesundheitsökonomie

Dtsch Arztebl 2004; 101(38): A-2515 / B-2121 / C-2041

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wilfrid Schreiber: Pionier der Gesundheitsökonomie, „Vater der dynamischen Rente“ Foto: BKU, Köln
Wilfrid Schreiber: Pionier der Gesundheitsökonomie, „Vater der dynamischen Rente“ Foto: BKU, Köln
Am 17. September 2004 wäre Prof. Dr. rer. pol. Wilfrid Schreiber, ehemaliger Ordinarius für Sozialpolitik an der Universität zu Köln, 100 Jahre alt geworden.

Ein engagierter Verfechter der wissenschaftlich und sozialethisch fundierten Sozial- und Gesundheitspolitik, Wilfrid Schreiber, „der Vater der dynamischen Rente“ und Ideengeber für die große Rentenreform von 1957, wäre am 17. September 2004 hundert Jahre alt geworden. Wie nur wenige nationalökonomisch geprägte Lehrstuhlinhaber für Sozialpolitik hat der 1904 in Brüssel geborene Gelehrte die Sozialreform der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland geprägt und durch seine Memoranden, Gutachten und wissenschaftlich fundierten Vorschläge Einfluss auf die Sozialreform und Gesellschaftsgestaltung genommen. Neben Wilfrid Schreiber gab es in den frühen Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre an deutschen Universitäten und Hochschulen wenige Nationalökonomen und Sozialwissenschaftler, wie etwa Ludwig Preller an der Universität Frankfurt/Main, Hans Achinger in Frankfurt/Main, Ludwig Neundörfer in Frankfurt/Main und Oswald von Nell-Breuning an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen zu Frankfurt/Main, die wie Wilfrid Schreiber sich frühzeitig mit wissenschaftlichen Konzepten der Sozial- und Gesundheitspolitik befassten, in den Sechzigerjahren noch schlicht als Reform der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung oder Sozialreform tituliert.
Wilfrid Schreiber, der sich bei dem Nationalökonomen Erwin von Beckerath an der Universität Bonn habilitiert hatte, war von 1962 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1972 Ordinarius für Sozialpolitik an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Er hatte neben Prof. Dr. rer. pol. Dr. h. c. Gerhard Weiser als Nachfolger von Ludwig Heyde den zweiten Lehrstuhl für Sozialpolitik an der Kölner Universität inne und baute dieses Lehrgebiet bis in die Siebzigerjahre zu einer Hochburg aus. Schreiber war mit seinen Denkschriften ein Pionier der wissenschaftlichen Politikberatung und der ebenso nationalökonomisch wie wirtschafts- und ordnungspolitisch geprägten Sozialpolitiklehre. Bereits 1955, als er noch Geschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer e.V. (BKU) in Köln war, hat er zusammen mit den Professoren Hans Achinger, Josef Höffner, Hans Muthesius und Ludwig Neundörfer ein grundlegendes Memorandum zur „Neuordnung der Sozialen Leistungen“, die Rothenfelser Denkschrift, erarbeitet, in der praktische Reformvorschläge zur Sozialreform entwickelt und bereits die später von Schreiber vertieften Ideen der Verbindung des Solidaritätsprinzips mit dem Generationenvertrag vorgeprägt wurden.
Wilfrid Schreiber hatte an den Universitäten Köln, München und an der Technischen Hochschule Aachen Wirtschafts- und Geisteswissenschaften sowie Physik studiert, was ihn dazu prädestinierte, seine Reformvorschläge stets mit makroökonomischen und kreislauftheoretischen sowie mathematischen Kalküls und Ableitungen zu fundieren. In seiner Zeit als Privatdozent für Nationalökonomie an der Universität Bonn und in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer des BKU in Köln hatte Schreiber seine Ideen auch journalistisch verdeutlicht, so in Aufsätzen und Rundfunkberichten für den Westdeutschen Rundfunk oder als Kommentator und Leitartikler vor allem im „Rheinischen Merkur“, in der „Zeitschrift für Sozialreform“, im „Arbeitgeber“ und in der „Sozialen Ordnung“. Als Ordinarius in Köln hat er zusammen mit Ludwig Heyde und Gerhard Weisser die wissenschaftliche Disziplin der Sozialpolitik-lehre geprägt. Dabei hat er auf die auf Gustav Schmoller und andere Nationalökonomen, zum Beispiel Hanns-Joachim Rüstow (Tübingen) und Gerhard Mackenroth (Kiel), zurückgehenden kreislauftheoretischen und demographischen sowie bevölkerungsstatistischen Analysen zurückgegriffen.
Rentenreform: Umlagefinanzierung
Für die Rentenreform wegweisend war die 1955 erschienene Denkschrift „Existenzsicherheit in der industriellen Gesellschaft“, Grundlage des so genannten Schreiber-Plans. Schreibers Ideen hatten maßgeblichen Einfluss auf die damalige Rentenreform in
der CDU/CSU-geführten Bundesregierung. Im Dezember 1956 trug Schreiber seine Reform-Ideen dem Sozialkabinett und auch dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer vor, der von der Sinnfälligkeit einer Umstellung der defizitären Kapitaldeckung auf das Umlagefinanzierungsverfahren überzeugt wurde und in der Entscheidung richtig lag, dass mit diesem Reformansatz Bundestagswahlen zu gewinnen waren, die sonst nach den Wahlprognosen aussichtslos zu sein schienen. !
Das revolutionär Neue an der Reformkonzeption Schreibers war, das bis dahin praktizierte Kapitaldeckungsverfahren in der gesetzlichen Rentenversicherung durch ein konsequentes Umlagefinanzierungsverfahren abzulösen. Dabei baute er auf seinen Vorschlägen zur Einkommensumschichtung und der interpersonalen Umverteilung zwischen den Generationen auf, die bereits in der Rothenfelser Denkschrift und in der Sozial-Enquête prägend waren, die die Bundesregierung 1964 eingesetzt hatte und deren Gutachten 1966 unter dem damaligen Bundesarbeitsminister Hans Katzer veröffentlicht wurde. Schreiber war in der Enquête-Kommission federführend für die Abfassung des Kran­ken­ver­siche­rungskapitels. Darin warnte er vor einer systemüberwindenden und -transferierenden Reform und einer Reformkonzeption am Reißbrett. Andererseits plädierte er für flexible Struktur- und Gestaltungselemente und damals schon für den wahlweisen Einsatz des Kostenerstattungsverfahrens in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Schreiber war ein Pionier der Gesundheitsökonomie und auch ein Reformgeber für die Krankenhausfinanzierungsreform von 1972, als die dualistische Finanzierung im Krankenhausfinanzierungsgesetz von 1972 eingeführt wurde.
Nicht immer und in seiner Gesamtkonzeption ist Schreiber bei der Politik angekommen. So ist die Grundidee einer möglichst staatsfreien dynamisierten Rente und einer strikt lohnbezogenen Anpassungsmechanik vom Gesetzgeber nicht lupenrein umgesetzt worden. Sie war jedoch prägend für die Rentenreform von 1957. Schreibers Konzept sah eine Anpassungsautomatik vor – losgelöst von jedweder politischen Eingriffsmöglichkeit in die Anpassungsmodalitäten der Neurenten. In der Schreiberschen Rentenformel war die Rentenhöhe der variable Faktor, nicht aber der von der Politik weitgehend noch bis heute verfochtene Grundsatz möglichst stabiler Rentenversicherungsbeiträge, als der Faktor, der die Lohnnebenkosten beeinflusst.
Schreiber war ein Vordenker einer ökonomisch geprägten Rentenversicherungsreform. Diesen Grundsatz übertrug er auch auf seine Reformideen zur Kran­ken­ver­siche­rungsreform, insbesondere zur Reform der Rentnerkrankenversicherung und der Findung einer so genannten Friedensgrenze und Marktabgrenzung zwischen dem Versicherungsmarkt der Gesetzlichen und der privaten Kran­ken­ver­siche­rung. Drei Schriften zeugen von sei-nen pragmatischen Reformvorschlägen, die auch in der Reform zur Dynamisierung der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung im Jahr 1970 Früchte trugen.
Schreiber plädierte für eine Umbuchung des Arbeitgeberanteils auf Lohn und Gehalt, weil dieser „rite verdientes Einkommen“ darstelle und kreislauftheoretisch ebenso wie gesamtwirtschaftlich betrachtet dem Faktor Arbeit zuzurechnen sei. Schreiber ließ sich von zwei Grundsätzen leiten: Die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge bestimmt die Einkommensverwendung. Man könne nicht Einkommen von vorgestern umverteilen, sondern immer nur das gegenwärtige Einkommen der aktuellen Produktionsperiode. Alle Sozialleistungen müssten in einem umlagefinanzierten System stets aus den wirtschaftlichen Erträgen der rezenten Wirtschaftsperiode erwirtschaftet werden, also aus dem gegenwärtigen Bruttoinlandsprodukt, eine These, die vor ihm Gerhard Mackenroth (Kiel) wissenschaftlich formuliert hatte. Insofern widersprach Schreiber in seinen Konzepten einer Instrumentalisierung der Sozial- und Gesundheitspolitik als reine Einkommensumverteilung und des überzogenen sozialen Ausgleichs. Für ihn ging es vielmehr bei allen Solidarveranstaltungen der Sozialversicherung um eine solidarische Finanzierung bei gesetzlich abgesicherten Rahmenbedingungen und einem Mindestmaß an Zwang, aber auch um die Realisierung von Wahl- und Entscheidungsfreiheitsgraden für den Einzelnen. Das Schreibersche Theorem unterstellt, dass in allen Zweigen der sozialen Sicherung einschließlich des Familienlastenausgleichs es um eine lebensintegrale Einkommensumschichtung und Umverteilung zwischen den Generationen und einen intertemporalen Einkommensausgleich unter sozialpolitischen Vorgaben und bei Beachtung von metaökonomischen Grundanliegen geht.
Die Umverteilungswirkungen über solche Sozialleistungssysteme seien per saldo in der Regel minimal. Bei lebenslanger Betrachtung glichen sich die Umschichtungsprozesse in der Regel aus. Von dieser Grundidee ließ sich Schreiber auch bei seinen Reformvorschlägen zum Familienlastenausgleich und zum Kindergeld leiten, als er spiegelbildlich zur umlagefinanzierten Altersrente die Idee einer so genannten Jugendrente prägte, ein Vorschlag, der allerdings politisch nicht durchsetzbar war.
Normative Grundlagen
Schreibers normative und metaökonomische Positionen waren weit und offen. Seine Grundanliegen und Vorschläge zur Gesellschaftsgestaltung basierten auf den Grundsätzen der katholischen Soziallehre ebenso wie der evangelischen Sozialethik. In ihr spiegeln sich auch die von Ludwig Ehrhard und Alfred Müller-Armack geprägten Ideen der sozialen Marktwirtschaft und der Teilhabe der Arbeitnehmerschaft an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Früchten über die Mitbestimmung wider. Für ihn bedeutete deshalb Solidarität die Teilhabe des Einzelnen am Vorteil aller, ein Theorem, das auf Franz Greiß (Köln) zurückgeht. Alle Ideen Schreibers waren im Grunde optimistisch und dem Freiheitsanliegen verpflichtet. Schreiber vertraute darauf, dass Sozial- und Gesundheitspolitik das Gute im Menschen fördere. Dass sie bei den Beteiligten Apathie und Indolenz bewirken und von den Begünstigern zum Aufbau von Macht benutzt werden könne, schien ihm zwar im Einzelfall möglich zu sein, aber kein grundsätzlicher Einwand. Schreibers Vertrauen auf die „Ordnungskraft der Freiheit“ war für ihn wissenschaftlicher Impetus, Sozialtheorie und praktische Sozialpolitik zu verbinden – nicht immer von dem von ihm gewünschten durchgreifenden Erfolg gekrönt. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige