ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1996Amyotrophe Lateralsklerose: Riluzol verzögert die Progression

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Amyotrophe Lateralsklerose: Riluzol verzögert die Progression

Schmidt, Klaus A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bereits 1869 beschrieb der französische Neurologe Jean-Martin Charcot eine rätselhafte Nervenerkrankung, die zu progressiver Atrophie der Muskulatur und binnen weniger Jahre zu vollständiger Lähmung führt. Seitdem hat diese "Maladie de Charcot" zwar neue Namen bekommen – wie "amyotrophe Lateral-sklerose" (ALS) beziehungsweise im angelsächsischen Schrifttum "motor neuron disease" (MND) –, doch an der infausten Prognose der Patienten hat sich nichts geändert.
Verschiedenste Therapieansätze sind erfolglos geblieben, was angesichts der ungeklärten Pathogenese kaum überrascht. Abgesehen von symptomatisch-palliativen Maßnahmen und Komplikationsprophylaxe kann man dem Fortschreiten der Lähmung nur hilflos zusehen.
127 Jahre nach Erstbeschreibung der ALS scheint nun erstmals eine echte Behandlungsmöglichkeit zu bestehen, da sich der Wirkstoff Riluzol in zwei kontrollierten klinischen Doppelblind-Studien mit über 1 100 ALS-Patienten als wirksam erwiesen hat. Die in Frankreich bei Rhône-Poulenc Rorer entwickelte Substanz (Rilutek®) hemmt prä- und postsynaptisch den im Nervensystem weitverbreiteten, exzitatorischen Neurotransmitter Glut-aminsäure. Beide multizentrischen Studien wurden am Pariser Hôpital Pitié Salpêtrière koordiniert, an dem auch der ALS-Entdecker Charcot gewirkt hat.
Bei der zweiten Studie, die 959 Patienten mit klinisch wahrscheinlicher oder gesicherter ALS einschloß, wurden täglich 50, 100 oder 200 mg Riluzol oder Plazebo oral verabreicht. Nach 18 Monaten war die Mortalitätsrate in mit 100 mg Riluzol Behandelten um 35 Prozent geringer als in der Plazebogruppe, wie Prof. Vincent Meiniger (Paris) auf dem 6. Europäischen Neurologen-Kongreß in Den Haag berichtete. Dieser statistische Unterschied ergab sich nach der aufgrund weiterer Einschlußkriterien notwendigen Korrektur der prognostischen Faktoren (Cox-Modell), die in dieser bisher größten ALS-Studie überhaupt validiert wurden. Die Wirkung von Riluzol blieb über den Behandlungszeitraum (18 Monate) stabil.
Die Überlebenszeit der ALS-Patienten verlängerte sich in der ersten klinischen Studie mit 155 Patienten zufolge unter Riluzol im Durchschnitt nur um etwa drei Monate. Unbehandelt betrug die Gesamtüberlebenszeit ohne-hin nur 15 Monate (Median). Zudem war die Spanne individueller Überlebenszeiten sehr breit.
Wie Prof. Theodore L. Munsat (Boston) berichtete, ergab eine Analyse der großen ALS-Studie, daß die Patienten unter Riluzol länger in den frühen Krankheitsstadien verbleiben. An Nebenwirkungen können vor allem zu Beginn Ermüdbarkeit, Übelkeit, Schwindel und periorale Parästhesien auftreten. Außerdem kann es zum Anstieg der Transaminasen sowie in seltenen Fällen zu Neutropenie kommen.
Dieses bemerkenswerte Ergebnis wurde Ende 1995 in den USA und Mitte dieses Jahres in Europa mit der Zulassung honoriert. Wegen seines offenbar neuroprotektiven Effekts sollte Riluzol möglichst frühzeitig im Krankheitsverlauf genommen werden. Als optimale Dosis werden 100 mg/die empfohlen. Dr. Klaus A. Schmidt
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote