ArchivDeutsches Ärzteblatt49/199692. Deutscher Bädertag: Kuren in Zeiten der Armut

VARIA: Heilbäder und Kurorte

92. Deutscher Bädertag: Kuren in Zeiten der Armut

Driesen, Oliver

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LNSLNS Mit einem sorgenvollen, wenn auch noch nicht resignativen Fazit ging der 92. Deutsche Bädertag in Bad Reichenhall zu Ende. Während die Bäder-Statistiken von Rückgang, Stagnation oder Kostendruck sprechen, wollen Funktionäre die Herausforderungen durch Gesundheitsreform und Sozialabbau "offensiv annehmen". Doch kurzfristig wird die Krise der Kur nicht zu überwinden sein.


Als "Bauernopfer im politischen Schachspiel" füh-len sich Deutschlands Heilbäder und Kurorte. Dem Mann an der Spitze des Deutschen Bäderverbandes (DBV), Dr. Christoph Kirschner, bleibt nicht viel mehr, als die vorherrschende Stimmung seiner Basis in die Metaphorik des königlichen Spiels zu kleiden. Denn unterdessen haben die Schlachtenlenker in Bonn Fakten geschaffen:
Seit Oktober können erholungsbedürftigen Arbeitnehmern pro Kurwoche zwei Tage Urlaub angerechnet werden. Ab Januar steigt die Zuzahlung pro stationärem Kurtag von 12 auf 25 Mark in West- und von 9 auf 20 Mark in Ostdeutschland. Die Regelkurdauer wird auf drei Wochen verkürzt. Der Abstand zwischen zwei Kuren verlängert sich von drei auf mindestens vier Jahre.
Hiobsbotschaften für den deutschen Kurbetrieb – und die Folgen lassen nicht auf sich warten. So war der Bädertag auch Nachrichtenzentrale für Schadensmeldungen. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Seit der Wende wurden dort 17 Kurkliniken mit 4 000 Betten errichtet oder ausgebaut, dazu 16 Kinder-Kurkliniken mit noch einmal 2 700 Betten. Investitionsvolumen: 1,2 Milliarden Mark für "blühende Landschaften". "Einschneidende Auswirkungen" des Bonner Streichkonzerts befürchtet nun der mecklenburgische BäderPräsident, Mathias Löttge. Beispiel Bayern: Bereits jetzt sind 1 500 Arbeitskräfte weniger in den bayerischen Heilbädern und Kur- orten beschäftigt als 1995. Franz Gnan, Vorsitzender des Bayerischen Heilbäderverbandes, rechnet mit "acht- bis neuntausend weiteren Streichungen aufgrund der dritten Stufe der Gesundheitsreform".
In Gesamtdeutschland ist der Rückgang bisher noch leicht, vom DBV allerdings bewertet als "Flaute vor dem Sturm": 0,7 Prozent weniger Kurgäste und 2,5 Prozent weniger Übernachtungen standen 1995 gegenüber dem Vorjahr zu Buche – die 96er und erst recht die 97er Zahlen, so erwarten Experten, werden wesentlich schlechter aussehen. Vor diesem düsteren Hintergrund suchen Verbandsstrategen und Manager vor Ort verstärkt nach neuen Attraktionen und Verlockungen für ein Publikum, das dafür zunehmend selbst in die Tasche greifen müßte. Die Kompaktkur, die sich als neuer Standard zu etablieren beginnt, soll ausgebaut werden, der "Gesundheitsurlaub" – wenn auch nicht als Kurersatz – in den Blickpunkt rücken.
Ob da allerdings die Geschäftsidee des mecklenburgischen Sozialministers Hinrich Kuessner (SPD) für Furore sorgen wird, ist offen: Kuessner plädierte vor Verbandsvertretern im Ostseebad Boltenhagen für einen "Wohlfühltourismus". Daran hätten, weiß der Minister, nämlich 10 Millionen Deutsche Interesse. Oliver Driesen

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