ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2004Frühinvalidität im Lehrerberuf – Sozial- und arbeitsmedizinische Aspekte Ausstieg nicht gleich Abstieg?

MEDIZIN: Diskussion

Frühinvalidität im Lehrerberuf – Sozial- und arbeitsmedizinische Aspekte Ausstieg nicht gleich Abstieg?

Hesse, Gerhard

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LNSLNS Der Beruf Lehrer erscheint oft schon als Teil der Diagnose, was eben leider dazu beiträgt, dass psychosomatische Probleme bei Lehrern nicht selten entweder aggravierend wahrgenommen und oft unzureichend behandelt werden.
In diesem Geflecht tut die von den Autoren vorgetragene Sachlichkeit gut. So offenbart sich nicht nur die erschreckend hohe Zahl der in der Regel schon zehn Jahre vor dem geplanten Rentenbeginn ausscheidenden Lehrer, sondern diese wird auch in das Verhältnis gesetzt zu anderen akademischen Berufsgruppen. Deutlich wird, dass nicht etwa allein das Beamtentum zur Frühberentung beiträgt, sondern offensichtlich auch angestellte Lehrer von den gleichen Problemen betroffen sind.
Dass Lehrer dabei psychosomatisch krank werden, erscheint wenig verwunderlich, wenn die von den Autoren aufgeführten psychomentalen und psychosozialen Belastungen gewertet werden, wozu nicht nur die aufgeführten „objektiven Belastungen“ beitragen, sondern auch noch eine ausgesprochene Missachtung der politischen Kräfte („faule Säcke“ als Kanzlerwort) quer durch alle Parteien. Dabei ist nicht zu vernachlässigen, dass genau diese auch die Rolle ihrer (häufig wechselnden) Vorgesetzten einnehmen, das heißt, eigentlich auch derer, die nicht nur ihre Beschäftigten fordern, sondern auch ihrer Fürsorgepflicht nachkommen sollten.
In diesem Sinne sehen wir auch bei den inzwischen über 1 000 behandelten Lehrern und Lehrerinnen mit dekompensiertem Tinnitus und/oder Schwindel, dass das Gesamtsystem Schule mit im Einzelnen durchaus leistbaren Aufgaben nicht nur krank machen kann, sondern auch oft kränkend ist und überfordernd. Durchhalteparolen und bei den Lehrern oft zu findende, altruistische und zwanghafte Muster helfen dann zwar eine Zeitlang im Rahmen des Suboptimalen, bilden aber keine dauerhaft tragfähige Grundlage.
Aus unserer klinischen Erfahrung kommt hinzu, dass die Lärmbelastung in Schulen, gepaart mit hoher Anforderung an akustische Aufmerksamkeit sehr häufig zu Überforderungen und dann auch zu Störungen in diesem System führen. Derartige Probleme können sich sowohl als Hörsturz äußern, immer häufiger aber auch treten direkte Formen von Hyperakusis, Geräuschüberempfindlichkeit, auf, die dann ihrerseits zu Gereiztheit und Versagensangst bei den Patienten führen können.
So wäre aus unserer Sicht nicht nur eine frühzeitige Supervision auch der Lehrer in diesem hochgradig kommunikativen und personenzentrierten Beruf wichtig, sondern auch ein festerer Rahmen notwendig, der auch andere Ausstiegsmöglickeiten erlaubt, als die der frühzeitigen Berentung.
So ist rein formal sicherlich wenig dagegen zu sagen, dass 55-jährige Lehrer etwa, wie in Hamburg schon einmal durchgeführt, Aufgaben in einer Bibliothek oder andere öffentliche Aufgaben wahrnehmen, die sonst brach liegen würden, wenn dies mit einer entsprechenden Absicherung, vor allen Dingen einer gewissen Freiwilligkeit und vielleicht auch einer zunehmenden Regelhaftigkeit geschieht, sodass dann hier der Ausstieg nicht als Abstieg erlebt werden muss.

Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard Hesse
Dr. med. Helmut Schaaf
Tinnitus-Klinik
Große Allee 3
34454 Bad Arolsen

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