ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2004Frühinvalidität im Lehrerberuf – Sozial- und arbeitsmedizinische Aspekte: Studien überflüssig

MEDIZIN: Diskussion

Frühinvalidität im Lehrerberuf – Sozial- und arbeitsmedizinische Aspekte: Studien überflüssig

Feike, Dirk

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LNSLNS Mit Sicherheit sind psychische Erkrankungen zu einem großen Anteil auch an den körperlichen Diagnosen mitbeteiligt, das heißt etwa 75 Prozent der Frühpensionierungen von Lehrern dürften bei genauer Betrachtung psychisch bedingt sein.
Ich glaube jedoch nicht, dass wir „breit angelegte analytische epidemiologische Studien“ brauchen, um die Ursachen der Frühpensionierung und deren Bekämpfung zu finden:
Das Wesentliche ist die emotionale Überforderung durch den Schulbetrieb, unter anderem hohe Klassenstärke, Leistungsdruck, zunehmende Bürokratisierung, praxisfremde starre und autoritäre Leitung durch das Kultusministerium, systematischer Abbau der Autorität
des Lehrers gegenüber den Schülern. Belastend sind auch Eltern, die das eigene Erziehungsversagen entweder der Schule anlasten oder von dieser Institution eine Kompensation erwarten. Insgesamt wird man an diesen Ursachen, die Ausdruck der gesellschaftlichen Realität und deshalb politisch gewollt sind, nichts ändern können.
In den meisten Fällen steht die Erkrankung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem direkten Unterricht minderjähriger Schüler, das heißt in anderen Bereichen sind diese Lehrer voll funktionstüchtig und gesund. Das Versagen erstreckt sich auf einen kleinen, speziellen Bereich der generellen Belastbarkeit.
Die tatsächliche Frühpensionierung hat mit den starren Anstellungsverhältnissen, insbesondere einem veralteten Beamtenstatus zu tun: Wer kennt nicht den frühpensionierten depressiven Pädagogen, der sofort mit Eintritt der Pension auflebt, Kurse bei der Volkshochschule gibt, Reiseleiter wird und sich neuen Interessen zuwendet. Es ist schlichtweg ein gesellschaftlicher Missstand, dass Personen, die zwar in einer spezialisierten Tätigkeit mit einer Erkrankung reagieren, auch von anderen Aufgaben befreit werden. Der Großteil der frühpensionierten Lehrer könnte pädagogisch im Erwachsenenbereich und darüber hinaus in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel Verwaltung, Kultur eingesetzt werden. Hauptursache der tatsächlichen Frühpensionierung sind nicht spezifische Erkrankungen, sondern die gesetzlichen Grundlagen, die vor allem bei Beamten, aber auch bei Angestellten die Pensionierung beziehungsweise die Berentung ermöglichen. Entscheidend sind hier Gewerkschaften und Beamtenverbände, die diese Privilegien in der Vergangenheit ausgebaut haben und im vermeintlichen Interesse ihrer Mitglieder weiter verteidigen. Was bei jedem anderen Arbeitnehmer gefordert wird – die Rehabilitation vor Rente – wird hier durchgehend missachtet.
Auf Dauer wird sich keine Volkswirtschaft die Frühpensionierung einer so hochqualifizierten und in verschiedenen Bereichen bis ins hohe Alter einsetzbaren Berufsgruppe leisten können.

Dr. med. Dirk Feike
Tal 13
80331 München

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