ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2004Gewaltforschung: Nicht nur Frauen betroffen

POLITIK

Gewaltforschung: Nicht nur Frauen betroffen

Dtsch Arztebl 2004; 101(41): A-2732 / B-2302 / C-2209

Merten, Martina

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LNSLNS Knapp 40 Prozent der Frauen sind Opfer von Übergriffen. Erstmals liegen auch Ergebnisse für Männer vor.

Die Wahrnehmung von Gewalt hat sich verändert: Fasste man vor einigen Jahrzehnten ausschließlich härtere körperliche Misshandlungen wie Schläge, Würgen oder Verprügeln unter den Begriff der „Gewalt“, zählen längst auch sexuelle Gewaltanwendungen und psychische Gewalt dazu – seelische Verletzungen gehören ebenso zu den gesundheitlichen Folgen von Gewalt wie körperliche. Um das breite Spektrum von Gewalt, Täter-Opfer- Kontexte sowie die Folgen von Gewaltanwendungen repräsentativ zu erfassen, wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 10 000 Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mit standardisierten Interviews befragt. Weitere Teilpopulationen wie Migrantinnen, inhaftierte Frauen, Prostituierte und Asylbewerberinnen komplettierten das Bild. Eine weitere, aufgrund der begrenzten Fallzahl von 266 nicht repräsentative Studie im Auftrag des BMFSFJ befasste sich erstmals mit Gewalt, die gegen Männer ausgeübt wird.
Ergebnisse: 37 Prozent der Frauen haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt erlebt. Der Umfang der Gewalt reichte von leichten Ohrfeigen, wütendem Wegschubsen bis hin zu Verprügeln und Waffengewalt. Weitere 42 Prozent gaben an, schon einmal Opfer von psychischer Gewalt wie zum Beispiel Drohungen, Psychoterror oder Verleumdungen geworden zu sein. Sexuelle Gewaltanwendungen gaben zwar mit 13 Prozent weit weniger Frauen an. Hierbei bezogen sich die Angaben jedoch auf einen engeren Gewaltbegriff, der Vergewaltigungen
und unterschiedliche Formen sexueller Nötigung unter Anwendung von körperlichem Zwang einschloss. Dagegen hat bereits jede vierte Frau schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt. 44 Prozent erlitten in Folge der sexuellen Gewaltanwendungen körperliche Verletzungen, die von blauen Flecken bis hin zu Knochenbrüchen reichten. Bei körperlichen Gewaltanwendungen gab jede zweite Frau an, Verletzungen davongetragen zu haben, ein Drittel benötigte medizinische Hilfe. Alle Formen der Gewalt wurden überwiegend in der eigenen Wohnung (bei 69 Prozent) und durch aktuelle oder frühere Partner (bei 50 Prozent) ausgeübt.
Ärzte zentrale Ansprechpartner
Das Forschungsteam um Prof. Dr. phil. Ursula Müller vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld ermittelte, dass jede dritte Frau nach Gewalterlebnissen Ärzte als die zentralen Ansprechpartner ansahen. Allerdings, wandte Müller bei der Vorstellung der Ergebnisse in Osnabrück ein, seien in einigen Fällen somatische Beschwerden von Patientinnen nicht erkannt oder falsch behandelt worden. Sie rief die Ärzteschaft dazu auf, Patientinnen bei Verdacht offen auf ihre Gewalterlebnisse anzusprechen und in den Praxen mehr Informationsbroschüren auszuteilen.
Auf ein deutlich höheres Gewaltausmaß wiesen die Untersuchungen der Teilpopulationen hin: Besonders bei Flüchtlingsfrauen findet körperliche Gewaltanwendung sehr häufig statt: Jede zweite Frau gab an, schon ein-
mal betroffen gewesen zu sein. Auch bei türkischen und osteuropäischen Migrantinnen lag der Prozentsatz mit 49 beziehungsweise 44 Prozent weit höher als in der Hauptuntersuchung (40 Prozent). Ein Drittel der inhaftierten Frauen erlebte körperliche Gewalt, 69 Prozent gaben an, Opfer psychischer Gewalttaten geworden zu sein. Körperliche und sexuelle Gewaltanwendungen bei Prostituierten fanden in 41 Prozent der Fälle und meist im Arbeits- und Berufszusammenhang statt.
Obwohl die Männerstudie nicht repräsentativ ist und daher keine Verallgemeinerungen für alle Männer in Deutschland möglich sind, lassen die Ergebnisse einen eindeutigen Schluss zu: Auch Männer werden häufig Opfer von Gewalt, besonders während ihrer Kindheit und Jugend. So fand das Team um Hans-Joachim Lenz vom Bildungszentrum in Nürnberg heraus, dass nur jedem siebten Mann in jungen Jahren keine Gewalt widerfuhr. Drei von fünf Männern gaben an, geschlagen oder geohrfeigt worden zu sein, zwei von fünf wurden belästigt oder bedroht. Jeder sechste Mann erlitt durch andere während seiner Jugend Verletzungen wie Schnitt- oder Quetschwunden und Knochenbrüche, jeder neunte Mann gab an, mit einer Waffe bedroht worden zu sein. Während drei von fünf Männern psychische Gewalt durch Schikanieren, Einschüchtern oder Demütigungen erlitten, berichtete nur jeder zwölfte Mann von eindeutig sexualisierter Gewalt.
Wenngleich Gewalt bei Erwachsenen weniger häufig festgestellt wird, ist sie den Studienergebnissen zufolge nicht vernachlässigbar: Von Männern, die in Lebensgemeinschaften mit einer Partnerin leben, widerfuhr rund jedem Vierten ein- oder mehrmals ein Akt körperlicher Gewalt. Fünf bis zehn Prozent wurden „leicht geohrfeigt“, „gebissen oder gekratzt“, „ schmerzhaft getreten“, oder es wurde mit etwas nach ihnen geworfen. Häufiger gaben Männer an, psychischer Gewalt und sozialer Kontrolle in Partnerschaften ausgesetzt gewesen zu sein; jeder sechste Mann fühlt sich kontrolliert. Dominiert in der Öffentlichkeit und Freizeit die körperliche Gewalt, so ist es in der Arbeitswelt die psychische: Ein Viertel der Befragten berichtete von Einschüchterungen und Aggressionen durch Vorgesetzte, jeder Zwölfte von Demütigungen und Hänseleien. Martina Merten

Beide Studien sind im Internet unter
www.aerzteblatt.de/plus4104 abrufbar.
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