ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2004Zeit vor Eurer Zeit. Autobiografische Aufzeichnungen.

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Zeit vor Eurer Zeit. Autobiografische Aufzeichnungen.

Dtsch Arztebl 2004; 101(41): A-2746

Koch, Richard

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Richard Koch: Zeit vor Eurer Zeit. Autobiografische Aufzeichnungen. Herausgegeben und eingeleitet von Frank Töpfer und
Urban Wiesing. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart, 2003, 496 Seiten, kartoniert, 52 €
Heute ist die Medizin vor allem bestimmt durch wirtschaftliche Faktoren. In Zeiten festgelegter Behandlungsbudgets wird ärztliche Ethik zu einer Verteilungsethik und der Arzt zum Krankheits- und Fallmanager. Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird von Politik und Krankenkassen im Sinne quasi industrieller Prozessqualität bürokratisch gesteuert. Überbordende Bürokratisierung der Medizin ist aber kein neues Phänomen. Auch andere Probleme, die heute in der Medizin kritisch diskutiert werden, wurden weit vor unserer Zeit schon bedacht.
„Die durch die Kassenpraxis gegebenen Verhältnisse hatten weiter dazu beigetragen, die Arbeit des allgemeinen Arztes zu entpersönlichen, sie zu bürokratisieren und zu schematisieren. Das Ausschreiben und das Ausstellen der vielen notwendigen Überweisungsscheine und Atteste war zu seiner Haupttätigkeit geworden.“ In dieser Weise wurde die ärztliche Tätigkeit bereits um 1900 in Deutschland charakterisiert von einem, der nicht mehr als ein einfacher praktischer Arzt werden wollte, der den Beruf des praktischen Arztes für viel schwerer hielt als den eines Spezialisten oder eines durchschnittlichen Universitätsprofessors; von einem, der damals (um 1900) schon kritisierte, dass durch zunehmend differenziertere Methodik und Technik in der Medizin der „Hausarzt im alten Sinne sein Ansehen verloren habe und zu einem Arzt für leichtere Krankheiten geworden ist“; von einem, der damals schon die Aufspaltung der Inneren Medizin beklagte. Die Rede ist von Richard Koch, dessen lesenswerte autobiografische Aufzeichnungen jetzt erschienen sind.
Der Arzt Richard Koch (1862–1949) lehrte in Frankfurt am Main Geschichte der Medizin und hat viel geschrieben zu Fragen der Ethik in der Medizin. Wegen seiner jüdischen Herkunft verlor er 1933 seine Stelle an der Universität und emigrierte 1936 in die Sowjetunion. In Georgien lebte er isoliert von Verwandten, Freunden und Kollegen. Seine Lebensumstände wurden zunehmend schlechter. Ab 1943 schrieb er für seine Kinder unter einfachsten Bedingungen – im Kaukasus herrschte im dritten Kriegsjahr äußerster Papiermangel – seine Autobiografie, von der er nicht hoffen konnte, dass sie jemals publiziert würde.
Seine Schriften und Briefe werden am Lehrstuhl für Medizinethik der Universität Tübingen wissenschaftlich erfasst und ausgewertet (www.
izew.uni-tuebingen.de/medizinethik). Sie tragen zum Verständnis der heutigen Entwicklung der Medizin in Deutschland bei. Johannes Vesper
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