ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2004Enrique Asensi: Gewachsen und geformt

KUNST + PSYCHE

Enrique Asensi: Gewachsen und geformt

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Sogar Leonardo da Vinci hat davon gesprochen, wie anregend es sei, sich in die Betrachtung einer alten Mauer zu versenken. All die unterschiedlichen Farbschattierungen und die bei längerer Betrachtung hervortretenden Formen können die Fantasie zu den vielfältigsten Assoziationen anregen. Nicht anders ist es bei den großformatigen Steinplatten, die Enrique Asensi verwendet. Beim Anröchter Dolomit, einem von ihm gern verarbeiteten Stein, zeigt die verwitterte Oberfläche ein nicht enden wollendes Farbenspiel feiner Nuancen von Dunkel- und Hellbraun bis zu einem zarten Grün. In der Nahsicht erkennen wir Dutzende von eingeschlossenen Versteinerungen, die von einer Geschichte über Millionen von Jahren erzählen. Lebendiges ist hier zu Stein erstarrt und auf diese Weise als Zeuge einer fernen Zeit erhalten geblieben.
Aber all das ist Natur – und noch kein Werk der Kunst. Es sind die sparsamen Eingriffe, die Asensi vornimmt, um die Ausstrahlung des Steins zu akzentuieren und zu steigern. Der gewachsene Stein, gerade in seiner verwitterten Oberfläche, wird vom Künstler mit geometrischen, jeweils eigens entworfenen Elementen aus Corten-Stahl in Beziehung gesetzt. Der berühmte erste Band der Mythologica „Das Rohe und das Gekochte“ (1971) von Claude Lévi-Strauss kommt in den Sinn: Es geht um Gegensätzliches, das erst im Zusammenspiel und in der Ergänzung zu einer neuen, unverwechselbaren Einheit findet. Es ist durchaus auch nicht zu weit gegriffen, hier das Yin-Yang-Prinzip fernöstlicher Philosophie als Vergleich heranzuziehen oder auch die „Conjunctio oppositorum“ im Sinne von C. G. Jung. All dies sind lediglich verschiedene Zugangswege zu einem Faszinosum: Wenn es gelingt, Gegensätzliches zu einer Einheit zusammenzufügen, der nichts Erzwungenes anhaftet, die ganz im Gegenteil von einer unerwarteten, so aber doch großen Selbstverständlichkeit und Stimmigkeit getragen ist, kann man zur Ruhe und zu sich selbst finden – oder zu den Skulpturen von Enrique Asensi. Hartmut Kraft


„ohne Titel“ (2001), Anröchter Dolomit und Corten-Stahl, Höhe 220 cm, Breite 100 cm, Tiefe 20 cm, signiert und datiert 2001

Biografie Enrique Asensi
Geboren 1950 in Valencia, Spanien. 1972 bis 1977 Studium an der Akademie der Schönen Künste in Valencia. 1976 Stipendium der Deputación für Madrid, 1977 für Deutschland. Lebt und arbeitet in Deutschland und Spanien.

Literatur
Asensi E: Skulpturen, Bilder 1990–1994. Köln: Katalog der Galerie Stefan Röpke, 1994.
Asensi E: Galerie Stefan Röpke, Köln und Madrid 2000.
Kraft H: Kunst auf Rezept. Köln: Salon Verlag 2001.
Kraft H (Hrsg.): Die Versuchung des heiligen Antonius. Köln: Salon Verlag 2004.
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