ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2004Aids-Politik in den USA: „Der Zorn Gottes“

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Aids-Politik in den USA: „Der Zorn Gottes“

PP 3, Ausgabe Oktober 2004, Seite 458

Neuber, Harald

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„Jungfrau – bringen Sie Ihrem Kind bei, dass dies kein Schimpfwort ist.“ Großflächig wird in den USA bei Teenagern für sexuelle Abstinenz geworben. Foto:AP
„Jungfrau – bringen Sie Ihrem Kind bei, dass dies kein Schimpfwort ist.“ Großflächig wird in den USA bei Teenagern für sexuelle Abstinenz geworben. Foto:AP
Effektive HIV-Prävention wurde während der Präsidentschaft von Ronald Reagan lange verhindert. Unter George W. Bush droht nun eine Wiederkehr dieser Politik.

Als der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan am 5. Juni im Alter von 93 Jahren an den Folgen von Morbus Alzheimer starb, hatte er ein höheres Lebensalter erreicht als alle vorherigen Staatschefs in Washington. Bei der Trauerfeier im Bundesstaat Kalifornien würdigte der amtierende US-Präsident, George W. Bush, seinen Vorgänger wenige Tage später als „großen politischen Führer“ und „herausragende Persönlichkeit“. Tatsächlich konnte der 40. Präsident für sich reklamieren, mit der Beendigung des Kalten Krieges das vorrangige Ziel seiner Politik erreicht zu haben. Im Schatten der fünftägigen Staatstrauer aber gingen die Negativrekorde des ehemaligen Schauspielers unter. „Ronald Reagan war auch einer der Staatschefs, die am längsten Programme zur Eindämmung von HIV/Aids verhindert haben“, sagt Mark Milano von ACT UP, einer New Yorker Aids-Selbsthilfeorganisation, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.
Tatsächlich wurden die ersten Anzeichen der Epidemie bereits kurz nach Reagans Amtsantritt im Januar 1981 von der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control) in Atlanta, Georgia, registriert. Das behördliche Frühwarnsystem funktionierte also. Im März jenes Jahres wurden acht außergewöhnliche Fälle von Kaposi-Sarkomen festgestellt; außergewöhnlich, weil alle Fälle junge Männer im Großraum New York betrafen. Das klassische Kaposi-Sarkom kam aber vor allem bei älteren Männern vor. Die Alarmglocken schrillten bei den CDC spätestens, als nur knapp vier Wochen später parallel zu der ersten Beobachtung eine signifikante Häufung von Pneumocystis-carinii-Pneumonien (PcP) in US-amerikanischen Großstädten dokumentiert wurde – wiederum bei jungen Männern. Sandra Ford, die bei den CDC damals für die zentrale Abgabe eines marktüblichen Pentamidin-Präparats zuständig war, schilderte gegenüber dem US-Journalisten Daniel McGinn den Kontakt mit einem Arzt, der einen homosexuellen Mann, Mitte Zwanzig, mit dieser Variante einer Lungenentzündung behandelte. Zwei Wochen nach dem ersten Kontakt forderte der Arzt bei Ford eine Folgelieferung des Präparats an. „Das war ungewöhnlich“, erinnert sie sich, „denn niemand hatte bis dahin für die Behandlung eines Patienten zusätzliche Dosen verlangt. Die PcP-Patienten waren nach zehntägiger Behandlung in der Regel geheilt – oder verstorben“. Die Experten fassten ihre Beobachtungen in einem Bericht zusammen, der am 5. Juni 1981 veröffentlicht wurde. Während die mysteriöse Krankheit schon Anfang der 80er-Jahre ein zentrales Thema der internationalen Presse war, sollte es sechs Jahre dauern, bis Ronald Reagan das Wort „Aids“ erstmals öffentlich in den Mund nahm. Ende Mai 1987 sprach der US-Präsident vor einer Fachkonferenz in Washington. Sein Vorschlag: Die Möglichkeiten für Blut-Tests sollten ausgeweitet werden. Nach Angaben der CDC waren im Vorjahr allein in den USA 19 064 HIV-Infektionen festgestellt worden, 12 016 Frauen und Männer waren an Aids gestorben. Es war in erster Linie die langjährige Blockade von Bildungs- und Präventionsprogrammen, die den Washington Post-Redakteur und Reagan-Biografen Lou Cannon unlängst dazu bewog, die Aids-Politik des ehemaligen Präsidenten als „bremsend und ineffektiv“ zu bezeichnen. Dieses Urteil lässt sich durch Zahlen untermauern. Von Juni 1981 bis Mai 1982 etwa stellte die Reagan-Administration den CDC-Labors nur eine Million US-Dollar für die Erforschung des HI-Virus zur Verfügung. Im selben Zeitraum flossen den Kontrollzentren aber neun Millionen US-Dollar für die Erforschung der Legionärskrankheit zu. Eine schwer zu rechtfertigende Finanzpolitik, denn in jenen zwölf Monaten starben in den USA schätzungsweise 500 Menschen an Aids, aber nur 50 infolge von Infektionen mit Legionella pneumophila.
Weil die Aids-Epidemie in diesen ersten Jahren (nicht nur in den USA) vor allem als Krankheit von Homosexuellen – später auch von Drogenabhängigen – galt, blieb die Reagan-Administration nicht nur untätig. Mitunter wurden die ersten Selbsthilfegruppen sogar aktiv bekämpft. So brachte der Senator der Republikanischen Partei, Jesse Helms, im Oktober 1987 einen Gesetzesvorschlag in den US-Senat ein, der vorsah, regierungsunabhängige Aufklärungskampagnen zu verbieten, „weil sie homosexuellen Aktivitäten Vorschub leisten“. William F. Buckley, der Gründer der neokonservativen Zeitschrift „National Review“ forderte in einem Debattenbeitrag in der renommierten Tageszeitung „New York Times“ ebenfalls im Oktober 1986, HIV-Infizierten eine entsprechende Markierung auf eine Gesäßbacke zu tätowieren – und Drogenabhängigen auf den Arm. Anfang dieses Jahres schilderte US-Autor Michael Bronski die Folgen der Aids-Politik unter Reagan anhand der Reaktionen von Besuchern eines Hochschulseminars, das Bronski unter dem Titel „Seuchen und Politik: Auswirkung von Aids auf die US-Politik“ leitete. „Als wir über die Aids-Epidemie in den USA diskutierten, waren meine Studenten – Reagan-Kinder der Jahrgänge 1981 bis 1985 – wie vor den Kopf gestoßen, als sie mit den simplen Zahlen konfrontiert wurden“, so Bronski. Der Skandal bei Reagan, meint er, sei aber nicht die mangelhafte Aufklärung, sondern der Vorsatz. „Reagan hatte schnell verstanden, dass seine politische Basis vor allem bei den evangelikalen Fundamentalisten, den ,neugeborenen Christen‘ liegt.“
In der Tat waren es unter Ronald Reagan vor allem christliche Aktivisten, die gegen sexuelle Aufklärung Front machten. So traten der Fernsehprediger Jerry Falwell und der Präsident des TV-Senders „Christian Broadcasting Network“, Pat Robertson, Anfang der 80er-Jahre als erste mit der These in die Öffentlichkeit, Aids sei der „Zorn Gottes“. Die Homosexuellenbewegung, so Falwell und Robertson, müsse daher von der Regierung bekämpft werden. Es waren führende republikanische Senatoren wie Jesse Helms, die den Stimmen solcher Außenseiter in den höchsten Regierungskreisen Gehör verschafften. Der Reagan-Mitarbeiter und mehrmalige Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan etwa bezeichnete Aids damals als „die Rache der Natur an Schwulen“ und beschrieb Homosexualität noch 2002 in einem Buch mit dem Titel „The Death of the West“ als „keine Befreiung, sondern Sklaverei. Sie ist kein Lebensstil, sondern ein Todesstil“.
Als Ronald Reagan im Sommer 1987 der jahrelangen Forderung von Aktivisten und Wissenschaftlern nach einer staatlichen Arbeitsgruppe zum Kampf gegen Aids nachkam, waren in der so genannten Watkins-Kommission auch mehrere „wiedergeborene Christen“ vertreten. Regierungsmitglieder, die wie der damalige Ge­sund­heits­mi­nis­ter C. Everett Koop eine aktivere Aids-Bekämpfung forderten, blieben hingegen isoliert. Noch 1986 hatte Koop eine Aids-Informationskampagne an gut einer Million US-Haushalte initiiert – und war damit in einen offenen Konflikt mit Bildungsminister William Bennett geraten. Als Ronald Reagan am 8. November 1988 das Präsidentenamt an seinen bisherigen Vizepräsidenten George Bush sen. übergab, waren bereits mehr als 60 000 Menschen in den USA an Aids gestorben.
Nur langsam näherte sich die Aids-Politik nach Ronald Reagans Amtszeit internationalen Standards an. Immerhin sprach sich George Bush sen. 1990 bei seiner ersten öffentlichen Stellung-
nahme zum Thema Aids gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten aus und versprach Bundesmittel für besonders belastete Kommunen. Allerdings gehört es auch zum Vermächtnis Bushs, dass HIV-positiv gestesteten Ausländern bis heute keine Aufenthaltsgenehmigung in den USA erteilt wird.
Konflikt mit Fundamentalisten
Den Trend in den Todesraten umzukehren, gelang erst Bill Clinton, dem ersten Demokraten im Weißen Haus nach Reagan und Bush. Auch wenn regierungsunabhängige Aids-Gruppen bis zum Ende von Clintons Amtszeit im November 2000 mehr Bundesmittel für Behandlung und Prävention forderten, war er der erste US-Präsident, der das Amt eines Bundesbeauftragten für Aids schuf. Die Konflikte mit der christlich-fundamentalistischen Rechten blieben nicht aus: 1994 drängte Clinton seine (inzwischen vierte) Aids-Beauftragte Joycelyn Elders zum Rücktritt. Weil Elders für die Behandlung von Kranken und die sexuelle Aufklärung in Schulen eingetreten war, hatten christliche Aktivisten eine landesweite Kampagne gegen sie organisiert. Ihr Hauptargument: Die Bundesbeauftragte motiviere Schulkinder zur Masturbation. Trotz solcher Angriffe christlicher Gruppen gegen die veränderte Aids-Politik sank die Mortalitätsrate in den USA am Ende der ersten Clinton-Administration erstmals seit Beginn der Epidemie in den USA: 1996 starben „nur“ noch 37 646 Menschen in den USA an Aids. Im Vorjahr waren es noch 50 976.
Regierungsunabhängige Aids-Organisationen in den USA warnen heute allerdings wieder vor einer Umkehr dieser Erfolge. Die New Yorker Selbsthilfeorganisation ACT UP etwa berichtet, wie Wissenschaftler bei Finanzanträgen an das Washingtoner Ge­sund­heits­mi­nis­terium inzwischen wieder auf Reizbegriffe wie „Sexarbeiter“ oder „gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr“ verzichten müssen, wenn ihre Anträge nicht von vornherein abgelehnt werden sollen. Auf Kritik bei Wissenschaftlern stößt vor allem aber die massive Förderung von Programmen zur sexuellen Abstinenz. Das Weiße Haus stellt inzwischen zwei Drittel mehr Finanzmittel für solche Kampagnen zur Verfügung als noch Ende 2000. Jugendliche und junge Erwachsene sollen auf diese Weise dazu motiviert werden, mit sexuellen Kontakten bis zur Ehe zu warten. Obgleich der Erfolg dieses Ansatzes nie nachgewiesen wurde, hat der US-Kongress mit einer Mehrheit der Republikanischen Partei seit Amtsantritt von George W. Bush mehr als 100 Millionen US-Dollar für die Abstinenz-Programme zur Verfügung gestellt – Geld, das in der Forschung dringend benötigt würde. Eine Studie zur Effektivität der Enthaltsamkeitskampagnen wurde noch im November 2000 von Clinton in Auftrag gegeben. Nach dem Regierungswechsel wurde die Studie ausgesetzt und willkürliche Standards festgelegt.
Doch die Rückkehr zu fragwürdigen Strategien bleibt nicht ohne Proteste. Als Claude Allen, Staatssekretär im US-Ge­sund­heits­mi­nis­terium, die Abstinenz-Programme im vergangenen Jahr bei der nationalen HIV-Präventionskonferenz in Atlanta als „erste Botschaft“ bezeichnete, „die junge Erwachsene von uns hören sollten“, verließ ein großer Teil der Zuhörer aus Protest den Saal. Einen Tag zuvor hatten die CDC die neuen HIV-Infektionsraten bekannt gegeben. Sie lagen zum ersten Mal in fast einem Jahrzehnt über denen des Vorjahres. Harald Neuber
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