ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2004Kuba: Über den Tellerrand hinausblicken
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LNSLNS Liest man die Ausführungen zum Gesundheitssystem in Kuba, so ist man doch sehr erstaunt: Das international hoch eingeschätzte kubanische Gesundheitswesen ist auf einmal ein „Mangelbetrieb“ und ein „Apartheid-System“. Vielleicht fehlt mir als häufigem Gast in Kuba (mit Besuchen in Krankenhäusern und Familienarztpraxen) der richtige, vollständige Durchblick, es stellt sich aber auch die Frage, inwieweit die exilpolitisch geprägten Ausführungen des seit dem zwölften Lebensjahr in Miami lebenden Herrn Jose Carro authentische und kompetente Einschätzungen der Lage im kubanischen Gesundheitswesen sein können.
Eine perfekte Welt gibt es nicht, und das gilt selbstverständlich auch, wenn es sich um Verhältnisse in einem Land handelt, das nicht zur wohlhabenden „Ersten Welt“ zählt. Trotzdem, Fakt ist und bleibt trotz aller Polemik:
• Ein Arzt kommt in Kuba auf 167 Einwohner (bei uns 1/286, in den USA 1/358).
• Die Gesundheitsversorgung ist für alle Kubaner erreichbar und kostenlos; das gilt im Gegensatz zu den Behauptungen von Herrn Carro auch für inhaftierte Personen.
• Die Kindersterblichkeit beträgt 6,2/1 000 Lebendgeborenen (niedriger als in den hoch entwickelten Staaten USA und Kanada).
• Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 76 Jahren.
• Die Aids-Rate ist mit 0,05 Prozent die niedrigste in Lateinamerika.
• Erkrankungen wie Malaria und Poliomyelitis (im tropisch/halbtropischen Bereich sonst häufig anzutreffen) sind ausgerottet.
• Die Kinder sind landesweit gegen die üblichen Kinderkrankheiten geimpft.
• 13 Prozent des kubanischen Staatshaushalts fließen in den Gesundheitssektor – welches Drama wird bei uns bei weitaus niedrigeren Zahlen entfacht.
• Und nicht zuletzt: Kuba gibt vielen Studentinnen und Studenten aus Lateinamerika und der „Dritten Welt“ eine kostenlose Ärzteausbildung.
Die Versorgung mit Medikamenten und hochwertigen medizinischen Geräten ist allerdings – da ist Herrn Carro Recht zu geben – nicht immer auf dem Stand, der zu wünschen ist. Aber da fehlt es in Kuba, wie in sehr vielen Ländern der Welt, eben an Geld für teure Importe; ganz zu schweigen von dem – aus Miami massiv unterstützten – Boykott der USA gegen Kuba. Gerade auch aus diesem Grund werden von vielen Initiativen, Organisationen und Privatpersonen in der ganzen Welt (auch bei uns in Deutschland) Medikamente und medizinische Hilfsgüter für Kuba gesammelt und gespendet – und das ist oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Mehr Respekt für die Bemühungen in der „Dritten Welt“, eine angemessene Versorgung der Menschen zu erreichen – und sei es auch durch Erwerb von Devisen aus der Behandlung europäischer Patienten unter Anwendung dort in Einzelbereichen schon erreichter Spitzenmedizin und ganzheitlicher Ansätze in Behandlung und Pflege – und mehr Unterstützung durch Hilfe und Spenden, durch die, die es sich bei uns leisten können. Das ist das, was ich uns Ärztinnen und Ärzten in Deutschland wünsche. Daher möchte ich auch das DÄ ermutigen, weiterhin über unseren deutschen und europäischen Tellerrand hinauszublicken.
Dr. med. Ingrid Hunold, Schumannstraße 19, 51375 Leverkusen

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