ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1996Umweltthema im Dezember – Klimamodelle: Prognosen mit großer Bandbreite

POLITIK: Aktuell

Umweltthema im Dezember – Klimamodelle: Prognosen mit großer Bandbreite

Eckel, Heyo; Hüttemann, Ulrich; Rink, Claus

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LNSLNS Neue Erkenntnisse im Bereich der globalen Klimaveränderung (siehe DÄ, Heft 11/1996) beruhen auf Modellvorstellungen. Diese sollen zum Nachdenken anregen, sie können aber nicht die Bandbreite der "Unsicherheitsdiskussion" erschließen. Wie bei allen Modellen, die prognostische Aussagen ermöglichen, setzen die Wissenschaftler unterschiedliche Prämissen an. Dies führt systembedingt zu Aussagen, die Soziologen und Politiker verschieden interpretieren:
¿ Globale Treibhausgasemissionen sollten stark reduziert werden, da nachteilige Auswirkungen auf unsere Lebensverhältnisse nicht ausgeschlossen werden können. Die Veränderungsrisiken sind zu groß.
À Da die Phänomene nicht sicher nachweisbar sind, existieren sie unter Umständen nicht. Sehr kostspielige Maßnahmen können somit unterbleiben.
Im ersten Fall werden die wirtschaftlichen Kosten und die politischen Schwierigkeiten, Emissionen kurzfristig zu reduzieren, außer acht gelassen. Im zweiten Fall reicht der fehlende wissenschaftliche Beweis, keine Maßnahmen zu ergreifen. In beiden Fällen wird im Entscheidungsprozeß ignoriert, daß Prognosen eine obere und untere Bandbreite haben. Aber gerade hier liegen viele "Fußangeln". Entscheidend ist, daß sich Unsicherheiten der Einzelmodelle summieren. Um Politikern Handlungsanweisungen zu geben, müssen die Einzelmodelle zu einem "Gesamtentscheidungsmodell" zusammengefaßt werden. Unwägbarkeiten im Prognoseansatz entstehen dabei zum einen innerhalb eines Modellansatzes durch die gesetzten Prämissen, die ebenfalls auf Wahrscheinlichkeitsdaten basieren; zum anderen entstehen sie durch die Schwankungsbreiten der einzelnen berechneten Modelle untereinander.


20 Modellansätze
Bei zur Zeit etwa 20 verschiedenen Modellansätzen ist die Gesamtschwankungsbreite der Ergebnisse recht groß. Um ein solches Ergebnis überhaupt nutzen zu können, haben sich die verschiedenen Klimamodellierungsgruppen im "Intergovernmental Panel on Climatic Change" (IPCC) organisiert, um wissenschaftliche Informationen über Klimaänderungen und die möglichen Folgen zu bewerten und Reaktionsstrategien zu entwickeln. Diese Gruppe formuliert Aussagen wie: "Die Empfindlichkeit der globalen Mitteltemperatur auf eine Kohlendioxidverdoppelung liegt wahrscheinlich nicht außerhalb eines Bereiches von 1,5 bis 4,5 Grad Celsius. Ein Wert von 2,5 Grad Celsius wird als der beste Schätzwert erachtet." Dies wirft mehrere Fragen auf:
1. Warum ist gerade der genannte Schätzwert der beste?
2. Wie kommt es zu dieser Bandbreite?
3. Welcher Vorhersage sollte man die größte Aufmerksamkeit schenken?
Im Hinblick auf die Operationalisierung durch ökonomische und politische Gremien ist es wichtig, wie dieser Schätzwert zustande kommt. Er suggeriert eine hohe Wahrscheinlichkeit, obwohl er bei den Auswertungen nicht als der beste Wahrscheinlichkeitswert berechnet worden ist. Denn die Wissenschaftler betonen ausdrücklich, "daß es keinen zwingenden Hinweis darauf gibt, in welchem Teil dieses Bereiches der korrekte Wert höchstwahrscheinlich auftreten wird". Politiker meinen aber, auf einen bestimmten Wert angewiesen zu sein, obwohl er nur eine Scheinwahrheit suggeriert.
In den letzten Jahren sind leider wenig Forschungsgelder für Analysen von Unsicherheitsbandbreiten verwandt worden. Eine Einordnung der Ergebnisse in einen größeren ökosystemaren Zusammenhang ist aber nur möglich, wenn die Auswirkungen von Unsicherheiten bei den Eingangsparametern der Modelle berücksichtigt werden. Aufgrund neuer Erkenntnisse über klimatische Zusammenhänge sowie verbesserter Rechenverfahren wird es in Zukunft möglich sein, die Unsicherheitsgrenzen einzuengen. Trotzdem können immer nur Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Aussagen gegeben werden.
Bei der politischen Entscheidungsfindung sollte man weder aufgrund unsicherer Vorgaben sofort handeln noch auf einen naturwissenschaftlichen Nachweis warten. Sicher ist in der gesamten "Unsicherheitsdiskussion" lediglich, daß sich zur Zeit Veränderungen in unserem Klimasystem abspielen. Relativ sicher (80 Prozent Vertrauensintervall) ist auch, daß die oberen und unteren Grenzen dieser prognostizierten Temperaturveränderung zwischen 1,5 und 4,5 Grad Celsius liegen. Aus der Verteilungskurve läßt sich zudem ermitteln, daß es jeweils nur eine 15prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Veränderung unterhalb von 1,5 Grad oder oberhalb von 4,5 Grad gibt. Unklar ist allerdings, wie sich die Prognosen in Großräumen, wie beispielsweise Mitteleuropa (gemäßigte Zone), gestalten, da hier die Unsicherheitsbandbreite für eine Temperaturprognose kaum angegeben werden kann. Somit ist die Frage nach der Validität konkreter Daten, die vereinzelt in den Medien auftreten, unsinnig. Festzuhalten ist, daß ein Umdenken in puncto Energieverbrauch notwendig ist und Klimamodellierungen wichtig sind. Die Ergebnisse müssen jedoch seriös und verständlich an die Bevölkerung weitergegeben werden.


Prof. Dr. med. Heyo Eckel
Prof. Dr. med. Ulrich Hüttemann
Dr. rer. nat. Claus Rink


Rückfragen zur Karte: Georisk GmbH, Schloß Türnich, 50169 Kerpen, Tel 0 22 37/6 12 22
Rückfragen zum Text: Dr. Claus Rink, Fax 0 22 38/45 01 40, e-mail 100526.2351@compuserve. com, e-mail: Rink. UDS.enviroreport-@t-online.de

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