ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2004Arztgeschichten: Mit Zucker, Salz und Herz

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Arztgeschichten: Mit Zucker, Salz und Herz

Schulz, Annerose

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Seit dem Heft 41/2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig in jedem vierten Heft eine Arztgeschichte. Im Anschluss an die Veröffentlichung mehrerer literarischer Arztgeschichten begann das DÄ in Heft 3/2004 mit der Veröffentlichung von Beiträgen aus der Leserschaft.


Als ich bei einem Hausbesuch diesen Befund sah, traute ich meinen Augen nicht! So etwas hatte ich bisher nie gesehen! Und konnte ich, die junge Hausärztin, das überhaupt behandeln?
Herr Bamekow war von der Klinik als Pflegefall nach Hause entlassen worden. Der massige Dreiundsiebzigjährige lag nach einem Schlaganfall teilnahmslos im Bett, und seine zierliche weißhaarige Frau stand händeringend daneben. In ihren Augen las ich große Fragezeichen.
Nein, die Symptome des Schlaganfalls waren fast völlig zurückgegangen. Aber als ich den neuen Patienten untersuchte, erschrak ich. Über seiner Kreuzbeingegend bestand ein Dekubitus, mit tief unterminierten Rändern und einer Ausdehnung von etwa 16,8 mal 8,6 Zentimetern, etwa zwei Männerfäuste hätten hineingepasst. Die Wundhöhle war mit schmierigen foetiden Granulationen bedeckt. Dazu kam eine Stuhlinkontinenz, die die Situation noch schwieriger machte.
Die Augen der Frau bettelten. Die Fragezeichen bedeuteten: „Letzte Ausfahrt Pflegeheim?“
Ich überlegte. Dieser Riesenkrater! Die Inkontinenz, die die Wundbehandlung drastisch erschwerte! Die Apathie und Hilflosigkeit des großen schweren Mannes! Dagegen erschien mir die Behandlung seiner Restlähmungen und seiner absoluten Arrhythmie fast ein Kinderspiel.
Die Frau sah mich wieder beschwörend an.
Da entschloss ich mich, einen Versuch zu wagen. „Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen“, dachte ich und erinnerte mich an die Ratschläge eines erfahrenen Chirurgen. Aber ich war voller Zweifel.
Eine medikamentöse Herzkreislaufbehandlung begann ich, dazu halbstündliches Umlagern des schweren Mannes im Bett, konsequentes Toilettentraining, Wasser- und Luftkissen zur Entlastung
der Kreuzbeinregion und dann – eine intensive Wundbehandlung des Riesengewebsdefektes!
Täglich machte ich nun Hausbesuche. Vor allem die Wundbehandlung bereitete mir Kopfschmerzen. Denn alle nur erdenklichen Salben waren schon auf und um das Ulkus herum verschmiert worden. Erfolglos, wie man sah.
Nun versuchte ich es mit dem alten Chirurgenrezept. Täglich spülte ich die Wunde mit ihren Nischen und Buchten gründlich aus. Dazu benutzte ich eine konzentrierte Salzlösung aus abgekochtem Wasser und mehreren Löffeln Kochsalz, direkt aus der Küche. Diese hypertonische Lösung reinigte den Wundgrund und setzte einen starken Granulationsreiz. Am nächsten Tag streute ich nach der Kochsalzspülung klaren Zucker in den Riesenkrater. Einfach Zucker aus
der Zuckerbüchse, normalen Haushaltszucker. Dieser verursachte einen kräftigen Strom der Säfte aus der Tiefe der Wunde. Am nächsten Tag reinigte ich den Dekubitus wieder mit ausgiebigen Kochsalzspülungen und legte mit Kochsalzlösung getränkte sterile Kompressen auf, tamponierte die Wundhöhle damit aus. Dies machte ich nun täglich im Wechsel, einmal Kochsalzlösung, einmal klaren Zucker.
Begleitet waren diese täglichen Prozeduren mit aufmunternden Gesprächen, Bewegungsübungen und Anleitungen der Pflegepersonen. Auch in bestimmte krankengymnastische Maßnahmen wies ich Frau und Tochter ein.
Am Anfang hatte ich selbst kaum Hoffnung. Aber durch mein tägliches Kommen, die akribisch durchgeführten Wundmaßnahmen, die Zuwendung und die intensiven Gespräche kam Leben in die Szene. Der Patient wurde zugänglicher, mobiler, geistig regsamer, sprach wieder mit uns. Erst ein paar Worte, dann ganze Sätze, und schließlich erzählte er mir lange Passagen aus seinem interessanten Leben. Dann begann sich
die Schließmuskelfunktion zu bessern und normalisierte sich schließlich ganz. Frau Bamekow war in allen Hilfsmaßnahmen flink wie ein Wiesel und sehr zuverlässig.
Ein großer Tag des Triumphes wurde es, als wir Herrn Bamekow das erste Mal für eine halbe Stunde in den Lehnstuhl setzen konnten. Nun wurde das Gewebe in der Kreuzbeingegend noch weiter entlastet. Von Tag zu Tag blieb er nun länger auf.
Und tatsächlich – der Wundgrund reinigte sich langsam und bekam ein frisches rotes Aussehen. Am größten aber war meine Freude, als ich an den Wundrändern helle Narbensäume feststellte, als die riesige Wundhöhle langsam kleiner wurde und sich schließlich inmitten der immer flacher werdenden Granulationen zarte Epithelinseln bildeten.
Meine tägliche Wundbehandlung führte ich etwa ein Jahr lang durch. Inzwischen konnte Herr Bamekow schon in Begleitung einige Schritte ums Haus gehen.
In der letzten Phase ging es dann mit der Heilung rasant voran. Ein stabiles, etwas schrumpfendes Narbengewebe bedeckte jetzt den ehemaligen Dekubitus und das kleine Rest-Ulkus konnte ich den geschickten Händen der Ehefrau überlassen, die nun den täglichen Verbandswechsel übernahm.
Als Familie Bamekow in eine hübsche sonnige Neubauwohnung mit Blick auf Feld, Wald und Wiesen umzog, war der Dekubitus völlig verheilt, und Herr Bamekow fühlte sich bereits so gut, dass er kleine Spaziergänge ins Grüne wagte.
Ich habe Herrn Bamekow noch etwa zehn Jahre lang herzkreislaufmäßig betreut. Von Stuhlinkontinenz und Dekubitus war längst keine Rede mehr.
Der Patient starb an einer Virus-Pneumonie während einer schlimmen Grippewelle in der Klinik, genau elf Jahre nach unserer ersten Begegnung. Seine tüchtige kleine Frau hat ihn um viele Jahre überlebt.
Ich aber habe für mein Leben als Ärztin daraus gelernt, dass man auch in scheinbar ausweglosen Situationen nie aufgeben darf.
Solange der Mensch atmet, besteht Hoffnung.
Dr. med. Annerose Schulz
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