ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2004Medizinische Versorgung Obdachloser: Ohne Netzwerk unmöglich

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Medizinische Versorgung Obdachloser: Ohne Netzwerk unmöglich

Dtsch Arztebl 2004; 101(43): A-2866 / B-2425 / C-2313

Merten, Martina

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Bis 2003 versorgte die Ärztin Jenny de la Torre Castro Obdachlose in einer Arztpraxis am Berliner Ostbahnhof. Fotos: Jenny De la Torre Stiftung
Bis 2003 versorgte die Ärztin Jenny de la Torre Castro Obdachlose in einer Arztpraxis am Berliner Ostbahnhof. Fotos: Jenny De la Torre Stiftung
Über die Probleme einer bekannten Obdachlosenärztin, die Folgen der Gesundheitsreform und die Schwierigkeit der Finanzierung niedrigschwelliger medizinischer Projekte

Etwas kraftlos sitzt Jenny De la Torre Castro auf einem alten Stuhl in der Küche ihres Berliner Gesundheitszentrums für Obdachlose, das sie einen Tag zuvor vor großem Medienaufgebot vorgestellt hat. Alle wollten über die Pläne der 50-jährigen gebürtigen Peruanerin informiert sein, die sich seit zehn Jahren in Berlin um die medizinische Versorgung Obdachloser kümmert. Voller Tatendrang berichtete De la Torre, wie aus dem 100 Jahre alten Haus in Berlin-Mitte ein bundesweit bislang einmaliger Ort entstehen soll, an dem Obdachlose nicht nur ärztliche Hilfe, sondern auch Kleider und Essen erhalten und rechtlich, sozial und psychologisch betreut werden sollen. Wie mühsam es sein wird, die für den Ausbau des Zentrums und die Bezahlung der Mitarbeiter geschätzten 200 000 Euro zu erhalten, scheint der Ärztin nur in ruhigeren Minuten bewusst zu sein. Schritt für Schritt, sagt sie dann, müsse sie vorgehen, geduldig sein. Dennoch: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein könnte, Ärztin zu sein.“
1994 schuf die MUT Gesellschaft für Gesundheit gGmbH – eine Tochtergesellschaft der Ärztekammer Berlin – die organisatorischen Voraussetzungen, um zwei Arztpraxen für Obdachlose einzurichten, eine am Berliner Ostbahnhof, die andere in Berlin-Lichtenberg. De la Torre wurde noch im selben Jahr von der MUT in der Ostbahnhofpraxis angestellt und arbeitete dort bis vor einem Jahr (siehe DÄ, Hefte 23/1998; 42/2003). Der Ärztin machte es nichts aus, Jahr für Jahr um die Verlängerung der befristeten Stelle zu bangen. 1997 erhielt sie erstmals die Ermächtigung zur ambulanten medizinischen Versorgung durch den Berliner Zulassungsausschuss und konnte seither obdachlose Patienten, die krankenversichert waren, über die Kassenärztliche Vereinigung abrechnen. Nebenbei hielt sie Gastvorträge an Universitäten, gründete eine nach ihr benannte Stiftung, um Gelder für den späteren Aufbau eines Gesundheitszentrums für Obdachlose zu sammeln, und knüpfte Kontakte zum Bezirksbürgermeister, damit ihre Arbeit und die dafür notwendige finanzielle Unterstützung nicht in Vergessenheit geriet. Dennoch erfolgte 2003 der Bruch: Die MUT kürzte ihre Stundenzahl von 40 auf 25, De la Torre verstand dies als „Änderungskündigung“ und ging. Dieselbe Arbeit in einer viel niedrigeren Stundenzahl zu schaffen schien ihr unmöglich, die Vorstellung, ständig wechselnde Ärzte würden sich um die Obdachlosen kümmern, nicht tragbar. Im Sinne der Obdachlosen erschien ihr diese Entscheidung jedoch die einzig konsequente.
Versprechen eingehalten
Heute arbeiten verschiedene Ärzte in der Ostbahnhofpraxis, die meisten von ihnen ehrenamtlich. Seit de la Torres Ausscheiden aus der Ostbahnhofpraxis steht für sie mithilfe ihrer Stiftung der Aufbau des Gesundheitszentrums im Vordergrund. „Das habe ich den Obdachlosen damals versprochen, und das mache ich jetzt auch“, sagt sie. Dass sie ein zehnjähriges Nutzungsrecht für das jetzige Gebäude – eine ehemalige Kindertagesstätte – erhalten hat, verdankt De la Torre ihrem über die Jahre aufgebauten guten Netzwerk. „Ich habe mich immer, egal ob beim Gesundheitsamt, Sozialamt oder beim Bürgermeister, um einen persönlichen Beratungstermin bemüht, um den Leuten beim Schildern meiner Probleme in die Augen gucken zu können“, so De la Torre.

Für Obdachlose häufig die einzige Chance: niedrigschwellige medizinische Hilfseinrichtungen
Für Obdachlose häufig die einzige Chance: niedrigschwellige medizinische Hilfseinrichtungen
Für andere, weniger bekannte Ärzte, die Obdachlose medizinisch versorgen, ist ein gut funktionierendes Netzwerk mindestens ebenso wichtig wie für die Berliner Ärztin. So pflegt auch Prof. Dr. med. Gerhard Trabert aus Mainz einen regelmäßigen Austausch mit der Kommune, sozialen Einrichtungen und anderen Ärzten, damit das von ihm vor zehn Jahren ins Leben gerufene „Mainzer Modell zur gesundheitlichen Versorgung wohnungsloser Menschen“ sich tragen kann. Noch vor De la Torre erhielt Trabert, der 1983/84 als Pionier über das Thema Obdachlosigkeit und medizinische Versorgung promovierte, die erste bundesweite Ermächtigung zur medizinischen Versorgung Obdachloser. „Es bedurfte viel Vorbereitung und guter Kontakte, um diese Ermächtigung zu erhalten“, so Trabert. Kurz darauf rief Trabert den Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“ ins Leben, damit die Arbeit des Mainzer Modells über Spenden unterstützt werden konnte. Zusammen mit drei weiteren, bereits pensionierten Ärzten, die ehrenamtlich mehrere Stunden pro Woche arbeiten, praktiziert Trabert sowohl in einem Arztmobil als auch in einem Wohnheim für Obdachlose. Es besteht keine Regelfinanzierung, aber durch eine Mischung aus Spenden an den Verein, die Ermächtigung durch die KV und durch Gelder vom Sozialamt kann das Mainzer Modell funktionieren. Weil Trabert, wie seine Berliner Kollegin auch, den Obdachlosen die mit der Gesundheitsreform verbundenen Zuzahlungen nicht zumuten will, müssen sie diese nicht zahlen. Trabert: „Praxisgebühr und Zuzahlungen ziehe ich von meinem Gehalt ab.“ Über eine geregeltere Finanzierung von Obdachlosenprojekten können sich nordrhein-westfälische Ärzte freuen.
NRW: geregelte Finanzierung
Das dortige „Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst“ (ÖSDG) verpflichtet Gesundheitsbehörden in NRW dazu, die medizinisch-soziale Versorgung zu übernehmen, wenn sie erforderlich ist, aber nicht rechtzeitig gewährleistet werden kann – wenn Personen wegen ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustands oder aufgrund sozialer Umstände besonderer sozialer Fürsorge bedürfen und diesem Bedarf nicht im Rahmen der üblichen Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung entsprochen wird (§ 4 ÖSDG). So finanzierte sich der „Mobile Medizinische Dienst Köln (MMD)“ zwei Jahre lang ausschließlich über das Kölner Gesundheitsamt. 1995 führten Verhandlungen mit der KV Nordrhein zur anteiligen Finanzierung der Kosten, verbunden mit einer Institutsermächtigung zur vertragsärztlichen Versorgung. Alle obdachlosen Patienten des MMD werden pauschal über den KV-Beitrag – 165 000 Euro im Jahr – abgerechnet, der Sachmittelbedarf kann über das vorhandene Budget gedeckt werden. Dr. med. Soenke Behnsen und drei weitere Ärzte des MMD sind bei der Stadt Köln angestellt, drei Krankenschwestern unterstützen das Team. Mehrmals wöchentlich halten sie Sprechstunden in sozialen Einrichtungen wie Notunterkünften oder Kontaktcafés ab oder suchen mit einem Wohnmobil, wie Trabert in Mainz, Wohnungslose an Schlafplätzen unter freiem Himmel auf. Auch Behnsen setzt für die Arbeit des MMD auf ein gutes Netzwerk: „Wir versuchen zu allen – Krankenhäusern, Methadonambulanzen, Ämtern, Arbeitskreisen, Vereinen für Wohnungslosigkeit oder sozialen Einrichtungen – Kontakte zu pflegen.“ Ohne ungeheure Eigenmotivation, weiß Behnsen, wäre diese Arbeit unmöglich.
Der Lohn für die Eigenmotivation von Dr. med. Carsten König war die Genehmigung der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, eine Zweigpraxis betreiben zu dürfen. König gründete Mitte der Neunzigerjahre aus den gleichen Gründen wie Trabert den Verein „Medizinische Hilfe für Wohnungslose Düsseldorf e.V.“. Durch Spenden finanzierte er kurz darauf den Kauf einer Praxis, für die er 2000 die Zulassung erhielt. Wie in Köln auch wird die Praxis mischfinanziert: 40 Prozent der Kosten zahlt die Stadt, für 20 Prozent der Kosten reichen die Spendeneinnahmen, und 40 Prozent können über die Krankenkassen abgerechnet werden. Als Motivation für seine Arbeit nennt König die „persönliche Freude an der Versorgungsverbesserung“, auch wenn er die Zuzahlungen durch die Gesundheitsreform als „Katastrophe für die Versorgung“ ansieht. „Obwohl wir versuchen, die Kosten durch die Zuzahlungen durch Spenden und externe Zuschüsse aufzufangen, sind unsere Patientenzahlen zurückgegangen“, sagt König. 2 600 waren es im vergangenen Jahr, bis Ende Mai dieses Jahres kamen noch etwa 1 000.
Dass es nicht viele Ärzte gibt, die – entweder hauptberuflich oder teilzeit – die Eigenmotivation aufbringen, die für die medizinische Versorgung Obdachloser notwendig ist, zeigt eine aktuelle Erhebung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W).
Bundesweit 50 Praxen und mobile Dienste für Obdachlose
Zwar gibt es zahlreiche Projekte, bei denen niedergelassene Ärzte mit der Wohnungslosenhilfe kooperieren, indem wohnungslose Patienten zu den Ärzten in die Praxen kommen können. Allerdings werden bundesweit nur etwa 50 niedrigschwellige Projekte wie die in Mainz, Köln oder Düsseldorf (siehe Textkasten 2) angeboten, bei denen es entweder eigene Praxen für Wohnungslose, Praxen in sozialen Einrichtungen oder mobile Pflegedienste gibt, so die vorläufigen Ergebnisse der BAG-W-Erhebung. Die meisten Projekte, so BAG-W-Geschäftsführerin Werena Rosenke, finanzieren sich ehrenamtlich.
Ob de la Torre die 200 000 Euro für ihr „bundesweit einmaliges Projekt“ zusammenbekommt, ist fraglich. „Es gibt Zufälle im Leben, die mich dem Gesundheitszentrum näher gebracht haben“, sagt De la Torre. Vielleicht wird es weitere geben. Martina Merten
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