ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2004Medizinethik: Im Schraubstock der Ökonomie

POLITIK

Medizinethik: Im Schraubstock der Ökonomie

Dtsch Arztebl 2004; 101(44): A-2922 / B-2474 / C-2362

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Nationale Ethikrat sucht den „idealen Arzt“.

Als der Gong zur Mittagspause ertönte, war einigen Teilnehmern der Jahrestagung des Nationalen Ethikrates der Appetit vergangen. Zu schockiert waren sie über die Äußerungen von Eugen Münch: „Bedeutet nicht ein künstliches Hüftgelenk für den 60-Jährigen die gleiche Mobilität wie ein Moped für den 16-Jährigen?“ Hinter dieser rhetorischen Frage verbirgt sich gleichsam die Philosophie des Vorstandsvorsitzenden der Rhön-Klinikum AG: Der Arzt ist größtenteils ein Unternehmer; der Patient meist ein Kunde. Verfügt er über einen ausreichend gefüllten Geldbeutel, kann er medizinische Leistungen „zur Erhöhung der Lebensqualität“ einkaufen. Nur für Notfälle – für Münch 15 Prozent der derzeit erbrachten Leistungen – gelten andere Regeln.
„Welche Ärzte will unsere Gesellschaft? Der ärztliche Behandlungsauftrag heute“ lautete die Frage, die der Nationale Ethikrat bei seiner Jahrestagung am 21. Oktober in Berlin diskutierte. Die Antworten waren so unterschiedlich wie die geladenen Experten. Nur eines steht fest: Mit Zwängen durch die Ökonomie, die Politik und die Pharmaindustrie müssen sich Ärzte mehr und mehr auseinander setzen. Nach Ansicht von Münch braucht die Gesellschaft zwei unterschiedliche ärztliche Professionen: den altruistischen Arzt, der Notfallpatienten behandelt, und den Medizin-Unternehmer, der ärztliche Leistung zur Erhöhung der Lebensqualität anbietet. 85 Prozent der Leistungen würden „konsumbedingt“ erbracht, erklärt der Gründer der Rhön-Klinikum AG. Es handele sich dabei um Krankheiten, die früher als altersbedingt gegolten hätten (wie beispielsweise der graue Star) und jetzt zur Erhöhung der Lebensqualität behandelt würden. Dies überfordere das Gesundheitssystem.
Die Gefahr, dass die Ökonomie die ärztliche Tätigkeit beeinträchtigen könnte, sieht der Konzern-Chef nicht. „Nicht die Ökonomie gefährdet die Ethik in der Medizin“, sagte er. „Die Medizin gefährdet ihre eigenen Grundsätze, wenn sie die Ökonomie ignoriert. Die Bedingung für Ethik ist, dass man sie sich leisten kann.“ Deshalb müsste sich seiner Ansicht nach eine Solidargemeinschaft wie die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung auf die Notfallpatienten konzentrieren und dort die ethischen Ansprüche sichern. Für die „Lebensqualität-Patienten“ will Münch eine Art „zweite Ebene der Ethik“ eröffnen. Diese Patienten hätten bereits das neue „Käufer-Bewusstsein“. Da die Ärzte ein Produkt anbieten würden, wäre es auch legitim, sich an ökonomischen Gesichtspunkten zu orientieren, erklärte Münch.
Ähnlicher Ansicht ist Dr. med. Lutz Helmig. Der einstige Gefäßchirurg und heutige Vorsitzende des Aufsichtsrates der Helios Klinikum GmbH plädiert für eine Beschränkung der ärztlichen Leistungen auf den Behandlungsauftrag. Nachteile durch die Nichtentdeckung von anderen Krankheitsbildern seien nicht bewiesen; limitierte Routineuntersuchungen nicht unärztlich. Helmig will den Nutzen jeden Einzelschrittes bewiesen haben. Verschwendung dürfe es nicht geben. Die Einführung des DRG-Systems in den Krankenhäusern unterstütze diesen Prozess, erklärte er. Einen Zielkonflikt bei der Auftragsbeschränkung sieht der Manager jedoch bei den niedergelassenen Ärzten. Bestimmte Vergütungsformen verführten zur „diagnostischen Abrundung“.
Scharfe Kritik an den als „Aktiengesellschaften geführten Kliniken“ übte indes Prof. Dr. Dr. med. Klaus Bergdoldt, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Köln. Die ökonomisch geprägte Arbeitsweise der angestellten Ärzte führe zu einer „Verzwecklichung des Arztberufes“: „Die Ärzte werden zu passiven Teilnehmern eines ökonomischen Systems, das bereits zu vielen Menschen schadet.“ Besonders beklagte Bergdoldt eine „schleichende Zerstörung“ der Arzt-Patienten-Beziehung. So sei den Ärzten am Universitätsklinikum Köln eine durchschnittliche Zeit von 7,5 Minuten pro Patient und Tag vorgegeben worden. Bergdoldt sprach sich gegen die Abrechnung nach dem Fallpauschalensystem aus. Studien hätten gezeigt, dass es zu einer erhöhten Sterblichkeit nach den „Radikalentlassungen“ und einer verkürzten Lebenszeit komme.
Auf ökonomische Zwänge anderer Art wies Prof. Dr. med. Peter Sawicki hin. Publikationen, Leitlinien und Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte würden häufig durch die Pharmaindustrie beeinflusst, sagte der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin, Siegburg: „Die Folgen dieses Missstandes sind medizinische Fehlversorgung der Patienten, verbunden mit Kostensteigerung.“ Um Verständnis für unpopuläre Entscheidungen warb Dr. jur. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. Unter der Prämisse, Kosten zu senken und Qualität zu erhöhen, müsse der Ausschuss Einzelheiten der Versorgung regeln. Dabei handele es sich nicht um Rationierung, aber um Rationalisierung. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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