ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2004Rauchen: Im Bann der Sucht

POLITIK

Rauchen: Im Bann der Sucht

Dtsch Arztebl 2004; 101(44): A-2930 / B-2481 / C-2368

Richter-Kuhlmann, Eva

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39 Prozent der deutschen Männer und 31 Prozent der Frauen rauchen. Foto: Caro
39 Prozent der deutschen Männer und 31 Prozent der Frauen rauchen. Foto: Caro
Von den Krankenkassen ist sie noch nicht anerkannt: die Tabakentwöhnung. Doch die Bundes­ärzte­kammer erarbeitet derzeit eine eigenständige Fachkunde.
Schwarz auf weiß findet man im GKV-Modernisierungsgesetz, dass es sich bei Medikamenten zur Raucherentwöhnung um Mittel handelt, bei „deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht“. Dieser Aussage widersprach im Mai der 107. Deutsche Ärztetag in Bremen. Darauf verwies Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), beim Kolloquium „Suchtprobleme mit legalen Drogen“ am 20. September in Erfurt, das die AkdÄ anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. med. Knut-Olaf Haustein veranstaltete.
Von 20 Millionen Rauchern in Deutschland sind schätzungsweise 6,8 Millionen tabakabhängig im Sinne einer Sucht. Eine ärztliche Entwöhnungsbehandlung wäre bei vielen von ihnen sinnvoll. Gesellschaftlich wird dies indes wenig propagiert, nicht zuletzt, weil die Kassen einen erheblichen finanziellen Mehraufwand befürchten. Trotzdem ist auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) optimistisch, dass sich diese Lücke in der Vergütung durch die Krankenkassen künftig schließen könnte. Ab 2005 soll eine eigenständige Fachkunde „Tabakentwöhnung“ von jeder Ärztin und jedem Arzt zu erwerben sein. Der Ausschuss „Sucht und Drogen“ der Bundes­ärzte­kammer erarbeitet derzeit die curriculäre Fortbildung, die 20 Stunden umfasst und auf die Zusatzbezeichnung „Suchtmedizin“ angerechnet wird. „Mit der Fachkunde wollen wir gegenüber der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung die Qualität der ärztlichen Leistung dokumentieren, um auf diese Weise die Bereitschaft der Kassen zu erhöhen, für derartige Beratungs- und Behandlungsleistungen Honorare zu zahlen“, erklärte Prof. Dr. med. Ingo Flenker, Vorsitzender des Ausschusses Sucht und Drogen der BÄK.
Auch Haustein, bis 2000 Vorstandsmitglied der AkdÄ, kritisiert seit Jahren, dass die Kassen nur ausnahmsweise bereit sind, die Kosten für die Entwöhnungsbehandlung zu übernehmen, „obwohl es sich bei der Tabakabhängigkeit um eine international anerkannte Erkrankung nach ICD-10 handelt“. Für sein großes Engagement auf dem Gebiet der Nikotinforschung und Raucherentwöhnung ehrte die Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen den Pharmakologen mit der Ludwig-Pfeiffer-Medaille. In einem Modell gelang es Haustein im Jahr 2001, die AOK Thüringen von der Honorierung der Ärzte zu überzeugen, die einen Nikotinentzug angeboten hatten. Die Ärzte hatten sich zuvor bei Kursen zur Entwöhnungsbehandlung an dem von Haustein vor fünf Jahren gegründeten Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung qualifiziert, die die Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen zertifiziert hatte. Neben dem Programm dieses Instituts gibt es auch andere Raucherberatungskonzepte für die ärztliche Praxis, beispielsweise das Stufenprogramm „Frei von Tabak“ der BÄK, die „Rauchersprechstunde“ des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg sowie das Gruppenprogramm des Instituts für Therapieforschung und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Ferner veröffentlichte die AkdÄ 2001 eine Leitlinie zur Behandlung der Nikotinsucht. Sie gibt einen Überblick über die bisherigen evidenzbasierten Maßnahmen zur Raucherentwöhnung.
Als optimale Methode der Tabakentwöhnung gilt die ärztliche Raucherberatung, kombiniert mit der Gabe von Nikotinpräparaten. „Damit erreichen wir eine Erfolgsquote von mehr als 40 Prozent“, berichtete Haustein. Durch Pflaster, Kaugummi oder Nasalspray substituiertes Nikotin unterhalte nur in extrem seltenen Fällen eine Nikotinabhängigkeit. „Das Sucht erzeugende Nikotin wird aus der Zigarette schneller freigesetzt als aus galenischen Zubereitungen“, erklärte Haustein. Nikotinpräparate erzeugten daher keine hohen Plasmaspiegel und keine „kicks“.
„Der Rauch birgt die Gefahr“
Eigentliches gesundheitsschädliches Agens sei beim Rauchen nicht das Nikotin, sondern der Tabakrauch, erklärte der Pharmakologe. Die im Rauch enthaltenen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, N-Nitrosamine, aromatischen Amine sowie anorganischen und organischen Verbindungen aktivierten hämatologische Faktoren und verursachten so koronare Herzkrankheit, periphere arterielle Verschlusskrankheit, diabetische Nephropathie, chronisch-obstruktive Atemwegserkrankungen und Fertilitätsstörungen.
Deutlich wendete sich Haustein gegen aktuelle Bestrebungen, die geplanten weiteren Tabaksteuererhöhungen zu stoppen. Die erste erfolgte zum 1. März. Der Gesetzgeber hatte im Dezember 2003 weitere stufenweise Erhöhungen um 1,2 Cent pro Zigarette zum 1. Dezember sowie zum 1. September 2005 beschlossen. Die BÄK hatte sich damals für eine spürbare einstufige Erhöhung ausgesprochen. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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