ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1996Übernatürlicher Gehirnschwund

POLITIK: Die Glosse

Übernatürlicher Gehirnschwund

Knapp, Heinz

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LNSLNS Man ahnte ja schon, daß das Fernsehen ungemein bereichert. Nun hat es uns eine RTL-Sendung Hans Meisers über die Kraft der Vorahnungen erneut bestätigt: es gibt mehr Heilkraft zwischen Himmel und Erde, als sich trockene ärztliche Schulweisheit träumen läßt.
Wie geht so ein Fernsehereignis vor sich? Zuerst, Aufgalopp, wiehert und schnobert sich da Meisers munteres Paradepferd in die Herzen: Stargast Dagmar Koller. Trotz guter Maske und ausdauerndem Lächeln ist für den Betrachter ersichtlich, daß sie aus anbrechender Altersweisheit hier auftritt, etwas für die Nachfrage tun will. Also plaudertäschelt sie freimütig, daß sie in ferner Jugend irgendwann einmal aus irgendwelcher Unruhe in ein Flugzeug nicht eingestiegen sei, das dann auch, man ahnt es schon, abstürzte. Welch gruseliger Zusammenhang. Könnte er allenfalls dadurch an Gruseligkeit verlieren, daß man genauso fragte und dagegenzählte, wie viele Menschen denn schon Flugzeuge verfehlt haben, die in der Folge nicht abstürzten. Aber die Frage paßt nicht ins Meisersche Sendungsbewußtsein.
Es folgt die Vorführung einer halluzinativ begabten Dame, die dann und wann, wie sie meint, ins Jenseits blickt, zur verstorbenen Oma, zu großen Lichtern und anderen Seltsamkeiten. Auch hat sie bereits paramedizinisch mit Erfolg Hand an den Ehemann gelegt: eine schmerzvolle "Blockierung" unklarer Art (hinterkünftig bei demselben auftretend) wurde von ihr "magnetisch" aufgelöst. Aus der Zuschauerschaft nickt freudig erregt der geheilte Gatte, lebendes Dokument der reinen Wahrheit. Kein Wunder, daß das ihm angetraute weibliche Multitalent sich jetzt vom Gedanken an erweiterte heilkundliche Tätigkeit magnetisiert fühlt: sie will in Zukunft unbedingt Menschen "helfen". Hans Meiser als würdevoll präsidierender Sankt Ignorantius spendet dazu Segen und sachliche Grundsteinlegung: es sei inzwischen, tönt er, "wissenschaftlich und medizinisch nachgewiesen, daß es diese Fähigkeiten gibt". Nachgewiesen, inzwischen wissenschaftlich und medizinisch – wenn da nicht gläubiges Glotzvertrauen aufkommt. Dagegen bleibt unerwiesen, sozusagen nur Gerücht, daß der Heilige Meiserinus und andere mediale Gewerbetreibende gleicher Couleur mit ihrer Masche der Spökenkieker-Volksverdummung ein Schweinegeld verdienen.
Hellsehen sei natürliche Fähigkeit aller Menschen, eigentlich nicht anders als andere Sinnentätigkeit auch, darf eine weitere Zeugin bekunden (die ansonsten für eine "bunte" Zeitschrift arbeite). Deshalb bietet die weitsichtige Journalière Kurse zur Wiedererweckung solcher lediglich zivilisatorisch etwas verkümmerter SehSinnlichkeit an. Auch ihr Name erscheint werbewirksam im Untertext, jeder darf hier vom anderen profitieren. Wie aber vollzieht sich so ein Hellseh-Kurs als (Wieder-)Erweckungswerk? Im eigentlichen einfach, wie offenherzig verraten wird: der "ganze Trick dabei" sei, die Menschen erleben zu lassen, "daß sie es können". Der Glaube macht selig, das wußte man schon; nun macht er auch noch helle.
Inzwischen ist die Sendezeit gereift für den – in dergleichen Schummel-Shows zur Vortäuschung von kritischem Bewußtsein nie fehlenden – "Experten". Der "Experte" in modischen Anti-Aufklärungs-Verflimmerungen ist regelmäßig aus demselben irrationalen Stoff geschneidert wie die Sendung selbst; er will deshalb nichts lieber als die fragwürdige Botschaft fördern, von der ja sein eigener Verstand bereits voll verdunkelt ist. Nun erscheint also in Großaufnahme ein mit Sachkunde in die Runde blickender, leicht ergrauter Heilpraktiker, der, so wird wiederum von Meiser versichert, kraft früher unternommenen Physikstudiums tief in der Wissenschaft verwurzelt ist. Ihm, dem zweibeinigen Grauhaar, wird die Frage gestellt, ob man die dargelegten (Heil-)Wirkungsströme auch messen könne. Worauf er zum ersten am Thema vorbeiredet (er verweist aufs Enzephalogramm, das in Trance bestimmte Wellen produziert), zum zweiten dann aber die ganze Szenerie in dichte Nebel hüllt, indem er die schon früher, in der Capra-Vorzeit, unglaubhafte, inzwischen in der Rubrik Höherer Unsinn dauerhaft abgelegte und verstaubte New-Age-Quantentheorie erneut zu diffuser Wolkenhaftigkeit aufbläst: sie zeige die universale Verbindung aller Elementarteilchen und Energien und fundiere damit auch alles andere. Was alles? Nun eben alles, was irgendwie und irgenwo geheimkräftig wabert, werkt und wirkt. Meiser ist’ s zufrieden.
Nach einem Intermezzo, einem mit Trommelwirbel und Schreien untermalten Schamanentanz herumreisender Volksfest-Azteken, schließt die Sendung mit der Befragung des leitenden Medizinmanns der Tanzgruppe. Dem Schamanen wird alsogleich der Ehren-Untertitel ". . . heilt mit übernatürlichen Kräften" zuteil, während er dem Fernsehvolk in gebrochenem Deutsch Urweisheitlich-Urmexikanisches mitteilt. Er wirke mit Hilfe der "kosmischen Kraft", sagt er, die vom Himmel durch den Menschen hindurch zur Erde riesle, besonders gut, notabene, wenn der Mensch barfuß ist. Ein anatomischer Hinweis sei auch, daß man allgemein, wegen dieser zölestischen Energien, den Kopf an der Oberseite trage, wo er für alles, was von oben kommt, bekanntlich besonders gut zugänglich ist. Des weiteren sei es so, daß in jedem von uns ein Tier stecke – ein Nutztier, möchte man ergänzend behaupten, eine Art kapitolinische Gans, denn in Gefahr weckt das Viehzeug uns auf.
Durch Kontakt mit innerem Tier und äußerem Himmels-Reizstrom besiegt der Indianer-Heiler nach eigener Aussage alle Arten von Krankheiten, sogar organische. Alle? Nein, doch wohl nicht alle, möchten wir meinen. Jedenfalls nicht das schlimme Leiden, welches man den esoterischen Gehirnschwund nennen könnte, den, wissenschaftlich und medizinisch ausgedrückt, "Korsakow supranaturalis", vulgo: die Profithansel-MeiserMeise. Die war hier wieder mal schrecklich kontagiös. Heinz Knapp
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