ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1996Euthanasie in den Niederlanden: 60 Prozent der Fälle wurden nicht gemeldet

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Euthanasie in den Niederlanden: 60 Prozent der Fälle wurden nicht gemeldet

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein Großteil der Euthanasie-Fälle scheint in den Niederlanden nicht gemeldet zu werden. Das ergab jedenfalls eine im Auftrag des Justiz- und Ge­sund­heits­mi­nis­teriums erstellte Untersuchung mit einer Befragung von tausend Personen (darunter 800 Ärzten), die jetzt veröffentlicht wurde. Das Ministerium bezifferte die Anzahl der nicht gemeldeten Fälle mit 60 Prozent. Damit umgehen offenbar die meisten Ärzte eine der Bedingungen, die nach der 1994 in Kraft getretenen Euthanasie-Gesetzgebung erfüllt sein müssen.
Maßstab für die Strafbarkeit ist ein bestimmtes Prüfverfahren. Der Arzt ist verpflichtet, im Anschluß an die geleistete Sterbehilfe ein Gutachten in Form eines Meldeberichtsbogens zu schreiben. Der Gemeindearzt muß anschließend eine Leichenbeschau vornehmen und den Staatsanwalt informieren. Sterbehilfe bleibt dann straffrei, wenn die Ärzte die Euthanasie auf ausdrücklichen und wiederholten Wunsch des einwilligungsfähigen Patienten praktizieren und dessen Leiden "unannehmbar" sind. Der behandelnde Arzt muß sich außerdem auch noch mit einem Kollegen beraten.
Doch die meisten Ärzte setzen sich offenbar aus Angst vor Konsequenzen und wegen des langwierigen juristischen Prüfverfahrens über die Meldevorschrift hinweg. Angesichts dieser Diskrepanz zwischen Gesetz und Praxis erwägt Justizministerin Winnie Sorgdrager, die strafrechtlichen Vorgaben zu überdenken. Sie bedauert es, daß die Zielsetzungen des Meldeverfahrens "nicht in Gänze realisiert" seien. Die Ministerin hob aber gleichzeitig hervor, daß sich die Anzahl der Meldungen seit 1990 immerhin verdreifacht hätte. 1990 wurden 486 Fälle gemeldet, 1995 waren es 1 466 Fälle.
Weiter geht aus der Studie hervor, daß vor sechs Jahren etwa 25 000 Menschen um aktive Sterbehilfe angefragt hatten, 1995 waren es 34 500; das sind 2,4 Prozent aller Sterbefälle im Nachbarland. Bei 57 Prozent aller Kinder, die im ersten Lebensjahr starben, wurden lebensverlängernde Maßnahmen eingestellt, weil eine weitere Behandlung als sinnlos betrachtet wurde.
Von den 6 324 Fällen, die zwischen 1991 und 1995 gemeldet wurden, untersuchte die Staatsanwaltschaft 120. Gegen 22 Ärzte wurde eine gerichtliche Untersuchung eröffnet, 13 Ärzten wurde der Prozeß gemacht, teilte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium mit.


Neuregelung geplant
Sorgdrager und weitere Vertreter der linksliberalen Fraktion D’ 66 sprechen sich jetzt dafür aus, die Sterbehilfe "nicht direkt strafrechtlich zu verfolgen". Sie schlagen vor, daß eine Kommission aus Ärzten, Ethikern und anderen Experten zunächst ohne Einschaltung eines Staatsanwalts über die Fälle befinden sollte. Die Opposition – vor allem die Christdemokraten – trägt zwar Bedenken gegen diese Pläne vor, die jedoch angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Parlament nicht zum Tragen kommen dürften.
In den Niederlanden wird gegenwärtig intensiv über das Thema diskutiert. Der Begriff "euthanasie" ist dort allgemein gebräuchlich und gilt als historisch unbelastet. Die Ärzteorganisation "Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot Bevordering der Geneeskunst" und die Niederländische Vereinigung für freiwillige Euthanasie halten die derzeitige Regelung für angemessen. Eine neue Initiative "Vrijwillig Leven" plädiert sogar für ein Recht auf Selbsttötung unabhängig von der Beurteilung eines Arztes. Kli

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote