ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2004Schweden: Wo aus Krankenschwestern Professorinnen werden

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Schweden: Wo aus Krankenschwestern Professorinnen werden

Dtsch Arztebl 2004; 101(45): A-3006 / B-2541 / C-2425

Gatermann, Reiner

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LNSLNS Vier Beispiele dafür, wie schwedische Pflegekräfte
Theorie und Praxis miteinander verbinden

Vor kurzem hat Christina Lindholm ihre Stelle als Professorin für klinische Krankenpflege angetreten. Mit der 62-Jährigen hat es wieder eine Frau geschafft, den langen Weg von der Krankenschwester zur Professorin zu gehen. In Schweden ist dies möglich, weil dort – im Unterschied zu Deutschland – der Beruf der Krankenschwester akademischen Rang hat.
„In Deutschland ist die Ausbildung zur Krankenschwester so, wie sie in den 60er- und 70er-Jahren in Schweden war“, beschreibt Eva Fernvall die Entwicklung. Die Vorsitzende der Gewerkschaft für das Pflegepersonal sieht den Übergang der Verantwortung von den Regionalregierungen auf den Staat als entscheidenden Schritt für die Aufwertung der Pflegeberufe an. Der Aufgabenbereich schwedischer Krankenschwestern ist umfassender als der ihrer deutschen Kolleginnen. Unter gewissen Umständen können sie sogar Rezepte ausstellen. Seit der Staat für die Ausbildung der Krankenschwestern verantwortlich ist, gelten für sie dieselben Kriterien für die Zulassung zum Studium wie für Ärzte. Voraussetzung ist das Abitur. Die Ausbildung an den medizinischen Fakultäten von Universitäten und Hochschulen dauert drei Jahre, die sich je zur Hälfte in Theorie und Praxis untergliedern. Eine Spezialisierung erfordert weitere ein bis eineinhalb Jahre.
Eva Fernvall sieht in der akademischen Aufwertung „eine enorm wichtige Entwicklung“. Neben der einheitlichen und hochwertigen Ausbildung sowie der Nähe zum Arztstudium spielt „der Zugang zur Forschung“ für sie eine wichtige Rolle. In den ersten Jahren fanden ihn jedoch nur wenige Studierende. Die erste Krankenschwester promovierte zwar bereits 1980, und zwei Jahre später wurde die erste Krankenschwester zur Professorin berufen. „Bis Mitte der 90er-Jahre verlief die Fortsetzung der akademischen Karriere jedoch recht zäh“, so Fernvall. Inzwischen sind knapp 500 Krankenschwestern promoviert, 1 000 befinden sich auf dem Weg dorthin, und 20 haben es bis zum Rang einer „Professorin“ geschafft.
Bei Kerstin Segesten war es vor allem der Wunsch, ihr Wissen als Krankenschwester weiterzuvermitteln, der sie in die Forschung führte. Seit 2000 bekleidet sie eine Professur für Pflegewissenschaft an der Hochschule Borås. Um dorthin zu kommen, bedurfte es des Umwegs über die USA und Norwegen. Als das heutige Mitglied des Wissenschaftsrates der obersten Sozialbehörde 1962 die Prüfung als Krankenschwester ablegte, war es um die Weiterbildung nicht gut bestellt. Um ihre Lehrkompetenz innerhalb der Krankenpflege auszubauen, ging Segesten in die USA. Die Karrierestationen der heute 65-Jährigen: 1973 erwarb sie den Master of Science in Nursing an der University of California, 1978 den „cand. phil.“ in Göteborg, danach folgten eine Promotion in Soziologie, der Erwerb der Professoren-Reife in Oslo, sie bekam 1992 eine Dozentinnenstelle für Pflegewissenschaft in Göteborg und zwei Jahre darauf eine außerordentliche Professur. Auf ihrem akademischen Weg stieß Kerstin Segesten bei Chefs und Universitätsbehörden zuerst auf Desinteresse. „Man wusste nicht so recht, was man mit einer Krankenschwester anfangen soll, die einen Doktor der Philosophie hat.“ Inzwischen ist sie zum selbstverständlichen Bestandteil der akademischen und der Pflegewelt geworden.
Per-Olof Sandman wollte ursprünglich Lehrer oder Sozialarbeiter werden, ein paar Monate in einem Krankenhaus für geistig Behinderte weckten in dem heute 53-Jährigen jedoch den Forscherinstinkt. „Hier gab es viel zu tun“, erinnert sich Sandman. Nach dem Krankenpfleger-Examen 1975 arbeitete er elf Jahre in der psychogeriatrischen Pflege, bevor er promovierte. Nach zwei Lektorenposten erhielt Sandman 2000 eine Professur am Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Umeå, wo er sich unter anderem der Zusammenarbeit mit der traditionellen Medizin und der Forscherausbildung widmet.
Ist Per-Olof Sandman eher bodenständig, so hat Christina Lindholm sich nie gescheut, zugunsten ihres beruflichen Werdegangs Arbeitsplatz und Ort zu wechseln. Ihren Wunsch, Krankenschwester zu werden, beschreibt Lindholm als „eine Art sozialen Pathos“. 1978 wechselte sie in die Pharmaindustrie, wo die Weichen für ihre Wissenschaftskarriere gestellt wurden. Sie stieß auf die Heilwirkung der Stomahesive bei Beinwunden und promovierte 1993 zum Thema „Leg Ulcer Patients“. Nach einem Managerposten für klinische Forschung in einer ande-
ren Pharmafirma kehrte Lindholm der Industrie wieder den Rücken. Es folgten weitere Jahre in den bedeutendsten Pflegeinstitutionen des Landes. Lindholm konnte es sich sogar leisten, eine Professur abzulehnen, weil ein interessanteres Angebot vom Karolinska Sjukhuset als Chefin der Pflegeforschung lockte. Nur als das Angebot von der Hochschule in Kristianstad kam – Teil des schwedischen „Mekkas der Pflegewissenschaft“ –, konnte sie nicht widerstehen und trat die erste Professur Schwedens für klinische Pflege an. „Ich stehe mit je einem Bein in der Theorie und der Praxis“, sagt sie.
Dass es unter den Krankenschwestern ein enormes akademisches Potenzial gibt, steht für Kerstin Segesten und Christina Lindholm außer Frage. Noch gebe es jedoch zu wenige Professuren, um dieses Potenzial zu fördern. Reiner Gatermann
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