ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1996Arbeitslos und krank – schichtenspezifisch

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Arbeitslos und krank – schichtenspezifisch

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LNSLNS Auch in Großbritannien gibt es einen jährlichen "Mikrozensus", in dem eine Unzahl von Daten erhoben und gesammelt werden. Aus diesem Material haben zwei Autoren versucht herauszufinden, wie weit eine chronische Krankheit die Gefahr mit sich bringt, arbeitslos zu werden, und zwar jeweils für vier soziale Schichten. In der "obersten" Schicht finden sich die Freiberufler und die Manager; es folgen die mittleren und die jüngeren Angestellten, dann die Facharbeiter und schließlich die an- oder ungelernten Arbeiter und das Dienstpersonal. Untersucht wurde der Zeitraum von 1973 bis 1993. Am Beginn betrug die Arbeitslosenzahl eine Million; sie stieg bis 1986 auf über drei Millionen, sank bis 1989 auf 1,6 Millionen und stieg dann wieder allmählich an. Berücksichtigt wurden in der Studie nur Männer.
In allen Gruppen fiel in den zwanzig Jahren die Beschäftigtenquote insgesamt – bei den "Managern" von 97 auf 93 Prozent, bei den Ungelernten von 91 auf 70 Prozent, mit einem gewissen Auf und Ab. Bei den Gruppen 1 und 2 waren die Unterschiede zwischen Gesunden und den chronisch Kranken jedoch nicht sehr groß: elf bis zwölf Prozentpunkte zu Beginn, um die fünfzehn am Ende der Beobachtungsperiode. Auffällig ist, daß die Kurven der Beschäftigtenquoten bei den chronisch Kranken große Zacken nach unten und nach oben aufweisen, während sie bei den Gesunden gleichmäßig verlaufen. Bei den beiden Arbeitergruppen hingegen klafft die Quote der Beschäftigten in den zwanzig Jahren immer weiter auseinander: von 20 bis 25 Prozentpunkten am Anfang auf 30 bis 40 Prozentpunkte. Ganz anders wird das Bild jedoch, wenn man die Arbeitslosenquote betrachtet: Hier laufen die Kurven von Gesunden und Kranken weitgehend parallel. Dieses Rätsel löst sich schnell, wenn eine weitere Kategorie herangezogen wird – die der "Inaktiven": diejenigen, die entweder als Krankengeld-Dauerbezieher oder als Frührentner nicht mehr beim Arbeitsamt als für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehend registriert sind. Sie wurden im Lauf dieser zwanzig Jahre immer mehr, insbesondere bei den Arbeitern. Die chronisch Kranken wurden also in immer größerem Ausmaß aus dem Arbeitsmarkt gänzlich verdrängt. Eigenartigerweise haben es die Autoren in der Diskussion ihrer Studienergebnisse versäumt, auf die Veränderungen der industriellen Verhältnisse ihres Landes einzugehen, die die Arbeiterschaft natürlich ganz anders getroffen haben als den "Büro"-Sektor und bei den Arbeitern einen erheblich höheren Selektionsdruck erzeugt haben. bt


Bartley, M, Owen C: Relation between socioeconomic status, employment, and health during economic change 1979–93. Brit Med J 1996; 313, 445–449
Mel Bartley, Social Statistics, Research Unit, City University, London EC1V OHB, Großbritannien

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