POLITIK

Kosovo: Vergessenes Elend

PP 3, Ausgabe November 2004, Seite 507

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Vom Schicksal gezeichnet: kosovo-albanische Frau aus der Gegend bei Gjakova Foto: medica mondiale
Vom Schicksal gezeichnet: kosovo-albanische Frau aus der Gegend bei Gjakova Foto: medica mondiale
Medica Kosova: seit 1999 Einsatz für kriegstraumatisierte Frauen

Fünf Jahre nach dem Krieg in der heute autonomen Provinz Kosovo ist die dortige Situation noch immer verheerend: 80 Prozent der Menschen sind ohne Arbeit, fast 50 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Beinahe 70 Prozent des kosovarischen Einkommens besteht aus internationalen Spenden und Diaspora-Sendungen – beides ist rückläufig. Nach wie vor leiden viele Frauen und Mädchen unter Kriegstraumata, sexuelle sowie körperliche Gewalt waren nicht nur während des Krieges an der Tagesordnung, sondern sind es teilweise noch. Medica Kosova – ein von der Frauenhilfsorganisation medica mondiale e.V. (mm) eröffnetes Beratungs- und Therapiezentrum für kriegstraumatisierte Frauen im kosovarischen Gjakova – engagiert sich in diesem Oktober bereits im fünften Jahr für Frauen und Mädchen, die andernorts in Vergessenheit geraten sind.
„Unsere Arbeit hat eine positive Ausstrahlung auf das ganze Land“, sagt Dr. med. Monika Hauser bei einem Rückblick auf die ersten fünf Jahre des Zentrums in Köln. Den Angaben der Gynäkologin zufolge, die mm 1993 gründete, hat das 35-köpfige Team von Medica Kosova bereits viel erreicht: mehr als 8 000 Frauen konnten gynäkologisch behandelt, rund 800 Frauen aus 24 Städten und Dörfern langfristig psychosozial betreut, etwa 100 Frauen juristisch beraten und 90 Gerichtsverhandlungen begleitet werden. Vor allem habe die Arbeit des Beratungs- und Therapiezentrums dazu beigetragen, das Tabu zu lockern, das noch immer über dem Thema sexualisierte Gewalt liegt. „Vereinzelte Frauen haben sogar einen Weg aus ihrem Trauma gefunden und wieder Ziele vor Augen“, berichtet Hauser von ihrer letzten Reise in die Balkan-Provinz.
Nach offiziellen Angaben wurden allein zwischen 1998 und 1999 rund 15 000 Frauen und Mädchen vergewaltigt — laut Hauser sind es aber „weitaus mehr“. Ein weiteres Problem ist die katastrophale medizinische Versorgung. In den Kliniken ist die Hygiene mangelhaft, Ärzte werden gar nicht oder unterbezahlt, und Apotheken sind vom Schwarzmarkt beherrscht. Wer es sich leisten kann, geht in Privatpraxen. Schließlich, berichtet die Gynäkologin, führe die mangelhafte Sexualaufklärung – auch hinsichtlich der Hygiene – und Vorsorge dazu, dass immer mehr Frauen und Mädchen schwanger werden, an Geschlechtskrankheiten oder an Gebärmutterhalskrebs litten. „Ein Besuch beim Frauenarzt ist bislang nur bei einer Schwangerschaft oder Geburt hoffähig“, betont die Ärztin. Darüber hinaus mangele es auch den Männern an der nötigen Aufklärung, weil es keine Komplementärorganisationen zu Medica Kosova für Männer gibt. Um auch Frauen zu erreichen, die außerhalb von Gjakova leben oder deren Ehemänner einen Besuch des Beratungszentrums untersagen, unterhält das Therapie- und Beratungszentrum ein mobiles Krankenfahrzeug, in dem medizinische und psychologische Hilfe angeboten wird.
Obwohl Medica Kosova seit Anfang des Jahres selbstständig arbeitet, erhält es nach wie vor Spendengelder von medica mondiale. Hauser und ihre Kolleginnen führen zwar bereits Gespräche mit dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie dem Malteser Hilfsdienst. Meist würden Projekte wie Medica Kosova jedoch nur kurzfristig unterstützt, beklagt Hauser. Je länger Krieg oder Hungerkatastrophen vorbei seien, desto mehr gerieten sie in Vergessenheit. So gab es 1999 noch rund 300 internationale Hilfsorganisationen in Gjakova. Heute sind es nur noch zehn. Martina Merten
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige