ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2004Arztgeschichten: Lebensweg

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Arztgeschichten: Lebensweg

Wedig, Martin P.

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Seit dem Heft 41/2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig in jedem vierten Heft eine Arztgeschichte. Im Anschluss an die Veröffentlichung mehrerer literarischer Arztgeschichten begann das DÄ in Heft 3/2004 mit der Veröffentlichung von Beiträgen aus der Leserschaft.

Hedwig besuche ich jede Woche. Diesmal haben wir eine andere Verabredung. Wir kehren um 12:30 Uhr in einer Trattoria ein. Erst wenige Gäste sind so früh zum Mittagstisch gekommen. Hedwig begrüßt Bekannte wie Fremde gleichermaßen als altvertraute Freunde. Die neuen Wirtsleute sind etwas überrascht. Zeigen sonst Gäste, Damen zumal, Zurückhaltung, geht Hedwig auf die Menschen zu und sagt jedem, was sie von der Welt hält. So ist das Essen weitestgehend von ihrem Monolog unterlegt. Sie wählte für ihre neue AOK-Prothese grüne Nudeln, ich Rigatoni. Sie isst wenig, probiert eigentlich nur und erzählt die Mehrgenerationengeschichte dieses Lokals. Einen neu hinzukommenden Tischnachbarn zieht sie ins Gespräch, hinterfragt seine Bestellung und wendet die Aufmerksamkeit weiteren Nachbarn zu, nachdem der Werktätige, zu freundlichem Dialog genötigt, seine knappe Mittagspause mit besonders großen Happen von der Pizza eingehalten hatte.
Wir verabschieden uns artig und fahren zu unserem eigentlichen Ziel. Im Schatten parkt der Wagen, und der erste Wegabschnitt liegt in der brütenden Mittagshitze des Julis 2003. Bald schwenken wir auf einen überwachsenen Seitenweg, wo Hedwig leichter vorankommt. Ihr Schuhriemen rutscht auf dem unebenen Untergrund wiederholt von der Ferse des gelähmten Fußes. Sie hakt sich kräftig unter, nachdem ich das Riemchen enger gestellt habe, und führt mich zielstrebig weiter. Nach einem weiteren Schwenk haben wir ihr Ziel erreicht. „Das ist es. Hier werde ich liegen.“ Das Grab ist das dritte in der Reihe. Klein und sorgsam bepflanzt, ohne Gedenkstein. „Denn hier liegt noch keiner.“ Wir begutachten die Nachbargräber, darunter eines mit künstlerisch gestaltetem Gedenkstein, der mich an eine Tänzerin erinnert. So gehen wir zurück zum Wagen. Hedwig trällert verschiedene Lieder. „In einem kühlen Grunde/ da steht ein Lindenbaum, das wurde bei einer Bestattung gespielt, das möchte ich auch.“
Auf diesem großen Friedhof liegen einige meiner Patienten. Manchen begleitete ich auf dem letzten Weg. Mit Hedwig war das anders. Wir waren lustig, haben gut gegessen, und vielleicht wird es nicht so bald sein, dass sie ihr Ziel erreicht. Dr. med. Martin P. Wedig
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