Archiv47/2004Suizidforen im Internet: Nicht generell zu verurteilen

THEMEN DER ZEIT

Suizidforen im Internet: Nicht generell zu verurteilen

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Eine Studie an der Universität Köln hat die klinisch relevanten Auswirkungen von Diskussionsgruppen im Internet zum Thema „Suizid“ untersucht.

Spätestens nach dem ersten Medienbericht über das per Internet verabredete „Selbsttötungs-Rendezvous“ im Jahr 2000 zwischen dem 24-jährigen Norweger Daniel V. mit der Österreicherin Eva D., 17, das mit einem gemeinsamen Sprung von einer Felsenklippe endete, wurde ein neuer Problembereich des Internets diskutiert: so genannte Suizidforen, das heißt virtuelle Diskussionsplattformen, in denen sich vorrangig Menschen mit Suizidgedanken austauschen. Im deutschsprachigen Raum gibt es rund 30 solcher Foren. Zwar schätzen Experten das Potenzial des Internets zur Selbsthilfe bei verschiedenen Störungen und Problembereichen (Döring, 2000) und die Chancen zur Suizidprävention (Eichenberg, 2002 a; Eichenberg und Pennauer, 2003; Etzersdorfer, Fiedler und Witte, 2003) mittels dieses Mediums generell positiv ein. Doch ist die Beurteilung der Gefahren beziehungsweise des Nutzens von Suizid-Selbsthilfeforen sehr heterogen (zusammenfassend siehe Becker, El-Faddagh und Schmidt, 2004; Winkel, Groen, Waldmannn und Petermann, 2003).
Dabei beruhen die Beurteilungen fast ausschließlich auf theoretischen Überlegungen oder anekdotischen Berichten. Warnende Stimmen, die im extremen Fall staatliche Maßnahmen zur Schließung entsprechender Foren fordern, überwiegen. Die Gefährlichkeit wird unter anderem mit folgenden Argumenten begründet: „Suizidforen“ würden insbesondere junge und psychisch labile Menschen durch gegenseitiges Hineinsteigern und Imitation („Werther-Effekt“) und durch die Verbreitung von Suizidmethoden sowie Hinweise auf Beschaffungsmöglichkeiten von Suizidmitteln in den Tod treiben und seien damit mitunter Ursache für den Suizid. Die vorherrschende pathologische Kommunikation in diesen Foren könnte zu einer Schwellenerniedrigung führen in dem Sinne, dass Ambivalenzen abgebaut werden und Einstellungen zum Suizid und zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe durch Prozesse des Gruppendrucks verändert werden. Dem stehen relativierende Positionen gegenüber, die diesen Foren auch suizidpräventive Funktionen zuschreiben, weil sie durch die Enttabuisierung eines in der Gesellschaft stark stigmatisierten Themas eine entlastende Wirkung haben, ebenso wie durch den anonymen und unzensierten Austausch mit anderen Betroffenen und durch den erleichterten Zugang zu professioneller Unterstützung.
Beide Positionen sind spekulativ, denn sowohl einseitige Schädlichkeitszuschreibungen als auch beschwichtigende Haltungen beruhen auf ungeprüften Annahmen. Um die destruktiven oder konstruktiven Funktionen von „Suizidforen“ empirisch zu belegen, wurde in dem meistfrequentierten Forum im deutschsprachigen Internet – www.selbstmordforum.de – eine Online-Befragung durchgeführt, an der sich 164 Personen (je zur Hälfte weiblich und männlich) mit einer überwiegend adoleszenten Altersstruktur beteiligten. Ziel war die Klärung unter anderem folgender Fragen: Welche „suizidale Geschichte“ haben die Teilnehmer von „Suizidforen“? Welche Motive sind ausschlaggebend für die Teilnahme an solchen virtuellen Plattformen? Welche Inhalte dominieren die Forendiskussion? Welche Effekte sind zu erwarten?
Ausmaß der Suizidalität und Inanspruchnahme professioneller Hilfe
Um Informationen über die „suizidale Geschichte“ der Forumsteilnehmer zu erhalten, wurde nach dem Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens suizidaler Gedanken gefragt. Ergebnis: Die Gruppe der Teilnehmer, die erst seit relativ kurzer Zeit (weniger als einem Jahr) suizidale Gedanken erlebte, war mit 14 Prozent sehr klein. Dagegen bestanden diese Gedanken bei mehr als einem Drittel der Befragten schon länger als fünf Jahre. Über die Hälfte der Nutzer hatte mindestens einen Suizidversuch unternommen (55 Prozent); 19 Prozent gaben an, zwei- bis dreimal versucht zu haben, sich das Leben zu nehmen. Noch häufigere Suizidversuche wurden selten berichtet.
Gegenüber der überwiegend stark ausgeprägten suizidalen Belastung der Stichprobe zeigte sich eine geringe Inanspruchnahme professioneller Hilfsangebote: Nur knapp 40 Prozent der Befragten gaben an, jemals wegen der Suizidgedanken in ärztlicher/psychotherapeutischer Behandlung gewesen zu sein; 23 Prozent befanden sich zum Befragungszeitpunkt in Behandlung, 14 Prozenten hatten vor, sich therapeutische Hilfe zu suchen, der überwiegende Teil lehnte diese Form der Hilfe für sich jedoch ab (63 Prozent).
Gründe für die Nutzung
Um die Motive der User zur Teilnahme am Selbstmordforum.de zu erfassen, wurden mögliche Gründe vorgegeben, die die Befragungspersonen nach dem Grad des Zutreffens für sich einschätzten. Als wichtigster Grund wurde genannt: „um Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken kennen zu lernen“. 81 Prozent gaben an, dass dieser Grund teilweise bis vollkommen für sie zutrifft. Daneben war das Motiv wichtig, „um meine Probleme, die hinter meinen Selbstmordgedanken stehen, mitteilen zu können“. Nicht zutreffend war hingegen das Motiv, „um Informationen zu bekommen, wie ich professionelle Hilfe finde“ – für 77 Prozent der Befragten traf dieser Grund wenig oder gar nicht zu. Dies deckt sich mit den Befunden zum generell kaum ausgeprägten Bedürfnis, fachliche Unterstützung zu suchen. Auch das Motiv, „um jemanden zu finden, der sich mit mir zusammen umbringt“, traf für 81 Prozent der Befragten wenig oder gar nicht zu. Problematisch ist allerdings zu bewerten, dass 35 Prozent der Nutzer es als teilweise bis vollkommen zutreffend bezeichneten, das Forum aufzusuchen, „um Hinweise zu effektiven Selbstmordmethoden zu bekommen“.
Weiterhin wurde nach den Motiven gefragt, eigene Beiträge ins Forum einzubringen, denn grundsätzlich ist es möglich, aktiver oder passiver (ausschließliches Mitlesen der Beiträge anderer) Teilnehmer zu sein. Rund ein Drittel (34 Prozent) der Befragten gab an, ausschließlich passiver Nutzer zu sein. Die Gründe, eigene Beiträge im Forum zu schreiben, decken sich grundsätzlich mit den Motiven, das Selbstmordforum.de zu besuchen. Der wichtigste Grund für die aktive Teilnahme war die Antwort: „um meine Probleme mitzuteilen“. Für 79 Prozent der Befragten traf dieser Anlass teilweise bis vollkommen zu. Daneben waren noch die Gründe ausschlaggebend: „um Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken in Kontakt zu kommen“ und „um anderen zu helfen“. Nicht wichtig war das Motiv, „um jemanden zu finden, der sich mit mir zusammen umbringt“, denn für 84 Prozent der Befragten traf dieser Beweggrund wenig oder gar nicht zu.
Befragt man die Nutzer zu den Inhalten ihrer eigenen Postings (Diskussionsbeiträge), so wird – analog zu den Motiven, im Forum aktiv zu posten – deutlich, dass die Beiträge vor allem darin bestanden, die eigenen Hintergründe/Anlässe für die suizidalen Gedanken zu beschreiben und auf andere und deren Probleme, die zu den Suizidgedanken geführt haben, einzugehen. Die Aussage, „ich beschreibe die Probleme, die zu meinen Selbstmordgedanken führten“, traf für 74 Prozent der Befragten teilweise bis vollkommen zu. Für 68 Prozent traf „Ich gehe auf die Selbstmordgedanken anderer ein“ teilweise bis vollkommen zu.
Die Auskünfte dazu, wie häufig die User welche Arten von Reaktionen auf die eigenen Postings erhielten und in welchem Ausmaß ihnen die verschiedenen Formen von Feedback halfen, ergaben, dass die Reaktionen der Community eher unterstützend und konstruktiv waren. Entsprechend wurden auch verständige und tröstende Antworten/Reaktionen, ebenso wie Ablenkung und Aufheiterung als am meisten hilfreich empfunden. Antworten, die Suizidwünsche bestärken und forcieren, kamen so gut wie nie vor und wurden als überhaupt nicht hilfreich erlebt.
Effekte der Nutzung
Die Befragungsteilnehmer wurden gebeten, das Ausmaß ihrer Suizidgedanken unmittelbar vor dem ersten Besuch des Selbstmordforum.de und zum Erhebungszeitpunkt auf einer siebenstufigen Ratingskala einzuschätzen (0 = gar keine Suizidgedanken bis 6 = sehr starke Suizidgedanken). Es zeigte sich eine signifikante Verringerung des Ausmaßes der Suizidgedanken von 4,32 (SD = 1,55) vom Zeitpunkt „vor der Nutzung“ des „Suizidforums“ auf 3,08 (SD = 1,90) zum Zeitpunkt der Erhebung mit einer Effektstärke von d = 0,72 (t (144)= 9,2; p < .05). Zwar kann vom Rückgang der Suizidgedanken nicht kausal auf einen Einfluss durch die Teilnahme am Selbsthilfeforum geschlossen werden. Der Befund legt aber die Überprüfung einer solchen Vermutung nahe.
Befragt man die Nutzer, wie sie den Einfluss der Forumsteilnahme auf die Veränderung ihrer Suizidgedanken einschätzen, so gab der überwiegende Anteil (62 Prozent) an, dass sie die Veränderungen nicht auf das Forum zurückführen. Bei denjenigen, die eine Veränderung ihrer suizidalen Problematik im Zusammenhang mit der Partizipation am Selbstmordforum.de sahen, berichteten jedoch 30 Prozent eine Abnahme und lediglich acht Prozent eine tendenzielle Zunahme. Ob das Selbstmordforum.de generell zur Überwindung von Suizidgedanken hilfreich sein kann, schätzte ein gutes Drittel (34 Prozent) der Stichprobe optimistisch ein, die größte Gruppe, 55 Prozent, war sich unsicher („vielleicht“), und lediglich elf Prozent schrieben dem Forum ein solches Potenzial nicht zu.
Um auf mögliche Imitationseffekte schließen zu können, wurden die Teilnehmer nach ihren Erfahrungen mit der Suizidierung von Forumsteilnehmern befragt. Der größte Teil (72 Prozent) hatte in der gesamten Zeit der Nutzung von Suizidforen nicht erlebt, dass sich ein Teilnehmer suizidiert hat. Von denjenigen mit solchen Erfahrungen (28 Prozent) gaben 34 Personen an, dass sie im Durchschnitt von 2,1 (SD = 2,0) Menschen wussten, die sie aus dem Selbstmordforum.de kannten und die sich das Leben genommen haben. 15 User berichteten von 1,8 (SD = 1,3) suizidierten Personen, die sie aus einem anderen „Suizidforum“ kannten.
Fazit
Auch wenn die Daten dieser Studie keinen repräsentativen Schluss auf die gesamte Kultur der „suizidalen Szene“ im Internet zulassen, können sie einige in der Öffentlichkeit und teilweise auch in Fachkreisen vorherrschende Gefahrenzuschreibungen entdramatisieren. Die Befunde können Annahmen relativieren, das stärkste Motiv zum Aufsuchen von „Suizidforen“ sei der Wunsch, Hilfe und Unterstützung bei der Umsetzung des Suizids zu bekommen, was sich in vorherrschenden Diskussionen über Suizidmethoden und der gegenseitigen Animation zum „Mitsterben“ manifestieren solle.
Die Studie konnte verschiedene Nutzertypen identifizieren. Die größte Gruppe der User sucht und erfährt konstruktive Hilfe in einer als ausweglos empfundenen Situation durch Kommunikation mit Menschen, von denen sie sich verstanden fühlt. Zwar ließ sich eine Subgruppe von Nutzern ausmachen, die eine hohe Motivation hat, Methoden und Partner zum Vollzug des Suizids zu finden. Diese ist jedoch anteilig sehr klein. Außerdem sucht sie gleichzeitig auch nach produktiver Unterstützung. Dieser Nutzertyp zeigt ein vergleichsweise erhöhtes Ausmaß an Suizidalität, was die Intensität des – oberflächlich betrachtet – „destruktiven“ Kommunikationsanliegens erklären könnte. Diskussionen über Suizidmethoden lassen sich jedoch nicht pauschal als dysfunktional bezeichnen, da sie auch die Funktion haben können, den suizidalen Handlungsdruck abzubauen (vgl. Fiedler, 2003).
Die Ergebnisse unterstützen die Haltung, „Suizidforen“ im Internet nicht pauschal zu skandalisieren, wie dies von manchen Autoren (zum Beispiel Prass, 2002) gewünscht wird.
Hinzu kommt: Die bestehenden Foren unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung untereinander (vgl. Eichenberg, 2002 b). Daher würde eine globale negative Bewertung den differenzierten Blick auf das tatsächliche, gegebenenfalls forumsspezifische Geschehen verhindern. Darüber hinaus konnten im untersuchten Forum weder die Inhalte noch die Motive der Teilnehmer und die resultierenden Effekte als destruktiv eingestuft werden. Eine Dämonisierung dieser Kommunikationsplattformen entbehrt deshalb der empirischen Grundlage. Vielmehr könnte sie zu bedenklichen Maßnahmen führen, die auch die konstruktiven, suizidpräventiven und möglicherweise sogar kurativen Funktionen der Foren vernichten würden. Die Annahme einer per se missbräuchlichen und destruktiven Nutzung der Foren hat sich nicht bestätigt. Auch epidemiologische Daten bieten derzeit keinen Anhaltspunkt für die Vermutung, dass durch Verbreitung und Nutzung des Internets in Deutschland ein Anstieg der Suizidrate zu verzeichnen wäre (Fiedler und Lindner, 2002). Die klinische Aufmerksamkeit sollte sich daher vor allem auf Möglichkeiten richten, die Selbsthilfeaktivität suizidaler Internetnutzer mit professioneller Online- und Offline-Hilfe zu vernetzen, um die suizidpräventiven Möglichkeiten des Mediums effektiv auszuschöpfen. Christiane Eichenberg

Anschrift der Verfasserin:
Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg
Institut für Klinische Psychologie & Psychotherapie
Universität zu Köln
Höninger Weg 115
50969 Köln
E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de
Internet: www.christianeeichenberg.de

Literatur
Becker K, El-Faddagh M, Schmidt MH (2004): Cybersuizid oder Werther-Effekt online: Suizidchatrooms und -foren im Internet. Kindheit und Entwicklung, 13, 14–25.
Döring N (2000): Selbsthilfe, Beratung und Therapie im Internet. In: Batinic B (Hrsg.): Internet für Psychologen, 2., überarb. u. erw. Aufl., Göttingen: Hogrefe, 509–548.
Eichenberg C (2002 a): Internet-Recherche: Suizidprophylaxe. Dtsch Arztebl, 23/2002,18–19 [SUPPLEMENT: PraxisComputer].
Eichenberg C (2002 b): Suizidalität im Internet. Telepolis, 3. 11. 2002. [online]. Available: www.heise.de/tp/ deutsch/inhalt/te/13541/1.html.
Eichenberg C, Pennauer J (2003): Krisenintervention im und via Internet: Angebote und Möglichkeiten. Psychotherapie im Dialog, 4, 411–415.
Etzersdorfer E, Fiedler G, Witte M (Hrsg.) (2003): Neue Medien und Suizidalität. Gefahren und Interventionsmöglichkeiten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Fiedler G (2003): Suizidalität und neue Medien. Gefahren und Möglichkeiten. In: Etzersdorfer E, Fiedler G, Witte M (Hrsg.): Neue Medien und Suizidalität. Gefahren und Interventionsmöglichkeiten. Göttingen: Vandenhoeck & Ru-
precht, 19–55.
Fiedler G, Lindner R (2002): Leserbrief. Eine Stellungnahme zu dem Beitrag von Thomas Bronisch: Suizid-Foren im
Internet – Eine Stellungnahme zu Georg Fiedler und Reinhard Lindner. Suizidprophylaxe, 29, 4, 155–156.
Prass S (2002): Suizid-Foren im World Wide Web. Eine neue Kulturgefahr. Jena: IKS Garamond.
Winkel S, Groen G, Waldmannn H-C, Petermann F (2003): Suizidforen im Internet. Bedeutung einer virtuellen Lebenswelt aus Sicht der Nutzer. Medien + Erziehung Merz. Zeitschrift für Medienpädagogik, 5, 115–124.
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