ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2004Gründung einer Gemeinschaftspraxis: Ehrlichkeit, Vertrauen und Fairness gefragt

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Gründung einer Gemeinschaftspraxis: Ehrlichkeit, Vertrauen und Fairness gefragt

Letter, Karin; Letter, Michael

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Fotos: Peter Wirtz
Fotos: Peter Wirtz
Wenn sich Ärzte entschließen, gemeinsam eine Praxis zu gründen, ergeben sich Chancen – und Risiken. Wesentliche Chancen sind höhere Fachkompetenz, Möglichkeit einer individuelleren Arbeitseinteilung sowie wirtschaftliche Vorteile. Abstimmungsprobleme zwischen den Partnern können das Projekt „Gemeinschaftspraxis“ hingegen gefährden.
Konflikte entstehen durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Ärzte, aber auch durch abweichende Leistungsprofile hinsichtlich Arbeitseinsatz und Fachkompetenz sowie Auseinandersetzungen über die Leistungshonorierung und Zielsetzungen. Der eine Arzt tendiert zur 35-Stunden-Woche, der andere zum 12-Stunden-Tag. Der eine setzt bei der Mitarbeiterführung auf Eigenverantwortung, der Kollege bevorzugt den autoritären Führungsstil. Streit über die Honorarverteilung gibt es häufig dann, wenn der eine mehr Kapital investiert hat als der andere. Hier bietet sich ein Verteilungsschlüssel an, nach dem das Honorar sich zu je einem Drittel nach der Leistung, dem investierten Kapital und der Arbeitszeit berechnet.
Diese Herausforderungen lassen sich jedoch bewältigen, wenn Ehrlichkeit, Vertrauen und Fairness Basis der Zusammenarbeit sind und die Kollegen sich bei aller Unterschiedlichkeit Wertschätzung und Respekt entgegenbringen. Dies zeigt das Beispiel der „Praxisklinik Esslingen“, in der inzwischen fünf Augenärzte tätig sind. Priv.-Doz. Dr. med. Josef Weindler gehört bereits seit einigen Jahren zum Team, in das immer wieder neue Partner integriert worden, aus dem aber auch schon Partner ausgeschieden sind. Er sagt: „Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist ein kollegiales und partnerschaftliches Verhältnis. Man muss sich gegenseitig schätzen und bei strittigen Auseinandersetzungen den Willen zur Einigung mitbringen.“
Eine Gemeinschaftspraxis scheitert meist nicht wegen wirtschaftlicher oder fachlicher Unzulänglichkeiten, sondern wegen persönlicher Egoismen und Eitelkeiten – etwa wenn der eine Arzt versucht, die Partner zu dominieren. Die Chemie zwischen den Partnern muss stimmen. Heißt das, das alle Gründer gleich ausgerichtet sein sollten? Nein, im Gegenteil: Weindler hat die Erfahrung gemacht, dass Persönlichkeits- und Mentalitätsunterschiede der positiven Entwicklung der Praxis eher förderlich sind – nämlich dann, wenn sie zur Ausweitung des Leistungsspektrums genutzt werden. Es kann beispielsweise von Vorteil sein, wenn der eine Arzt wegen seiner Persönlichkeitsstruktur zu einigen Mitarbeitern einen guten Draht hat, während der Kollege mit den anderen Mitarbeitern gut zurechtkommt.
Inwiefern die Gründer in der Lage sind, einander zu respektieren, sollte sich allerdings nicht erst nach der Praxisgründung herausstellen. „Man muss von Anfang an ehrlich zueinander sein und sich bemühen, strittige Punkte so früh wie möglich zu klären“, betont Augenarzt Weidler. Wichtig sei zudem eine klar umrissene Abgrenzung der Verantwortlichkeiten.
Wie aber finden die Mitglieder der Gemeinschaftspraxis möglichst früh heraus, ob sie „miteinander können“? Es sollten intensive Gespräche geführt werden, in die neben der fachlich-medizinischen Diskussion die Klärung der Beziehungsebene gehört. So bietet es sich an, dass die Ärzte vor der Gründung thematisieren, welche Praxisphilosophie sie verfolgen, welche Ziele sie mit der Gemeinschaftspraxis verbinden und welche Strategie sie verfolgen wollen, um diese Ziele zu erreichen. Gegebenenfalls kann dieser Prozess von einem externen und unabhängigen Berater begleitet werden, der mit dem Blick von außen manchmal eher in der Lage ist, potenzielle Konfliktherde zu antizipieren.
Die Ärzte können Spielregeln für den Umgang miteinander aufstellen und Regeln formulieren, wie man sich in einem Konfliktfall verhalten sollte. Konflikte werden dabei nicht als etwas Negatives betrachtet, sondern als Hinweis darauf, dass das Verhältnis zwischen den Ärzten neu geordnet werden muss. Wenn die Ärzte mit dem Konflikt offen umgehen und ihn als Chance zur Neuordnung ihrer Beziehung definieren, kann er sogar produktiv wirken. „Wir treffen uns einmal in der Woche zum informellen Austausch“, berichtet Josef Weindler, „und besprechen Probleme, zumeist fachlicher Natur, manchmal private. Hier formulieren wir unsere Ziele für die Zukunft. Wir diskutieren, welche neue Leistungen wir anbieten wollen, welche neue Technik angeschafft werden soll, treffen wichtige Entscheidungen.“
Karin und Michael Letter
E-Mail: info@5medical-management.de
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