ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2004Diplom-Mediziner: Kritisierte Kritik

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Diplom-Mediziner: Kritisierte Kritik

Dtsch Arztebl 2004; 101(48): A-3244 / B-2747 / C-2605

Merten, Martina

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LNSLNS Der Artikel „35 Jahre Entwürdigung ostdeutscher Ärzte“
(DÄ, Heft 36/2004) von Dr. med. Lothar Markus hat unterschiedliche Reaktionen unter DÄ-Lesern hervorgerufen. Ein Querschnitt

Wie weit die Meinungen der Leserschaft über einen Artikel auseinander gehen können, zeigt sich an einem Beitrag von Dr. med. Lothar Markus. Während Markus mit seiner kritischen Betrachtung des akademischen Grades „Dipl.-Med.“ – von ihm als „Fossil aus DDR-Zeiten“ beschrieben – einigen Ärztinnen und Ärzten aus der Seele sprach, kritisierten andere Leserinnen und Leser seine Forderungen. Manche äußerten sich sogar abfallend über die Einschätzungen und Forderungen des Autors.
Aufwertung des Titels sinnvoll
Uneingeschränkt stimmt Dipl.-Med. Gudrun von der Ohe dem Autor zu: „Endlich mal jemand, der sich dieses Themas annimmt“, lobt von der Ohe. Sie habe ihren Titel nach der Wiedervereinigung weggelassen, weil keiner damit etwas anzufangen wusste. Dabei „waren Diplomarbeiten in der Medizin den Promotionsarbeiten im Westteil Deutschlands ebenbürtig“, so die Ärztin. Daher halte sie es für durchaus sinnvoll, „den Titel Diplom-Mediziner zu prüfen und gegebenenfalls aufzuwerten“. Ebenso überzeugt von Markus und seinen Folgerungen zeigt sich Dr. med. Jürgen Keller. „Wenn das Diplom“ – was der Arzt für Allgemeinmedizin und Chirurgie zuvor nicht wusste – „eine selbstständige Arbeit enthielt, die im Schnitt der Promotion im Westen entsprach, sollte der Umschreibung zum Dr. med. nichts im Wege stehen“, findet Keller. Auch „wenn ein guter Arzt kein Dr. med. sein muss“, fügt er hinzu. Angetan von dem Artikel des Autors, wenngleich skeptisch gegenüber einer „fairen Anerkennunng des Titels“, ist auch Dipl.-Med. Jens Jacobeit. Wie von der Ohe traf auch Jacobeit häufig auf Personen, die den Titel Dipl.-Med. nicht kannten. Die Minderwertschätzung dieses akademischen Grades sei sogar so weit gegangen, dass Oberarztstellen selbst im Osten nur für promovierte Ärzte ausgeschrieben worden seien.
„Etwas mehr Gelassenheit“, fordert hingegen Dr. med. Klaus Penndorf. „[. . .] dass der Dipl.-Med. sie als Ossi-Arzt ausweist, ist doch keine Entwürdigung“, meint der Arzt. Darüber hinaus habe er nicht verstanden, worin die von Markus beschriebene Entwürdigung ostdeutscher Ärzte bestehen solle. „Das Entscheidende ist doch, ob mit oder ohne Titel, dass alle Ärzte und zur Ausübung der Heilkunde am Menschen staatlich zugelassen sind.“ Ähnlich sieht dies MR Dr. med. G. Hartung. Nach seiner Meinung waren und sind auch die Diplom-Mediziner selbstverständlich richtige Ärzte. Dies zu hinterfragen sei entwürdigend: „Nicht nur der Schein hat sie zu Chef- und Oberärzten werden lassen, sondern ihre Leistung und ihre Kompetenz bei der medizinischen Betreuung. Und dies noch nach 1990.“
Differenzierter betrachtet auch Dr. med. Ralph Müller den Artikel. Es sei zwar „völlig richtig“, dass die DDR-Diplomarbeiten in Umfang und Wertigkeit mit den üblichen Promotionen vergleichbar gewesen seien. Es stelle sich aber andererseits die Frage, was mit jenen ostdeutschen Ärzten geschehen solle, die sich der Doppelbelastung gestellt und zusätzlich zur Diplomarbeit die nicht unbedingt erforderliche Promotion erstellt hätten, wendet der praktische Arzt ein. „Wenn Sie dies im Nachhinein mit dem Titel des Dr. med. würdigen wollen, wäre das in meinen Augen eine Ungerechtigkeit gegenüber allen promovierten Ärzten, die mit hohem persönlichen Einsatz mehr oder weniger freiwillig die Arbeit für eine Promotion auf sich genommen haben.“ „Oder“, fragt Müller forsch, „wollen Sie diesen Ärzten zugestehen, dass ihre Promotion im gleichen Zug als Habilitation anerkannt wird?“ Ähnlich ist die Kritik von Dr. med. Dipl.-Med. Christine Pirschel: „[. . .] werde ich, wenn ein wissenschaftliches Gremium zu dem Ergebnis kommt, dass die Diplomarbeit durchaus den formalen und inhaltlichen Ansprüchen einer Promotionsarbeit der damaligen BRD entspricht, zum
Dr. med. Dr. med.?“ Zudem hält Pirschel es wie Penndorf für fragwürdig, von Entwürdigung ostdeutscher Ärzte zu sprechen, wenn ostdeutsche Ärzte im Gegensatz zu ihren westdeutschen Kollegen auf einen Diplomstudiengang verweisen können.
Nicht „jeden Piesel zum Doktor machen“
Dr. med. Thomas-M. Unger geht in seiner Kritik noch einen Schritt weiter: Er wirft dem Autor vor, er erweise seinem Anliegen, den Diplom-Mediziner unisono zum Dr. med. zu befördern, einen „Bärendienst“, wenn er die Promotionsarbeiten der Kolleginnen und Kollegen pauschal als minderwertig deklassiere oder die Erlangung derselben als Dank der Gesellschaft an die Ärzteschaft hinstelle. Zudem sei „die Promotion auch nicht unbedingt eine gesellschaftliche Statusfrage, eine wachsende Zahl von Medizinern [komme] ohne diese aus und [leiste] trotzdem hervorragende Arbeit am Patienten“, schreibt Unger. In diesem Punkt ist Dr. med. Dr. med. dent. Joachim Leineweber entschieden anderer Meinung. So passt dem Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zufolge der Wunsch des Autors nach einer Angleichung der Medizinerabschlüsse zur „psychosozialen Grundeinstellung dieser Gesellschaft“. Diese mache „jeden Piesel zum Doktor“, und der Unpromovierte lasse sich ohne den Titel von seiner Klientel mit Titel anreden. „Aber“, fügt Leineweber hinzu, „an den grundsätzlichen Parametern einer lege artis durchgestandenen Dissertation ändert das glücklicherweise nichts.“ Martina Merten
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