ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2004Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Im Dienste der DDR-Staatssicherheit

THEMEN DER ZEIT

Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Im Dienste der DDR-Staatssicherheit

Dtsch Arztebl 2004; 101(48): A-3245 / B-2748 / C-2606

Weil, Francesca

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Mit diesem Beitrag startet das Deutsche Ärzteblatt eine Artikelreihe, in der in loser Folge über Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichtet wird. Der erste Beitrag ordnet die IMTätigkeit in das Gefüge der DDR-Staatssicherheit ein und beschreibt Anforderungen und Erwartungen an den IM. Der Folgebeitrag behandelt die Inhalte der IM-Tätigkeit, geht auf die Motive der IM ein und befasst sich mit Problemen der IM-„Aussteiger“.
Mit diesem Beitrag startet das Deutsche Ärzteblatt eine Artikelreihe, in der in loser Folge über Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichtet wird. Der erste Beitrag ordnet die IMTätigkeit in das Gefüge der DDR-Staatssicherheit ein und beschreibt Anforderungen und Erwartungen an den IM. Der Folgebeitrag behandelt die Inhalte der IM-Tätigkeit, geht auf die Motive der IM ein und befasst sich mit Problemen der IM-„Aussteiger“.
Spätestens seit den 80er-Jahren war in jeder größeren
Einrichtung des DDR-Gesundheitswesens ein inoffizieller
Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit tätig.
Man kann davon ausgehen, dass sich mehr als drei Prozent der Ärzte als IM verpflichtet hatten.
Francesca Weil

Aus ihrem gesellschaftlichen Legitimierungszwang heraus maß die SED dem Gesundheitswesen der DDR und damit der Tätigkeit von Ärzten einen hohen politischen Stellenwert bei. Mit der Entwicklung eines ver-
staatlichten Gesundheitswesens ging deshalb der Versuch der Par-
teiführung einher, die Mediziner ihrem Herrschaftsanspruch weitgehend unterzuordnen. Dennoch stand ein großer Teil dieser bildungsbürgerlich geprägten Berufsgruppe mit tradiertem „Standesbewusstsein“ den Anforderungen der SED an eine sozialistische Ärzteschaft überaus kritisch und sogar ablehnend gegenüber.
Noch zu Beginn der 70er-Jahre offenbarten Mediziner angeblich „im Denken und Handeln Übereinstimmung mit den Argumenten des Gegners“ – so das Ergebnis einer Analyse des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf der Grundlage von Meinungsäußerungen beziehungsweise Handlungsweisen ausgewählter, nicht anpassungsbereiter sowie ausreisewilliger und deshalb unter Beobachtung stehender Ärzte und Ärztinnen. Von MfS-Kadern durchgeführte Untersuchungen zur so genannten medizinischen Intelligenz weisen wiederholt auf die politische Abstinenz eines verstaatlichten Berufsstandes hin, der seine ethischen Maßstäbe nicht von den Auffassungen der Partei ableite. Hervorgehoben wird die verbreitete Unlust, sich fachfremden Funktionären unterzuordnen, auf „die Zählebigkeit bürgerlicher politischer, ideologischer, ökonomischer, kultureller und moralisch-ethischer Auffassungen, Gewohnheiten und Vorstellungen“ sowie auf „hochgespielte Humanitätsgedanken“.* Die vielfach vorhandenen schwierigen Arbeitsbedingungen der Ärzte in den Polikliniken und ihre Überlastung durch unbesetzte Planstellen in Krankenhäusern wurden als begünstigende Bedingungen für „feindlich-negative Einflüsse“ angesehen. Engpässe bei Medikamenten wirkten sich laut MfS besonders dort negativ aus, wo kirchliche Einrichtungen und Patienten ihre Beziehungen in die BRD nutzten und sich notwendige Präparate schicken ließen.
Zwar blieb die große Mehrheit der Mediziner trotz der Nichtakzeptanz ihres besonderen Status und der zunehmend komplizierten Arbeitsbedingungen in der DDR; doch viele Tausende Ärzte flohen mit ihren Familien oder reisten aus. Daraus schlussfolgerte das MfS, dass der „Gegner“ unter „den Bedingungen der verschärften Klassenauseinandersetzungen zwischen Sozialismus und Imperialismus auf dem Gebiet der Ideologie“ seine Bestrebungen besonders im Bereich Gesundheitswesen verstärke, „ideologische Zersetzungsarbeit“ leiste und andere „feindliche Aktivitäten“ entwickle. Dabei würden „die Versuche der Abwerbung und Ausschleusung sowie des ungesetzlichen Grenzübertritts von Angehörigen der medizinischen Intelligenz einen Schwerpunkt der Feindangriffe“ darstellen. Derartige „Attacken“ machten nach Ansicht der Staatssicherheit etwa 70 Prozent aller „feindlichen Angriffe gegen diesen Bereich“ aus, wodurch „zeitweise erhebliche ideelle und materielle Schäden für die sozialistische Entwicklung [des] Gesundheitswesens“ entstanden seien. In der ersten Hälfte der 70er-Jahre habe diese Tendenz „eine bedeutende Gesellschaftsgefährlichkeit“ erreicht und hohen Schaden angerichtet.
Da das MfS dieser Entwicklung entgegenwirken wollte und die Ursachen dafür ausschließlich in der bürgerlichen Haltung vieler Ärzte sowie in den
Abwerbungsversuchen durch bundesrepublikanische Institutionen sah, begann es bereits in den 50er-Jahren mit der Platzierung einzelner inoffizieller Mitarbeiter. Seit Anfang der 70er-Jahre wurde sukzessive ein IM-Netz innerhalb der Ärzteschaft aufgebaut. 1989 lag der Anteil der inoffiziellen Mitarbeiter unter den Beschäftigten des Gesundheitswesens bei ein bis zwei Prozent und unter den Ärzten zwischen drei und fünf Prozent (8). Damit war der Anteil höher als in der Gesamtbevölkerung, was allerdings nicht auf die ideologische Anfälligkeit des Ärzteberufes hinwies, sondern vielmehr bestätigte, „dass Partei und Staat diesen sensiblen Bereich immer mit Argusaugen betrachteten“ (1).
Anforderungen an ärztliche IM
Wenn sie auch nur als „bloße Erfüllungsgehilfen der tatsächlichen Machtträger“ des SED-Regimes galten, so waren die inoffiziellen Mitarbeiter des MfS dennoch für das Funktionieren des politischen Systems und für den Machterhalt der Partei unverzichtbar. Nicht umsonst bezeichnete sie der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, als „Hauptwaffe der Staatssicherheit“ (2). Unter IM versteht man generell Personen, die mit dem Staatssicherheitsdienst eine Vereinbarung getroffen hatten, konspirativ für ihn zu arbeiten. Zu ihren Aufgaben zählte das Sammeln von Informationen, die Unterstützung bei der „Feindbekämpfung“, die Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen und logistische Hilfestellungen. Damit stellten die IM die eigentliche „geheime Verbindung zwischen der Staatssicherheit und der Gesellschaft“ dar (3). Im Hinblick auf „die inoffizielle Bearbeitung operativ relevanter Kontakte im Bereich der medizinischen Intelligenz“ verlangte das MfS prinzipiell von jedem hauptamtlichen Mitarbeiter zu beachten, dass es sich hier um „eine besondere Personenkategorie“ handele. Die wesentlich eigene Personen- und Berufsstruktur der Ärzte verlangte nach Ansicht der Staatssicherheit im Vorgehen auch „ein spezifisches Herangehen hinsichtlich der Auswahl und des Einsatzes inoffizieller Kräfte“.
Erich Mielke: Die Dienstanweisung im Juli 1959 gilt als Beginn der systematischen Überwachung des Gesundheitswesens. Fotos (2): dpa
Erich Mielke: Die Dienstanweisung im Juli 1959 gilt als Beginn der systematischen Überwachung des Gesundheitswesens. Fotos (2): dpa
Mit dem Blick auf das tradierte Standesbewusstsein der Ärzte wurden die hauptamtlichen Mitarbeiter in den 70er-Jahren angehalten, folgende allgemeine Grundsätze zu beachten: Der innerhalb der Ärzteschaft zum Einsatz kommende IM sollte über einen Hochschulabschluss verfügen, ein interessantes Hobby haben, in seiner Ausdrucksweise gewandt sein, bürgerliche Umgangsformen pflegen und möglichst als politisch indifferent, das heißt als Mitläufer und nicht als aktiver Genosse bekannt sein. Zudem waren Besitz von Geld, PKW sowie eine gut eingerichtete Wohnung wesentlich für die Auswahl.
Gefragt war nun Loyalität
Dagegen traten in den 80er-Jahren die Anforderungen an einen IM mit dem typischen Charakter eines bildungsbürgerlichen Intellektuellen hinter politisch-ideologische Ansprüche zurück. Einerseits hatte sich aufgrund des Generationswechsels die berufliche wie soziale Identifikation des medizinischen Berufsstandes zumindest teilweise verändert, andererseits ließ sich das MfS zunehmend von eigenen Erfahrungen im Umgang mit IM-Ärzten leiten. Deshalb hielt die Staatssicherheit der DDR im letzten Jahrzehnt ihrer Existenz die politisch-ideologische Einstellung der IM-Kandidaten und deren dahin gehende Schulungsfähigkeit für das entscheidende Auswahlkriterium. Von einem avisierten Kandidaten wurde verlangt, dass er mittleren Alters, (möglichst mit einer Ärztin) verheiratet, physisch und psychisch außerordentlich belastbar war und Fähigkeiten zum selbstständigen, taktisch richtigen Verhalten aufwies. Er sollte zwar nicht Mitglied der SED sein, aber einem Leitungsgremium angehören, über eine abgeschlossene, nach Möglichkeit spezialisierte Fachausbildung verfügen, die ihn befähigte, zu allen Einrichtungen des Gesundheitswesens und damit zu allen Ärzten im Umkreis Kontakt aufzunehmen. Umfassende Lebens- und Arbeitserfahrungen sollten ihn in die Lage versetzen, über die fachliche Arbeit Kontakte zu anderen Ärzten herzustellen.
Noch bedeutungsvoller erschien den zuständigen MfS-Offizieren, dass der IM-Kandidat eine loyale bis positive politisch-ideologische Grundeinstellung zur DDR einnahm. Er müsste zudem „die Notwendigkeit der konspirativen Arbeit aus dem vorhandenen beziehungsweise zu schaffenden aufgabenbezogenen Feindbild ableiten“ können.
Gegen moralische Bedenken
Die Bereitschaft zur Überwindung moralischer Bedenken, die im Verlauf der Zusammenarbeit auftreten konnten, wollten die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit von Beginn der Zusammenarbeit an durch gezielte politische Gespräche ausräumen. Im Mittelpunkt dieser Aussprachen sollten „die Gefährlichkeit des Imperialismus, seine Skrupellosigkeit, sein Kampf um die Aufrechterhaltung der Macht und Einflusssphäre“ stehen.
Die bisher durchgeführten Archivrecherchen zeigen, dass Ärzte der Fachrichtungen Psychiatrie/Neurologie, Chirurgie, Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Sportmedizin unter den IM zahlenmäßig stark vertreten waren. Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze: So erwartete das MfS von den in der Psychiatrie tätigen Ärzten überwiegend Informationen über politisch relevante Patienten, suchte aber auch Auskünfte über die allgemeine Situation und das medizinische Personal in den Kliniken zu erhalten. Diese konnten vor allem auch Chirurgen, Internisten und Allgemeinmediziner liefern, die in Krankenhäusern Schlüsselstellungen einnahmen. Dagegen ging es bei den Sportmedizinern in erster Linie um Berichte über DDR-Leistungssportler und Reisen in das so genannte nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) und damit um die Bespitzelung von Sportlern und Sportfunktionären anderer Staaten. Diese inoffiziellen Mitarbeiter sollten auch Kaderanalysen, Personeneinschätzungen und Situationsberichte anfertigen, um den jeweiligen sportmedizinischen Bereich zu kontrollieren und die dort tätigen Mitarbeiter „aufzuklären“.
Bei der Anwerbung des Sportmediziners mit Decknamen „Achim“ spielte es zum Beispiel mit Blick auf den personellen Anforderungskatalog eine große Rolle, dass er über ein hohes Allgemeinwissen verfügte, spezielle Fähigkeiten als Arzt und Wissenschaftler aufwies und charakterliche Eigenschaften wie Offenheit, Ehrlichkeit und Kritikfähigkeit besaß, die einer Eignung als inoffizieller Mitarbeiter zur weiteren Qualifizierung der Arbeit „auf dem Gebiet der inneren und äußeren Abwehr“ sowie „der Aufklärung im Bereich der Leistungssportforschung“ nicht entgegenstanden.
Unterschiedliche Kategorien
Die inoffiziellen Mitarbeiter wurden entsprechend ihren Aufgaben, ihrem Einsatzschwerpunkt und der Brisanz oder Wertigkeit ihrer Aufträge in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, wobei diese Differenzierung im Laufe der Jahre zunahm.
Drei Viertel der bislang untersuchten Ärzte galten als IMS, als inoffizielle Mitarbeiter, „die mit der Sicherung gesellschaftlicher Bereiche und Objekte beauftragt waren“ (19681979) oder „der politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereichs“ (19801990) dienten. Der Funktionstyp des IMS stellte generell die größte Gruppe unter den inoffiziellen Mitarbeitern, so auch unter den Ärzten. Ihnen war die Funktion zugewiesen, zur „allseitigen Gewährleistung der inneren Sicherheit im Verantwortungsbereich“ (4), das heißt in diesem Fall in der Poliklinik, im Krankenhaus oder auf einer Station, beizutragen. Die Bezeichnung IM wurde seit 1968 verwendet. Seither gab es auch gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS); diese deckten den gleichen Aufgabenbereich wie die IMS, wurden von den Führungsoffizieren allerdings als zweitrangig eingestuft (5).
Seit 1977 wurde an der Gewinnung hochwertiger IM-Kategorien in den Einrichtungen des Gesundheitswesens gearbeitet, da sich nach Ansicht des MfS „hohe Anforderungen an den schwerpunktmäßigen Einsatz der vorhandenen IM“ und „an die Schaffung notwendiger neuer Quellen nach durchdachten Anforderungsbildern“ stellen würden. Einige der IM-Ärzte waren deshalb über einen bestimmten Zeitraum als IMV, das heißt als inoffizielle Mitarbeiter tätig, die „unmittelbar an der Bearbeitung und Entlarvung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen“ mitarbeiteten. Sie sollten bei der direkten „Bearbeitung“ von verdächtigen Personen eingesetzt werden, mussten „Feinde“ überprüfen, beobachten und gegen sie ermitteln, um dadurch Kenntnisse über deren Pläne, Maßnahmen und Methoden zu erlangen (6).
Als Einsatzrichtung des Internisten und Kreisarztes IMV „Bernhardt“ wurde beispielsweise bestimmt, verdächtige Personen zu entlarven und umfassende Persönlichkeitsbilder von unter „operativer Personenkontrolle“ (OPK) stehenden Ärzten zu erstellen. „Bernhardt“ besaß nach Ansicht seines Führungsoffiziers „Voraussetzungen zum Einsatz in der Vorgangsbeschreibung und zur Anfertigung von Expertisen“. Mit seiner Hilfe habe 1974 ein operativer Vorgang (OV) „erfolgreich“ abgeschlossen werden können, „in wel
Endlose Reihen von Akten (darunter die IM-Akten) liegen in den Archivregalen der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
Endlose Reihen von Akten (darunter die IM-Akten) liegen in den Archivregalen der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
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chem ein Arzt unter Androhung von Demonstrativhandlungen die beantragte Übersiedlung in die BRD zu beschleunigen versuchte“.
Seit 1980 galt für diese inoffiziellen Mitarbeiter die Bezeichnung IMB; sie waren „inoffizielle Mitarbeiter der Abwehr mit Feindverbindung beziehungsweise zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen“ (7).
Einige Ärzte fungierten als IME, als „inoffizielle Mitarbeiter im besonderen Einsatz“; diesen waren Aufgaben wie Ermittlung und Beobachtung, Erstellen von sachverständigen Gutachten und Umsetzung von Leitungsentscheidungen in Schlüsselpositionen zugeordnet (4). FIM dagegen dienten der Führung anderer IM, schöpften sozusagen „Wissen von Dritten“ ab und erstellten umfangreiche zusammenfassende Berichte. Sie sollten deshalb politisch besonders bewährt, operativ erfahren und befähigt sein. Exemplarisch für diese Kategorie steht ein Psychologe, der in einer Strafanstalt mehrere IM unter den Gefangenen führte.
Unter „hochwertigen“ inoffiziellen Mitarbeitern verstand das MfS wiederum Mediziner, die einen großen Arbeitsbereich überblickten, einen hohen Bekanntheitsgrad aufwiesen sowie über umfangreiche Entscheidungskompetenzen verfügten. Deshalb nahm folgerichtig rund ein Viertel der untersuchten IM als Ärztlicher Direktor oder Chefarzt eine höhere Stellung in der beruflichen Hierarchie ein.
Die Ursachen für ihre Werbung lagen auf der Hand: Nach Ansicht der zuständigen Führungsoffiziere besaßen ärztliche Direktoren eine gewisse Übersicht und Möglichkeiten zur Steuerung von Maßnahmen, hatten Verbindungen zu vielen Angehörigen der medizinischen Intelligenz. Zudem verfügten sie in ihrer Position über einen größeren Gestaltungsspielraum.
Hohe Qualitätsmerkmale
Die „Aufklärung und Gewinnung“ von IM-Kandidaten in so genannten Schlüsselfunktionen des staatlichen Gesundheitswesens schien dem Staatssicherheitsdienst „ein objektives Erfordernis“. So war es beispielsweise 1984 aus Sicht einer sächsischen MfS-Kreisdienststelle nötig, den Schwerpunktbereich „Staatliches Gesundheitswesen“ weiter zu „durchdringen“ und in diesem Kontext „IM mit hohen Qualitätsmerkmalen zu schaffen“. Vor diesem Hintergrund bot der zuständige MfS-Major der Kreisdienststelle einen Kandidaten an, mit dem schon über einen längeren Zeitraum in einem „Vorlauf-IM-Vorgang“ operativ zusammengearbeitet worden war. Als Chefarzt eines Kreiskrankenhauses galt er als „fachlich versierter und ständig einsatzbereiter Mitarbeiter“. Nach Ansicht des hauptamtlichen MfS-Mitarbeiters würde er weit über die Grenzen des Verantwortungsbereiches hinaus von profilierten Ärzten medizinischer Einrichtungen sowie Universitätskliniken anerkannt. Der Kandidat habe zudem „allseitig gute Umgangsformen“, sei geistig rege, verfüge als Facharzt über einen hohen Ausbildungsgrad und habe in der täglichen Arbeit Kontakte sowie persönliche Berührungspunkte zu „operativ-interessierenden Fachärzten des Verantwortungsbereiches“.
Die Werbung von Kreis- oder Bezirksärzten galt deshalb als erforderlich und vorteilhaft, weil sie maßgebliche Entscheidungsbefugnisse über alle medizinischen Einrichtungen in ihrem Verantwortungsbereich besaßen. Sie konnten nach Ansicht des MfS Mängel und Missstände in den Einrichtungen überprüfen und beseitigen, mögliche wie notwendige Personalveränderungen „im Interesse der staatlichen Sicherheit“ unterstützen oder herbeiführen. Gerade ihnen sei es möglich, die Breite des Informationsbedarfs der Stasi weitgehend zu decken, mit politisch auffälligen Personen Aussprachen zu führen und gegebenenfalls „positiv motivierend“ einzuwirken. Sie konnten darüber hinaus Straftaten in politischer Hinsicht aufklären und daraus entstehende Konfliktsituationen verhindern. Zudem sei es ihnen möglich, Einfluss auf die Bestätigung von Reisekadern sowie auf Genehmigungsverfahren bei Reisen in dringenden familiären Angelegenheiten zu nehmen. Gerade bei Kreis- und Bezirksärzten setzte das MfS voraus, dass sie über Leitungserfahrung, Durchsetzungsvermögen, Parteilichkeit im Handeln, Einsatzbereitschaft, Zuverlässigkeit in der fachlichen und gesellschaftlichen Arbeit, eine positive Grundeinstellung zur Politik der SED und der Regierung, Kritik- und Kontaktfähigkeit und den Willen zur Verschwiegenheit verfügten.
Anwerbung von IM
Die meisten IM-Ärzte begannen in den 70er-Jahren ihre Kooperation mit der MfS. Vergleichsweise wenige wurden in den 50er- und 60er-Jahren angeworben. Die Dienstanweisung 4/59 gilt bisher als die eigentliche Geburtsurkunde des Bemühens um eine systematische Überwachung des Gesundheitswesens durch das MfS. Am 15. Juli 1959 gab Mielke die MfS-interne Anweisung, „je nach Größe und Umfang der Einrichtungen des Gesundheitswesens [. . .] ein bis zwei Mitarbeiter der Abteilung V zur Bearbeitung auf der Linie Gesundheitswesen einzusetzen“ (9). Die bisher ermittelten IM, die vor dieser Dienstanweisung angeworben wurden, studierten zu diesem Zeitpunkt Medizin und mussten zunächst über die Situation an den Universitäten berichten.
Seit den 50er-Jahren wurden die inoffiziellen Mitarbeiter vorwiegend wegen der schwierigen Situation an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten und der Flucht zahlreicher medizinischer Fachkräfte nach Westdeutschland geworben, im Laufe der 60er-Jahre hauptsächlich zur Unterbindung wissenschaftlicher sowie persönlicher Kontakte zwischen Ost und West. Seit den 70er-Jahren stellte das Gesundheitswesen durchgehend einen Schwerpunktbereich für das MfS dar, insbesondere wegen der verstärkten „Ausreisewilligkeit“ von Ärzten. In den 80er-Jahren schließlich gab es kein größeres Krankenhaus und keine andere größere Einrichtung des Gesundheitswesens in der DDR, in der das MfS keinen inoffiziellen Mitarbeiter unter den Angestellten angeworben hatte (10).
Nach Auffassung des Ministeriums für Staatssicherheit konnten die meisten Ärzte auf dem Wege der „Überzeugung“ für eine konspirative Tätigkeit geworben werden. Bei rund einem Fünftel war zusätzlicher Druck nötig. Was die vom MfS als „überzeugt“ eingeschätzten IM anging, bei welchen ebenfalls noch persönliche Probleme beziehungsweise Interessen hinzukamen, müssen jedoch Unterschiede berücksichtigt werden, die sich anhand des IM-Vorlaufs und konkret aus den Werbe- und Verpflichtungsgesprächen ermitteln lassen. IMV „Turm“, ein Krankenhaus-Chirurg, konnte zum Beispiel laut seiner Akte im Jahr 1974 „auf der Basis der Überzeugung für eine Zusammenarbeit mit dem MfS“ gewonnen werden. Als Voraussetzungen für diese Bereitschaft sah das MfS die „positive Erziehung im Elternhaus“, „seine Herkunft aus der Arbeiterklasse“ sowie „seine eigene positive Grundeinstellung zur Entwicklung in der DDR“ an.
Ein individuelles Anliegen konnte allerdings auch Ausgangspunkt für eine Anwerbung durch das MfS sein. Beispielsweise wandte sich IMB „Erich“ persönlich an das MfS, um über einen ausreisewilligen Patienten zu informieren. Offenbar befürchtete der Arzt Konsequenzen für die eigene Person, wenn er seine Informationen nicht an das MfS weiterleitete. Die Zielstellung der sich daraus ergebenden Anwerbung bestand im Folgenden allerdings nicht in der Kontrolle von Patienten, sondern in der „Bearbeitung eines operativen Vorgangs“, um so genannte Rückverbindungen ausgereister Ärzte zu überprüfen.
Ausnutzen privater Probleme
Die inoffizielle Mitarbeiterin „Barbara“ erhielt infolge persönlicher Probleme Kontakt zum MfS. Die an einer Poliklinik tätige Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten konsultierte aus Sorge um eine Verwandte staatliche Stellen, woraufhin die zuständige MfS-Kreisdienststelle benachrichtigt wurde, welche ihrerseits „die Möglichkeit einer Verbindungsaufnahme“ erwog. Geschickt nutzten die zuständigen Führungsoffiziere die privaten Probleme der Ärztin im zwangsläufig folgenden Werbegespräch, um ihr die angebliche Gefährlichkeit der Situation zu bestätigen, sie „bereits frühzeitig politisch zu formen“ und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Gefälschte Beweise
So genannte überzeugte IM-Kandidaten wurden teilweise auch unter Druck gesetzt oder durch Legenden verunsichert. Den zukünftigen IMS „Klaus Böhler“, einen Chirurgen an einem Krankenhaus, warb das MfS beispielsweise mit einer besonders ausgeklügelten Legende. Beim ersten Kontaktgespräch legten sie dem Arzt eine von den Stasioffizieren selbst angefertigte „Hetzschrift“ vor, in der sie auf tatsächlich bestehende Schwierigkeiten im staatlichen Gesundheitswesen der DDR aufmerksam machten und zum Widerstand aufriefen. Auf das Flugblatt hatte das MfS als Kontaktadresse den Namen des avisierten IM-Kandidaten gesetzt. Unter diesem Vorwand verlangte der spätere Führungsoffizier von dem völlig schockierten Arzt eine Stellungnahme. Daraufhin bezeichnete der
Mediziner das vorliegende Schreiben als „verwerflich“ und „verabscheuenswert“ und brachte angeblich von sich aus zum Ausdruck, „dass solchen Personenkreisen das Handwerk gelegt werden“ müsse und er deshalb bereit sei, sich an der Ermittlung derjenigen zu beteiligen, die seinen Namen missbraucht hätten. Ohne Zögern gab der hauptamtliche MfS-Mitarbeiter zu verstehen, dass man die Hilfe des Arztes auch im Zusammenhang mit der „Bekämpfung von Menschenhändlerorganisationen und kriminellen Schleusergruppen“ benötigen würde. Man brauche Informationen und Hinweise, um die Abwerbung von Ärzten und die damit verbundene „Lähmung des Gesundheitswesens“ generell zu unterbinden. Als der IM-Kandidat das notwendige Verständnis für die ihm nahe gelegten Aufgaben zeigte, konnte gleich im ersten Gespräch – sonst eher unüblich – die schriftliche Verpflichtung des IM vorgenommen werden. !
Das von den Führungsoffizieren genannte Motiv „Wiedergutmachung“ bei der IM-Anwerbung bedeutete nichts anderes, als Verunsicherung und Angst der Kandidaten für MfS-Zwecke auszunutzen. Diese Ärzte wurden letztendlich erpresst. So wandten sich MfS-Offiziere beispielsweise an Mediziner, die als politische Häftlinge im Gefängnis oder in einer Untersuchungshaftanstalt einsaßen. IMS „Sabine“, eine an einer Poliklinik beschäftigte Allgemeinmedizinerin, warb die Staatssicherheit 1975 „auf der Basis der Wiedergutmachung und der teilweisen Überzeugung“. Die spätere inoffizielle Mitarbeiterin befand sich zu dieser Zeit wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in Haft und in einer äußerst schwierigen familiären Situation, woraufhin ihr „im Ergebnis der Werbung vorzeitige Haftentlassung in Aussicht gestellt werden konnte“. Der Sportmediziner und IMS „Gustav Sonntag“ gehörte ebenfalls zu den Ärzten, die angeblich auf „der Grundlage der Wiedergutmachung und der politischen Überzeugung“ für die inoffizielle Zu
In jeder größeren Einrichtung des DDR-Gesundheitswesens waren IM-Mitarbeiter tätig. Foto: Matthias Lindner
In jeder größeren Einrichtung des DDR-Gesundheitswesens waren IM-Mitarbeiter tätig. Foto: Matthias Lindner
sammenarbeit gewonnen werden konnten. Die Werbung erfolgte während der Haft, in der sich der Arzt wegen aktiver Unterstützung von DDR-Bürgern bei der Übersiedlung in die Bundesrepublik befand. Nach dem Verpflichtungsgespräch im Jahr 1975 prüfte das MfS seine mögliche Strafaussetzung und entschied positiv, woraufhin der angehende IM auf der Grundlage der Strafprozessordnung und einer „internen Weisung“ des Obersten Gerichts der DDR vorzeitig aus der Haft entlassen wurde.
Motiv „Wiedergutmachung“
Der Staatssicherheitsdienst der DDR arbeitete bereits in den 60er-Jahren mit der Option der „Wiedergutmachung“ bei der IM-Werbung. So suchten hauptamtliche Mitarbeiter des MfS den Allgemeinmediziner und Kandidaten „Dr. Freund“ 1966 in seinem Sprechzimmer auf und forderten eine Aussprache. Die Anwerbung erfolgte unter dem Hinweis auf Verstöße des Arztes in seiner beruflichen Tätigkeit. Dem Mediziner wurde eine „Kompromisslösung“ angeboten, „falls von seiner Seite eine konsequente und ehrliche Einstellung in allen Problemen, welche aufgeworfen werden, zu verzeichnen ist“. Im weiteren Verlauf des Gesprächs willigte der höchst verunsicherte und nervöse Mediziner schließlich ein, mit dem MfS inoffiziell zusammenzuarbeiten.
Schriftliche Verpflichtung
Der jeweilige IM-Vorlauf, das heißt die längerfristige Beobachtung, Kontrolle und Einschätzung sowie die Werbung des avisierten IM, endete neben der Suche nach einem Decknamen und einem konspirativem Treffpunkt vor allem mit einem Verpflichtungsgespräch, in dem der Kandidat eine schriftliche Verpflichtungs- oder Schweigeverpflichtungserklärung unterzeichnete, per Handschlag die konspirative Zusammenarbeit einging oder zum IM berufen wurde. Bei Letzterem unterschrieb zum Beispiel ein angehender IM, der als Pathologe an einer Universität angestellt war, dass er die Berufung und damit folgende Anforderungen des MfS anerkannte: „Sie besitzen damit das Vertrauen unseres Organs, und wir erwarten von Ihnen, dass Sie das Ministerium für Staatssicherheit bei der Lösung seiner Aufgaben zur Aufklärung und Abwehr von Feindtätigkeit tatkräftig unterstützen. Wir bitten Sie, diese Berufung vertraulich zu behandeln und gegenüber anderen Personen strengstes Stillschweigen zu bewahren.“ IMS „Waldemar“, Orthopäde, ärztlicher Direktor eines Krankenhauses, lehnte dagegen „eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit in schriftlicher Form“ ab, traf sich aber dennoch regelmäßig mit hauptamtlichen Mitarbeitern der Staatssicherheit.
Zudem gab es Ärzte, die Ausmaß und Intensität der Zusammenarbeit geradezu aushandelten. Diese waren jedoch die Ausnahme. So gab IMS „Gustav Sonntag“ seinem werbenden MfS-Oberleutnant eindeutig zu verstehen, dass er seinen Freundeskreis nicht „operativ kontrollieren“ und darüber berichten würde. Trotz aller Überredungsversuche beharrte der inoffizielle Mitarbeiter hartnäckig auf seinem Standpunkt und verhielt sich bestimmten Aufgaben gegenüber abweisend. Das MfS musste sich darauf einlassen, den Schwerpunktbereich der Tätigkeit des IM auf die „Aufklärung bestehender Verbindungen zu Personen des BRD-Leistungssports“ und von „Personen der BRD-Pharmazie, zu denen er während der Leipziger Messen Kontakt unterhielt“, zu begrenzen. „Lediglich“ hierbei zeigte IMS „Gustav Sonntag“ „freimütig seine Bereitschaft bei der Übernahme von Aufträgen“.
Bei der Erarbeitung der schriftlichen Verpflichtung zur „freiwilligen Zusammenarbeit“ wurde vom IMS „Gustav Sonntag“ außerdem das Problem der „Wiedergutmachung“ dahingehend interpretiert, „dass aus dem Verantwortungsgefühl, welches er mit der inoffiziellen Zusammenarbeit gegenüber unserem Staat übernommen hat, für ihn die Pflicht erwächst, alles zu tun, um die DDR zu stärken“. Aus diesem Grund lehnte er es ab, die Formulierung „Wiedergutmachung“ in seine Erklärung aufzunehmen. Besonderen Wert legte IMS „Gustav Sonntag“ zudem auf die schriftliche Fixierung, dass die Aufträge im beiderseitigen Einvernehmen, entsprechend dem Inhalt und der Intensität besprochen werden und erst dann zur Ausführung kommen. Außerdem wurde von ihm erbeten, keinen „Gewissenszwang“ auf ihn auszuüben.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 3245–3252 [Heft 48]

Literatur
1. Müller KD: Die Ärzteschaft im staatlichen Gesundheitswesen der SBZ und der DDR 1945–1989. In: Jütte R: Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag; 257 f.
2. Müller-Enbergs H (Hrsg.): Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Richtlinien und Durchführungsbestimmungen. Berlin: Ch. Links 1996; 7.
3. ebd.; 11 ff.
4. ebd.; 65.
5. ebd.; 67.
6. ebd.; 76.
7. ebd.; 523.
8. Süß S: Politisch missbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Berlin: Ch. Links 1999; 273.
9. ebd.; 242.
10. ebd; 243.

Anschrift der Verfasserin:
Dr. phil. Francesca Weil
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden
Mommsenstraße 13
01062 Dresden

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